Wurzeln, Freiheit, Heimat – Die Riesinnen von Hannah Häffner

Auf dem Foto ist das Buch Die Riesinnen von Hannah Häffner an einen Baum gelehnt auf einer Wiese stehend abgebildet. Es ist das Header-Bild der Rezension des Buches.Auf dem Foto ist das Buch Die Riesinnen von Hannah Häffner an einen Baum gelehnt auf einer Wiese stehend abgebildet. Es ist das Header-Bild der Rezension des Buches.

Aktualisiert am 28. Februar 2026 von Antje Tomfohrde

Es gibt so Bücher, da weiß ich sofort, das wird was. „Die Riesinnen“ gehört dazu. Mit den ersten Sätzen war ich in der Geschichte und in der Sprache der Hannah Häffner und wollte nicht mehr raus. So ein Buch ist das.

Wovon handelt das Buch?

„Die Riesinnen“, das sind die Riessberger-Frauen, alle groß und dünn mit roten Locken. Alles beginnt mit Liese in den 60er Jahren in Wittenmoos, einem kleinen Ort im Schwarzwald.

„Auf der Straße geht eine schmale, großgewachsene Gestalt, um die die Dunkelheit einen Bogen zu schlagen scheint, denn sie leuchtet. Ihr rostblondes krauses Haar, die helle Haut, verwischt zu einem hellen, vibrierenden Tupfen.“

Aus „Die Riesinnen“ von Hannah Häffner

Liese fällt auf in dem kleinen Ort mit ihrer Größe und ihrer Andersartigkeit, die sie für die anderen nicht besonders macht im positiven Sinne, sondern so, dass sie eine Außenseiterin ist. Verheiratet ist sie mit Bernhard, einem schweigsamen Mann, der irgendwann einmal die Metzgerei der Eltern erben soll.

Die beiden bekommen ein Kind, Cornelia, die nur Cora genannt wird. Bernhard hätte lieber einen Stammhalter bekommen und lässt es Liese und Cora spüren. Da Cora ihrer Mutter sehr ähnlich ist, wird sie von den anderen Kindern des Ortes gehänselt und verbringt die meiste Zeit mit ihrer Mutter. Als Bernhard stirbt, setzt sich Liese gegen ihre Schwiegereltern durch und übernimmt die Metzgerei. Sie beißt sich durch, lernt alles von der Pike auf und setzt sich gegen alle Widerstände durch.

Auch Cora beißt sich durch, ist gut in der Schule und will raus aus der Enge des Dorfs und kehrt doch zurück, um ihre Tochter in Wittenmoos aufzuziehen.

„Sie ist aus Wittenmoos fort, weil sie es nicht ertragen hat, aber jetzt bleibt ihr nichts anderes übrig, als zu ertragen, von morgens bis abends, jeden einzelnen Tag.“

Aus „Die Riesinnen“ von Hannah Häffner

Es gelingt ihr, sich ein Leben aufzubauen und ihre Tochter Eva, die genauso aussieht wie Liese und Cora, ist ein Kind, das dazugehört und zur Gemeinschaft gehört.

Doch auch Eva muss erst ihren Weg finden, bis sie Wurzeln schlagen und gleichzeitig frei sein kann.

„Was ist falsch an Wurzeln? Sie halten dich, das ist es, das ist ihr Fehler und das einzig Sinnvolle, was sie tun.“

Aus „Die Riesinnen“ von Hannah Häffner

Wie hat mir „Die Riesinnen“ gefallen?

„Die Riesinnen“ ist ein Buch, das einen festen Platz in meinem Regal bekommen wird, ein Buch, das ich mehr als einmal lesen möchte. Es hat mich ganz und gar aufgesogen und mich mit einem Buchkater zurückgelassen, so gut hat es mir gefallen.

Doch was genau hat mir so gut gefallen? Zum einen die Geschichte dreier Frauengenerationen, die ein wenig anders sind, nicht in der Mitte, sondern eher am Rand einer Gemeinschaft stehen, aber bei sich sind, auch wenn das nicht leicht für sie ist. Sie suchen ihren Platz, eine Heimat, einen Ort, wo sie Wurzeln lassen können, aber auch frei sein können. Das ist eines der Hauptthemen für mich in diesem Buch.

„Man muss einen Ort nicht lieben, um ihn nicht loszuwerden, wohin man gehört, entscheidet man schließlich nicht selbst. Man steuert sein Wurzeln nicht, sie suchen sich selbst ihr Stück Erde und man muss damit leben.“

Aus „Die Riesinnen“ von Hannah Häffner

Es ist ohne Pathos, aber sprachgewaltig erzählt. Man fühlt die Sprachlosigkeit, in der besonders Liese lebt. Eine Frau mit geradem Rücken und Prinzipien, die nicht viele Worte braucht und mit ihrer großen Wut zu kämpfen hat.

Wut ist eines der Gefühle, das sie mit Cora teilt, aber sie gehen beide anders damit um. Sie lassen sich beide nicht vom Schicksal brechen, halten sich gegenseitig, doch driftet es nicht ins Kitschige ab. Da ist noch ausreichend echtes Leben und kein Honigkuchen im Übermaß, der Prinz kommt nicht auf dem weißen Pferd, sie ziehen sich selbst immer wieder aus ihren persönlichen Tiefen. Wut ist ein Gefühl, das da sein darf und zu ihnen gehört und das ist gut so.

