Aktualisiert am 7. Dezember 2025 von Antje Tomfohrde
Der Titel „Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“ machte mich neugierig, auch wenn ich so lange Buchtitel meist gar nicht besonders mag. Ob der außergewöhnliche Titel das Versprechen auf ein ungewöhnliches Buch erfüllt hat, erzähle ich jetzt hier.
Wovon handelt das Buch?
„Wir betreten die Geschichte durch die Innereien eines Schafes und wie auch ich die Welt betreten habe: durch einen Schnitt im Unterleib. Die Nabelschnur hat sich dreimal um meinen Hals gewunden wie ein Strick, und so schneidet die Hebamme, ihr Name ist Anna, meiner Mutter einen lachenden Mund in den Bauch, holt mich heraus und näht ihr das Lachen zu einem schiefen Lächeln zu. Ich möchte mich vorstellen, ich bin Alma, und meine Erzählung ist eine Eingeweideschau: Leber, Lunge, Herz und Magen werden auf ihre Beschaffenheit untersucht.“
Aus „Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“ von Anna Maschik
Nach dieser Vorstellung beginnt Alma, die Geschichte ihrer Familie zu erzählen. Ihre Urgroßmutter wird auf einem Bauernhof an der Nordsee als ältestes Kind geboren und muss schon mit dreizehn Jahren Verantwortung für ihre Geschwister übernehmen, denn die Mutter stirbt. Kurz drauf fällt ihr Vater im ersten Weltkrieg und Henrike steht irgendwann allein da, denn die Brüder hält nichts mehr auf dem Hof. Sie heiratet Georg und Sohn Benedikt wird geboren.
„Es spricht sich schnell herum, dass Henrike ein verwunschenes Kind geboren hat, das nicht erwachen will. Es vergehen Stunden, dann Tage, dann Wochen und schließlich Jahre, ohne dass der Junge, den sie Benedikt nennen, die Augen öffnet.“
Aus „Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“ von Anna Maschik
Ein paar Jahre später wird Hilde geboren, Almas Großmutter. Sie ist ein aufgewecktes Kind, muss früh mit anpacken und doch besteht Georg darauf, dass sie die Schule besucht.
Die Zeit schreitet voran, Benedikt erwacht, die Nationalsozialisten machen sich auch im Dorf an der Nordsee breit und der zweite Weltkrieg beginnt. Wir begleiten Hilde in ein anderes Land und erfahren, wie Almas Mutter Miriam zur Welt kam und dann Alma.
Mehr möchte ich jetzt nicht dazu verraten, außer vielleicht, dass die innere Geschichte wichtiger ist als die äußere.
Wie hat mir „Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“ gefallen?
„Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten, heißt es. Die Schweine verraten dich mit ihrem entsetzlichem Geschrei, die Schafe aber sterben still.“
Aus „Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“ von Anna Maschik
So beginnt das Buch, Henrike beim heimlichen Schlachten während des Krieges. Und es sagt schon viel über die Geschichte dieser Familie, die eins eint, sie reden wenig, tragen ihre Kämpfe lieber im Inneren aus, sterben still.
Alma ist das Bindeglied zwischen den Zeiten, zwischen den verschiedenen Frauen der Familie. Sie erzählt die Familiengeschichte, trägt sie in sich, was jetzt übertrieben pathetisch klingt, aber nicht ist. Anna Maschik bewegt sich in ihrem Roman an den Grenzen des magischen Realismus, spielen doch die Geister der Verstorbenen, die Hebamme Anna und die Totenfrau Nora eine besondere Rolle. Sie altern kaum, sind sowohl an der Nordsee als auch später in Österreich zu verschiedenen Zeiten präsent und wirkt so selbstverständlich, dieses Verwischen der Zwischenwelten mit der Realität.
Henrike, Hilde, Miriam haben kein einfaches Leben, vieles wird fremd bestimmt und gerade bei Henrike und Hilde wiederholt sich vieles. Sie haben schwierige Beziehungen zu ihren Kindern, es tut manchmal so weh, wie unterschiedlich sie ihre Kindern behandeln und lieben.
