Aktualisiert am 12. April 2026 von Antje Tomfohrde
Was macht ein lebenswertes Leben aus und was ist wichtig im Leben? Darum geht es in „Calanda oder Alvas Antwort“ von Angelika Overath. Alva sucht Antworten auf diese Fragen.
Worum geht es?
Alva bekommt eine niederschmetternde Nachricht und braucht Antworten, wie und ob es überhaupt weitergehen kann. Sie macht sich auf den Weg den Haldensteiner Calanda hinauf, einen Weg, den sie schon oft in verschiedenen Abschnitten ihres Lebens gegangen ist.
„Heute, dachte sie. Es würde sich entscheiden. Hatte es sich schon entschieden? Nur wusste sie es noch nicht?“
Aus „Calanda oder Alvas Antwort“ von Angelika Overath
Im Morgengrauen macht sie sich mit dem Fahrrad auf den Weg zum Berg und beginnt aus ihrem Leben zu erzählen oder besser sich zu erinnern. Sie hat zwei Kinder, Florinda und Mavi, von zwei verschiedenen Vätern, Cla und Baran, die eine Beziehung miteinander hatten.
Alva geht in Gedanken zurück zu den Anfängen ihrer Beziehung zu Cla, wie Baran in Istanbul in das Leben von Cla getreten ist und wie Baran dann auch irgendwann in ihr Leben kam und sie jetzt von beiden Männern Kindern hat.
Alva setzt die Mosaiksteine nach und nach zusammen und erzählt von ihrer besten Freundin Seraina, von ihrer Mutter und von ihrer Großmutter, einer Sudetendeutschen, die aus ihrem Land fliehen musste und zu der sie eine ganz innige Beziehung hatte. Sie war bei ihr, wenn ihre Mutter fort musste, um Geld als Yogalehrerin an exotischen Orten zu verdienen.
„Sie war ein Kind gewesen, das Angst gehabt hatte, aber mutig sein musste. Also hatte sie Mut gelernt. Man kann Mut lernen wie Klavier spielen, dachte sie jetzt.“
Aus „Calanda oder Alvas Antwort“ von Angelika Overath
Mit jedem Höhenmeter kommen wir Alva näher und erleben mit, wie sie ihrer Entscheidung näher kommt.
„Sie wollte es noch einmal tun. Noch einmal hinauf. Es war ihr Ort. Dieses Gebirgsmassiv hatte sie begleitet. Ihr Leben lang.“
Aus „Calanda oder Alvas Antwort“ von Angelika Overath
Wie hat mir „Calanda oder Alvas Antwort“ gefallen?
Das Buch beginnt ganz ruhig und leise und doch ist es ein direkter Beginn mitten in der Geschichte. Es gibt nicht großartig viele Erklärungen, sondern wir sind von Anfang an in Alvas Gedankenwelt.
Da ist ein Igel, dann kommen die beiden Männer ihres Lebens in ihre Gedanken, die Kinder und zwischendurch immer wieder Naturbeschreibungen, die Geschichte einer Wölfin und Andeutungen, was denn nun los ist mit Alva. Welche Entscheidung muss sie treffen und warum?
Als sie das Geheimnis dann vor uns Lesenden lüftet, ist es wie ein Schlag in die Magengrube und es ist klar, dass Alva nicht nur eine Wanderung macht, um den Kopf freizubekommen. Es geht um alles.
Das hört sich jetzt genauso dramatisch an, wie es ist und auch wenn das Buch ein leises Buch ist, ist es da ganz laut. Alvas Angst vor dem, was kommt, kriecht einem in den Körper und beim Leben durchlebt man ihre Gefühle und erfährt, wie sie gemerkt hat, dass etwas nicht in Ordnung ist.
„Sie war unterwegs auf den Gipfel des Calanda. Sie brauchte eine Antwort auf ihre Situation. Diese Antwort, das spürte sie, war nicht rein durchs Nachdenken zu geben.“
Aus „Calanda oder Alvas Antwort“ von Angelika Overath
Mit knapp 160 Seiten ist es kein langatmiger Roman, aber es reicht, dass Angelika Overath den Teil über Alvas Leben erzählt, der nötig ist, um ihre Entscheidungssuche zu verstehen, die seelische Not, in der sie sich auf dieser Wanderung befindet.
Dies ist ihr auch sprachlich außerordentlich gelungen mit kurzen Sätzen und einzelnen Worten, die die Gedanken unterstreichen. Überhaupt die Sprache, sie ist so schön und gut gesetzt, das Wort „Glückserschrecken“ bleibt haften und die Beschreibungen der Personen, die sich mehr auf die Art begrenzt als auf ihr Aussehen, also aufs Wichtige reduziert sind.
Für mich waren auch die Beschreibungen der Istanbul-Aufenthalte besonders, hatte ich sofort wieder die Bilder der Stadt vor Augen und wusste genau, wo Alva gerade war. Ein Gegensatz dazu war die Beschreibung des rauhen und wilden Gebirges, beides schön und gleichzeitig so unterschiedlich wie die Väter ihrer Kinder.
Ein feines Buch!
„Nun war sie dabei, im Jetzt ein Ich zu finden. Ein Ich, das irgendwie wachsen musste.“
Aus „Calanda oder Alvas Antwort“ von Angelika Overath
Über die Autorin:
Angelika Overath wurde 1957 in Karlsruhe geboren und studierte in Tübingen Germanistik, Geschichte, Italianistik und Empirische Kulturwissenschaft. 1986 promovierte sie und schreibt seitdem nicht nur Bücher, sondern auch für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Sie wurde mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet und war erst 2023 auf der Longlist des Deutschen Buchpreis mit „Unschärfen der Liebe“. Mit ihrem Mann hat sie eine Schreibschule gegründet und lebt in der Schweiz.
Autor: Angelika Overath
Erscheinungsdatum: 18. März 2026
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
ISBN: 978-3-630-87786-0
PS: Mein Buch ist ein kostenloses Leseexemplar, das mir über das Bloggerportal vom Luchterhand Literaturverlag zur Verfügung gestellt wurde. Herzlichen Dank dafür! Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.
Ein Buch, das dir auch gefallen könnte, ist „Solange wir schwimmen“ von Julie Otsuka, übersetzt von Katja Scholtz. Auch hier geht es um Abschied vom gewohnten Leben, auch wenn es ganz anders ist, denn es geht um Demenz. Aber es ist auch ein eher stilles Buch mit feinen Untertönen, genauso wie „Calanda oder Alvas Antwort“.