Und auch Eva ist nicht nur der kleine Sonnenschein, sondern wird zu einer Frau, die erst ihren Weg finden muss, bevor sie eine Heimat finden kann.

„Zu Hause ist schließlich etwas anderes als daheim. Zu Hause kann sich ändern, daheim bleibt.“

Aus „Die Riesinnen“ von Hannah Häffner

Alle drei Frauen verbindet ihre äußerliche Andersartigkeit, ihr gerade Rücken und die Liebe zur Natur zum Wald, der für alle drei ein Anker ist. Dort gehen sie hin, wenn sie traurig, wütend oder was auch immer sind. Er gibt ihnen Ruhe, die Möglichkeit, wieder in sich zurückzukehren, wenn sie sich zwischendurch mal verlieren und schenkt ihnen Kraft. Das mag sich jetzt kitschig anhören, ist es aber nur, weil ich nicht so schöne Worte wie Hannah Häffner dafür finde.

Liebe spielt auch eine Rolle in dem Buch, ganz besonders die Liebe der Frauen zueinander, die Mutter-, Großmutter- und Enkeltochterliebe, aber auch das Liebenlernen eines Kindes. Es ist nicht immer einfach für die einzelnen Frauen und jede hat ihre ganz eigenen Herausforderungen. Das macht das Buch auch noch einmal besonders. Es wird nicht dieses eine Schicksal immer weiter vererbt, sondern sie sind ganz eindeutig äußerlich verwandt und kämpfen auch jede auf ihre Weise um Freiheit und ihren Platz im Leben, aber jede hat ihr Thema.

Die Entwicklung von den 60er Jahren bis zur Jetztzeit mitzuerleben, ist spannend. Liese, die unter gesellschaftliche Konventionen zu leiden hatte, Cora, die eine große Freiheit erleben durfte und immer wieder zweifelte, ob sie ihre Welt wirklich so klein wie Wittenmoos lassen sollte und dann Eva, die ganz anders über ihr Leben entscheiden kann, als es Mutter und Großmutter konnten und die die Generationen verbindet.

Es gibt interessante Nebenfiguren, die sich durchs Buch ziehen und man wünscht sich, dass so manches Geheimnis aufgeklärt wird, dass zwischen den Zeilen schwebt. Da ist nichts künstlich Inszeniertes, keine glückliche Fügung, die aufgesetzt wirkt, es wirkt so wirklich. Schicksalsschläge werden nicht locker überwunden, sondern lassen die Figuren mit inneren Narben zurück, mit denen sie leben lernen müssen. Es gibt Entscheidungen, vor denen so einige schon gestanden haben und die nicht leicht waren. Ich möchte jetzt nicht alles erzählen, aber es gab ein paar Stellen, an denen ich mich gut in die Protagonistinnen hineinversetzen konnte.

„Menschen mögen Geheimnisse, wenn es denn ihre eigenen sind. Geheimnisse sind wie Haustiere, man kann sie hegen und füttern und sich an ihnen erfreuen, und sie gehorchen niemandem sonst.“

Aus „Die Riesinnen“ von Hannah Häffner

Als das erzählt in einer für mich ungewöhnlich schönen Sprache, in die ich einfach eingetaucht bin und die mich mit ihren Wechseln von spröde bis zu ganz gewaltig begeistert hat. Eine der großen Stärken liegt für mich in den Naturbeschreibungen, in denen ein Gewitter spürbar wird oder der Wald wie ein lebendiges Lebewesen erscheint.

„Die Kälte ist es nicht, es ist die Gewissheit, dass der Wald alles an die Oberfläche bringt, darin ist er gut und unerbittlich. In seinen Tiefen ist Platz für Ungesagtes, Ungedachtes und es ist, als wäre er entschlossen, diese Tiefen anzufüllen.“

Aus „Die Riesinnen“ von Hannah Häffner

Es ist einfach eine richtige gute Geschichte, die mich zum genau richtigen Zeitpunkt gefunden hat. Eine ganz große Leseempfehlung!

Über die Autorin:

1985 wurde Hannah Häffner in Heidelberg geboren. Sie studierte Politikwissenschaften und arbeitete als Werbetexterin. Mittlerweile lebt sie in der Nähe von Stuttgart mit ihrer Familie als freie Texterin und Schriftstellerin.

Informationen zum Buch
Buchtitel: Die Riesinnen
Autorin: Hannah Häffner
Erscheinungsdatum: 25. Februar 2026
Verlag: Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-60433-4

PS: Mein Buch ist ein kostenloses Leseexemplar, das mir über das Bloggerportal vom Penguin Verlag zur Verfügung gestellt wurde. Herzlichen Dank dafür! Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.

„Bergland“ von Jarka Kubsova passt gut zu „Die Riesinnen“. Es spielt in Südtirol in den Bergen und erzählt von einem Bergbauernhof und der Familie, die ihn bewirtschaftet. Auch in diesem Roman spielen Frauen die Hauptrolle.

„Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“ von Anna Maschik erzählt auch über drei Frauengenerationen einer Familie und führt uns von der Nordsee nach Österreich. Auch das kann ich dir von ganzem Herzen empfehlen.

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