Anna Maschik beschreibt es eher subtil durch Listen, die sie an verschiedenen Stellen im Buch eingefügt hat. So gibt es Listen mit dem, was Henrike an Benedikts und Hildes Bettchen singt. Und da gefriert das Blut in den Adern, genauso wie bei den Listen dessen, was Hilde an den Bettchen ihrer Söhne singt.
Die Beziehungen der Eltern untereinander sind jeweils nicht leicht und oft unglücklich, genauso wie die der Kinder untereinander. Den Kindern wird entweder zu viel oder zu wenig Liebe geschenkt, zu viel oder gar keine Verantwortung gegeben. Die Verluste, die Kriege haben die Menschen verletzt und statt zu heilen, verschließen sie sich. Für die Kinder in den einzelnen Generationen ist das nicht leicht und es wird weitergegeben.
„David ahnt, dass Wolfgang ihn nicht mag, weil die Mutter und der Vater David lieber haben als ihn. Er fragt sich, was Wolfgang falsch gemacht hat, und nimmt ihm übel, dass er die Eltern ganz allein glücklich machen muss.“
Aus „Wenn du es leise machen willst, musst du die Schafe töten“ von Anna Maschik
Die Männer der Familie sind eher durch innere Abwesenheit präsent, was durchaus als eine weitere Ausprägung des Nicht-Miteinander-Sprechen-Könnens gewertet werden kann. Auch ist ein Beispiel für die Generationen, die selbst den Krieg erlebt haben und ihre Traumata, die sie durch Krieg und die durch Härte geprägte Erziehung erlitten haben, und diese an die nächsten Generationen weitergeben.
Anna Maschik gibt der Sprachlosigkeit dieser Familie eine Stimme und mit Alma und ihrer Mutter Miriam eine Exit-Möglichkeit. Für mich ist es ein gelungenes Debüt mit einem besonderen sprachlichen Ausdruck. Ein Hauch des Magischen und Alma als verbindendes Element der Generationen schwingt immer mit und macht das Buch so besonders. Mir gefallen die wiederkehrenden Elemente wie Schlaflieder, Essen, Listen, die besondere Beziehung der einzelnen Protagonist*innen zur Natur, die Sehnsucht nach dem Meer und das langsame Entkommen aus der sich wiederholenden Geschichte und der fehlenden Liebe und Geborgenheit.
Ein sprachlich und erzählerisch gelungenes Debüt!
Über die Autorin:
Anna Maschik wurde 1995 in Wien geboren und studierte in Wien und Leipzig Sprachkunst, Literarisches Schreiben und Vergleichende Literaturwissenschaft. Sie war in der Produktionsleitung des Theaterfestivals HIN&WEG und veröffentlichte Kurzprosa und Lyrik in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften. An einem Wiener Gymnasium unterrichtet sie Deutsch und Spanisch. „Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“ schaffte es auf die Shortlist des Debütpreises des Österreichischen Buchpreises.
Autorin: Anna Maschik
Erscheinungsdatum: 10.09.2025
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
ISBN: 978-3-630-87814-0
PS: Mein Buch ist ein kostenloses Leseexemplar, das mir über das Bloggerportal vom Luchterhand Literaturverlag zur Verfügung gestellt wurde. Herzlichen Dank dafür! Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.
„Bergland“ von Jarka Kubsova passt gut zu „Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“. Es handelt von der Geschichte eines Bergbauernhofs und der Familie, die ihn bewirtschaftet. Jarka Kubsova erzählt ab den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts bis in die Jetztzeit und den jeweiligen Herausforderungen.
Auch „Halbinsel“ von Kristine Bilkau passt zu „Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten.“ Es spielt an der Nordsee und auch hier geht es um zwei Generationen von Frauen, Mutter und Tochter, ihre Lebensvorstellungen und wie es gelingen kann, sich von Mustern und Erwartungen zu lösen.
