Aktualisiert am 4. April 2026 von Antje Tomfohrde
Ab und an braucht es mal so einen Lesehappen, der gut geschrieben einfach unterhält und an einem Abend weggelesen werden kann, ohne dabei allzu platt zu sein. Genau so ein Buch ist „Gym“ von Verena Kessler und warum das so ist, verrate ich dir hier.
Worum geht es in „Gym“?
Die Protagonistin sitzt im Vorstellungsgespräch im MEGA GYM mit strähnigen Haaren, muffigem Geruch, Erdnussflipbauch und erhöhtem Puls vom Treppensteigen und behauptet selbstbewusst, dass Fitness schon immer ihre Leidenschaft gewesen sei. Leider überzeugt es Ferhat, den Eigentümer, nicht so ganz.
„Er wolle mir nicht zu nahe treten, druckste er, es sei nur so, also, ich solle ihn nicht falsch verstehen, aber sein Team, das müsse diesen Ort gewissermaßen, nun ja, auch verkörpern, also Fitness und Wellness und Gesundheit und all das auch selbst ausstrahlen. Den Lifestyle leben. Ob ich wüsste, wie er meinte.“
Aus „Gym“ von Verena Kessler
Und sie weiss nur zu gut, wie er meint. Doch statt die Wahrheit zu sagen, behauptet sie, dass sie erst kürzlich entbunden hätte und noch nicht zu alter Form zurückgefunden hätte. Diese Lüge verhilft ihr zum Job als Thekenkraft im MEGA GYM, denn ihr neuer Chef Ferhat hat nicht nur ein gutes Herz, sondern fühlt sich auch als Feminist, der eine alleinerziehende Mutter gerne unterstützt.
Langsam gewöhnt sie sich ein und wird immer sicherer, als sie merkt, dass niemand aus ihrer alten Branche im MEGA GYM trainiert. Die größte Herausforderung ist, ihre Mutterschaft vorzutäuschen, denn natürlich stillt sie noch und wird immer wieder gebeten, Fotos von ihrem Kleinen zu zeigen.
Da sie als Angestellte auch trainieren darf, das sogar ausdrücklich erwünscht ist (Körpergefühl und Lifestyle leben und so), beginnt sie zu trainieren, erst einmal nur, um ihren Pre-Baby-Body zurückzubekommen. Ferhat persönlich erstellt ihr einen Trainingsplan, in den selbstverständlich auch Beckenbodengymnastik integriert ist, Ferhat kennt sich aus.
Irgendwann entdeckt sie, warum ihre Kollegin Milli so viel mehr Umsatz als sie macht und ist angefixt. Sie will das auch und hat so die für sie beste Motivation zum Training gefunden.
„Im Grunde war es ganz simpel. Ein fitter, ein straffer, ein starker Körper war vor allem eins: Arbeit. Je mehr man investierte, desto schneller kam man an sein Ziel, alles was es dazu brauchte waren Disziplin und Willensstärke.“
Aus „Gym“ von Verena Kessler
Es läuft alles ganz gut, bis Vick, eine Body-Builderin im MEGA GYM auftaucht und dort trainiert oder besser: für uns Leser*innen geht der Spaß ab hier erst richtig los und ich verrate jetzt nichts weiter…
„Ihr Shirt rutschte ein Stück hoch, gab den Blick frei auf einen Bauch, den man kaum so nennen konnte. Vier, fünf, sechs klar voneinander getrennte Päckchen. Die Rillen dazwischen so tief. Ich wollte mit dem Finger darüberfahren, oder besser: mit der Zunge.“
Aus „Gym“ von Verena Kessler
Über die Autorin:
Verena Kessler wurde 1988 in Hamburg geboren und machte zunächst eine Ausbildung als Werbetexterin. Dann studierte sie deutsche Literatur und germanistische Literatur in Berlin und später am Deutschen Literaturinstitut Leipzig literarisches Schreiben. Ihr erster Roman „Die Gespenster von Demmin“ erschien 2020. „Eva“ folgte 2023 und wurde mit dem Literaturpreis „Der zweite Roman“ ausgezeichnet. Die Autorin lebt in Leipzig.
Wie hat mir das Buch gefallen?
„Eva“ ist das erste Buch, das ich von Verena Kessler gelesen habe und deshalb wollte ich auch unbedingt „Gym“ lesen, auch wenn es vom Thema ganz anders klang.
Und „Gym“ fängt auch schon gleich sehr direkt an mit einem Bewerbungsgespräch im Fitnessstudio, in dem die Protagonistin ohne Namen einfach kackendreist lügt, ohne rot zu werden. Einen Lebenspartner erfinden, okay, aber gleich ein Kind, um den unsportlichen Körper zu erklären, wow!
