Nüchtern von Daniel Schreiber

Auf dem Foto liegen ein Paar Socken in weinroten, rosa, orangen und weißen Ringeln und das Buch Nüchtern von Daniel Schreiber auf einem Holztisch. Es ist das Headerbild zur Rezension des Buches.

Aktualisiert am 8. März 2026 von Antje Tomfohrde

Es gibt viele Bücher über das Trinken und den Weg hinaus. Der Autor Daniel Schreiber erzählt in „Nüchtern“ von seinem ganz persönlichen Weg aus der Sucht. Es ist keine gewöhnliche Geschichte – keine Erzählung über den Weg aus der Sucht ist gewöhnlich – doch Schreiber beschreibt auch das Ende einer Liebe, seiner Liebe zum Alkohol oder zu dem Glücksgefühl, dass er ihm gegeben hat.

Worum geht es in dem Buch?

„Es ist immer einfacher, sich an den Anfang einer Liebe zu erinnern als an ihr Ende. Ich kann noch mit hundertprozentiger Genauigkeit das Gefühl jener Zeit in mir hervorrufen, als das Trinken zu einem festen Bestandteil meines Lebens wurde, zu einem unverrückbaren, beglückenden Bestandteil.“

Aus „Nüchtern“ von Daniel Schreiber

Mit diesen Worten beginnt Daniel Schreiber sein Essay über seinen Weg aus der Sucht. Er startet am Anfang, als diese Abhängigkeit begann. Man hat das Gefühl in einer Werbung für das gute Leben gelandet zu sein, so intensiv beschreibt Daniel Schreiber die Momente des glücklichen Trinkens.

„Stellen Sie sich vor, wie Sie ein Walnussbrot aufschneiden, einen provenzalischen Ziegenkäse aus dem Einschlagpapier nehmen, ein paar Muskattrauben dazulegen und sich einen kalifornischen Pinot Noir ins Glas gießen. Wie Sie das Glas zum Mund führend, das weiche Aroma einatmen, einen Schluck nehmen und kurz darauf spüren, wie jenes warme Gefühl der Entspannung durch Ihren Körper fließt.“

Aus „Nüchtern“ von Daniel Schreiber

Vermutlich bin ich nicht die Einzige, die jetzt an einen schönen Moment denkt, wo es ähnlich war. Aber es blieb bei ihm nicht so, denn die Liebe zum Trinken ist oftmals tückisch und nicht für ein Happy End geeignet.

Daniel Schreiber versucht sich daran zu erinnern, wann es kippte und er kein Glück mehr beim Trinken empfand, sondern in die Abhängigkeit geriet. Er schreibt vom Selbstbetrug und geht auch darauf ein, wie viele Menschen in eine Alkoholabhängigkeit geraten und wie hoch der Anteil der Bevölkerung ist, der alkoholabhängig ist.

„Alkoholismus ist eine Volkskrankheit, so weit verbreitet wie Diabetes. Es gibt Menschen, die trinken können, und es gibt Menschen die abhängig werden, wenn sie trinken. Nach der letzten Erhebung der Bundeszentrale für Gesundheit gehören in Deutschland ungefähr 27 Prozent der erwachsenen Bevölkerung zu den Menschen, die nicht in der Lage sind, ohne schwerwiegende gesundheitliche und psychische Folgen zu trinken.“

Aus „Nüchtern“ von Daniel Schreiber

Im Laufe des Essays beschreibt er den Weg aus der Sucht, wie es ihm geholfen hat und immer noch hilft, dass es das Netz der Selbsthilfegruppen gibt, die ihn auffangen. Er schreibt von dem Moment, als er sich ein anderes Leben vorstellen konnte und von der großen Angst, die ihn begleitet. Er lässt uns an seinem Weg aus der Sucht teilhaben und begleitet diese Reisebeschreibung mit statistischen Daten und einer gesellschaftlichen Analyse.