„Jahrelang hatte mein Körper vor allem gesessen, er war ein Bürokörper, ein U-Bahn-Körper, ein Couchkörper.“
Aus „Gym“ von Verena Kessler
Und so ist nach den ersten Seiten und ein paar kleinen Andeutungen schnell klar, dass die Frau ohne Namen mehr als ein erfundenes Kind zu verbergen hat. Es ist völlig faszinierend, ihr dabei zuzuschauen, wie sie ein Lügengespinst aufbaut und gleichzeitig beginnt, noch weitere Ziele zu verfolgen, als bloß einen Job zu haben und nicht aufzufliegen.
Diese Frau hat irgendwann Feuer gefunden und brennt lichterloh für ihr Ziel. Und als Vick beginnt im Studio zu trainieren, wirft sie den inneren Flammenwerfer an. Da ist nicht mehr nur Ehrgeiz im Spiel, sondern Besessenheit. Und ich möchte da jetzt nicht zu sehr spoilern, aber es geht echt ab und an einigen Stellen hatte ich leichten Brechreiz (wenn du es liest, wirst du wissen, was ich meine). Um ans Ziel zu kommen, werden Grenzen überschritten, ach Quatsch, einfach niedergetrampelt im Wahn und Wahnsignale überhört und übersehen…
„Es würde alles besser werden, wenn ich mein Ziel erreicht hätte. Wenn ich da wäre, wo ich hingehörte. Wenn ich gezeigt hätte, dass ich nicht nur gut war. Sondern die Beste.“
Aus „Gym“ von Verena Kessler
Das ist kein Versprechen, sondern eine Drohung. Und das macht das Buch so gut, auch wenn kurz vor dem Höhepunkt klar wird, wohin es laufen wird, mindert es das Lesevergnügen nicht, zumal das Ende mehr als ein Augenzwinkern ist.
„Gym“ ist gute Unterhaltung und zeigt gleichzeitig, wohin Besessenheit und krankhafter Ehrgeiz führen können. Die Protagonistin ist nicht nur übermäßig ehrgeizig, tief in ihrem Inneren sitzt wohl das Gefühl, nicht genug zu sein und das mit immer mehr und immer krasserer Leistung zu kompensieren, bis sie endlich die Anerkennung bekommt, die sie ihrer Meinung nach verdient. Sie schreckt vor nichts zurück und schont weder sich selbst noch andere, um ihr Ziel zu erreichen. Das wird immer mehr deutlich, wenn man die Rückblicke auf die Zeit vor dem MEGA GYM liest. Da gibt es alte Muster, die nicht durchbrochen wurden und immer wieder alte Wunden aufreißen.
„Hier ging es nicht um Schönheit, nicht um Sex, nicht darum, was irgendjemand von ihr dachte oder wollte. Auf einmal war es mir vollkommen klar. Was Vick da machte, war, sich selbst zu erschaffen. Ein Selbst, das sich so sehr abhob, so sehr für sich stand, so unumstößlich da war in der Welt, dass jede Meinung dazu, jede Wertung, jedes Begehren einfach daran abprallen musste.“
Aus „Gym“ von Verena Kessler
Natürlich bekommt auch die Fitnessbranche ihr Fett weg bzw. es zeigt, wo und wie Sport zur Obsession, zur Sucht werden kann und auch im Hobby- und Halbprofibereich um jedes Gramm Körperfett und jedes Follow auf Insta oder TikTok gekämpft wird. Darauf erst einmal einen Proteinriegel, ein Stück Harzer Roller oder einen Shake, vielleicht einen Muscle-Hustle, wie er im Buch serviert wird?
„Ich hatte alles unter Kontrolle. Mein Körper war zu meinem Projekt geworden, und das Projekt lief hervorragend. Die Zahlen stimmten, das Wachstum konnte sich sehen lassen, der Markt hatte den Relaunch bestens angenommen.“
Aus „Gym“ von Verena Kessler
Dieses Buch zu lesen, ist, als ob man jemandem dabei zuschaut, wie er ungebremst einen Berg hinunter rast. Es hat mich entsetzt, atemlos gemacht und einfach gut unterhalten, da Verena Kessler auch sprachlich ohne Bremse unterwegs ist.
Autorin: Verena Kessler
Erscheinungsdatum: 19. August 2025
Verlag: Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-28163-9
PS: Dieses Buch ist ein sogenanntes „Wanderbuch“, das von https://www.instagram.com/dimis_buecherecke/ via Instagram auf die Reise geschickt wurde. Verschiedene Buchblogger*innen haben dieses Buch mittlerweile gelesen und es danach an die nächste Person geschickt. Ich freu mich sehr, dass ich es auf diese Art und Weise lesen konnte und bedanke mich ganz herzlich dafür!
Ganz gut zu diesem Buch passt „Blaues Wunder“ von Anne Freytag, aber auch „Drei“ von Dror Mishani könnte dir gefallen. Natürlich passen auch die Bücher von Amélie Nothomb wie zum Beispiel „Kosmetik des Bösen“ gut dazu.