„Abhängigkeit ist – um in den Bildern der Neurobiologie zu bleiben – der Versuch einer synaptischen Abkürzung, der Versuch, mehr von dem zu bekommen, was man braucht, indem man alles, was man zu brauchen glaubt, auf eine Substanz, den Alkohol, projiziert. Wenn man eine Substanz derart besetzt, wird es schwer, seine Bedürfnisse auf eine andere, eine reale Art und Weise zu befriedigen. Nüchtern kann man genau das.“

Aus „Nüchtern“ von Daniel Schreiber

Wie hat mir „Nüchtern“ gefallen?

„Nüchtern“ stand schon eine ganze Weile auf meiner Leseliste und so ist es bei meiner Auswahl #12für2026 gelandet. Valerie Wagner wollte dieses Buch auch schon lange lesen und so haben wir es gemeinsam gelesen und Kapitel für Kapitel darüber diskutiert. Ein intensiver Austausch war das, danke dafür!

Alkohol ist in unserer Gesellschaft etwas Normales und solange du dich nicht komplett abschädelst, verlotterst, Haus und Hof versäufst, ist das Trinken gesellschaftsfähig oder besser „normal“. Auf jeden Fall ist Sucht in den meisten Fällen immer etwas, das einen auf gar keinen Fall nicht selbst betrifft, man hat sich ja im Griff usw.

Da trifft die Zahl von einem Anteil von 27 Prozent an der erwachsenen Bevölkerung, der von einer Alkoholsucht betroffen ist oder an der Schwelle zur Abhängigkeit steht, hart in die Magengrube unserer Gesellschaft. Die Frage ist, ist man selbst betroffen, ist das eigene Trinkverhalten noch in Ordnung oder sollte man es lieber lassen, kann man es überhaupt noch lassen?

Daniel Schreiber schreibt von seinem Lassen, von seinem Weg, mit dem Trinken aufzuhören. Er macht das persönlich ohne dass er uns komplett mit in seine seelischen Tiefen zu nehmen und ohne großartig heldenhafte Saufgelage zu beschreiben. Es ist das Betrachten eines Teils seines Lebens, dass er so jetzt nicht mehr lebt und wie er es geschafft hat, etwas anderes zu finden, ohne sich selbst zu hassen.

„Man realisiert, dass man sich nicht verändert, indem man versucht, jemand zu sein, der man nicht ist. Sondern nur, indem man für sich da ist, indem man denkt, was man denkt, fühlt, was man fühlt, begehrt, was man begehrt, ohne der Wirklichkeit auszuweichen oder sie zu verdrängen. Man realisiert, dass man sich nur verändern kann, indem man sich selbst und das, was man getan hat, akzeptiert.“

Aus „Nüchtern“ von Daniel Schreiber

Selbstakzeptanz und sich selbst vergeben können, ist vermutlich mit eine der wichtigsten Voraussetzungen, denn auch in Schreibers Leben hat es unangenehme Tiefpunkte des Trinkens gegeben. Das ist vermutlich neben des Sieges über die körperliche Abhängigkeit das Wichtigste, sich selbst im Spiegel wieder in die Augen schauen zu können.

Interessant fand ich, dass er unsere Gesellschaft analysiert, in Bezug auf den Umgang mit der Alkoholsucht. Bis zu einem gewissen Punkt ist es cool, ordentlich etwas vertragen zu können, doch dann kippt es irgendwann, geht mehr zu Bruch und wenn du eine trinkende Frau bist, schaut die Gesellschaft noch einmal ganz anders darauf.

„Öffentlich wird Alkoholismus, obwohl unter Männern weiter verbreitet als unter Frauen, feminisiert. Echte Männer, so das dahinterliegende Vorurteil, trinken vielleicht oft einen über den Durst und treten mal in den einen oder anderen Fettnapf, aber deswegen sind sie nicht gleich Alkoholiker. Männer können trinken. Frauen nicht.“

Aus „Nüchtern“ von Daniel Schreiber

Auch geht er darauf ein, wie hart wir in Deutschland auf das Trinken bzw. die Alkoholkranken blicken und wie groß der Selbstbetrug hier ist. Das Trinken ist Alltag, aber es wird auf diejenigen herabgeschaut, die süchtig geworden sind.

„Alkoholismus ist eine Krankheit, die wir verstecken, verwischen und geheim halten wollen, eine Krankheit umrankt von zahllosen Mythen und Klischees – und eine Krankheit, von der wir nach wie vor viele Menschen denken, dass sie keine Krankheit sei.“

Aus „Nüchtern“ von Daniel Schreiber

Diese ist ein wichtiger Punkt, den Schreiber da benennt, es schwebt unterschwellig oftmals noch mit, das jemand an seiner Suchterkrankung selbst Schuld sei, dass es reicht, einen starken Willen zu haben, um „nein“ zu sagen. Ein starker Wille hilft, da hinauszufinden, aber wenn die Abhängigkeit da ist, hilft da erst einmal gar nichts.

Es wird nichts beschönigt in dem Buch und auch gleichzeitig nichts dramatisiert bzw. das Vorurteil, dass nur Menschen, die als stadtbekannte Säufer erst einem totalen mentalen und physischen Zusammenbruch erleiden müssen, geheilt werden können und das nur im Entzug.

Der Autor hat einen anderen Weg gewählt bzw. hatte das Glück, dass es sich bei ihm so ergeben hat. So wie die Sucht oftmals viele Jahre nicht auffällt, Menschen funktionieren, kann auch eine Heilung so eingeleitet werden wie in diesem Fall. Ihm hat die Selbsthilfegruppe sehr gefallen und das ist das, was mir auch ein Verwandter immer wieder erzählt hat, dass ihm dieses Netzwerk Halt gegeben hat.

Wir erfahren, wie er langsam in sein nüchternes Leben findet und lernt damit klarzukommen, auch damit, dass nicht alle anderen Menschen um ihn herum auch mit dem Trinken aufhören.

Es sind viele Facetten des Trinkens, über die Schreiber hier schreibt und es wirft einen Blick auf gesellschaftliche Aspekte und welche Faktoren zum einen für den Weg in die Abhängigkeit verantwortlich gemacht werden können und wie ein Weg zurück gelingen kann.

Daniel Schreiber schreibt in „Nüchtern“ über das Trinken und das Glück, das Glück, dass ihm das Trinken eine Zeit lang bedeutet hat und das Glück, mit dem Trinken aufgehört zu haben. Das ist für mich einer der wichtigsten Punkte des Buches, er hat sich verziehen und seinen Frieden damit gefunden. Es ist die Wehmut, mit der man an eine vergangene große Liebe denkt, eine Liebe, die nur in der Erinnerung schöne Momente hatte, von der man aber weiß, dass es gut ist, dass sie beendet wurde. Dabei romantisiert er seine Sucht nicht, sondern geht sehr offen damit um, er weiß um das Glück, dass er diesen Absprung geschafft hat.

Er schafft es, sprachlich schön von seinem Weg zu schreiben und es kam an keiner Stelle ein unangenehmes Gefühl auf, was mir manchmal passiert, wenn ich solche Selbstberichte lese. Ich kann dir das Buch von ganzem Herzen empfehlen.

Informationen zum Buch
Buchtitel: Nüchtern
Autorin: Daniel Schreiber
Erscheinungsdatum: 13. April 20216
Verlag: Suhrkamp Taschenbuch Verlag
ISBN: 978-3-518-46671-1

PS: Dieses Buch ist selbst gekauft und ich kaufe Bücher am liebsten in kleinen, inhabergeführten Buchhandlungen. Bei den meisten Buchhandlungen ist es auch möglich, online zu bestellen, sie sind also auf jeden Fall eine Alternative zu den großen Online-Shops. Online bestellen und in der Buchhandlung abholen oder direkt nach Hause liefern lassen, auch eBooks können direkt bei der Buchhandlung deiner Wahl online gekauft werden. Bei mir im Ort gibt es die Hohenlimburger Buchhandlung, dort kaufe ich viele meiner Bücher und sie hat einen Online-Shop. #SupportYourLocalBookshop

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