Was wäre wenn – Pina fällt aus von Vera Zischke

Foto eines Hardcover-Buchs mit dem Titel „Pina fällt aus" von Vera Zischke, liegend auf einem hellen Bettlaken. Das Buchcover zeigt eine Frau im Nahporträt, die nach oben schaut, mit dem Untertitel „Roman" und dem Logo des List Verlags. Thema des Romans: Eine pflegende Mutter bricht zusammen – und eine Hausgemeinschaft springt für ihren autistischen Sohn Leo ein.

Aktualisiert am 29. März 2026 von Antje Tomfohrde

„Pina fällt aus“ ist ein Buch über das, was sein könnte. Es braucht bekanntlich ein Dorf, um ein Kind großzuziehen und genau so ein Dorf kann auch dabei helfen, pflegende Eltern zu entlasten, ohne das ihre Kinder aus der gewohnten Umgebung weg müssen, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert.

Worum geht es in „Pina fällt aus“?

Leo, 20, liebt einen geregelten Tagesablauf, bei dem alles so ist, wie er es gewohnt ist. Er steht auf, wenn in der Lavalampe eine grasgrüne Blase emporgestiegen ist und setzt sich dann als nächstes an den Frühstückstisch, um eine Schale exakt bis zur Hälfte mit Frosties zu füllen und die Milch bis etwa einen Zentimeter unter dem Rand dazu zu gießen. Dann wartet er, bis die Frosties schön matschig sind. Danach geht es unter der Woche für ihn in die Werkstatt, wo er mit dem Bus, der ihn jeden Morgen abholt, hingebracht wird.

Seine Mutter Pina geht dann zur Arbeit und ist zurück, wenn Leo nach seinem Arbeitstag mit dem Bus wieder nach Hause gebracht wird. Sie kümmert sich als alleinerziehende Mutter um ihren autistischen Sohn, der auch mit seine zwanzig Jahren nicht alleine leben kann und auf ihre Hilfe angewiesen ist.

„Er braucht sie nicht nur, weil sie ihn versorgt. Er braucht sie auch, weil sie die Welt für ihn zusammenhält, sortiert, gelegentlich aussperrt und in verdaubare Häppchen einteilt. Ohne sie implodiert seine ganze Galaxie, fällt in sich zusammen, zerbröselt zu Staub und er fällt, fällt, fällt.“

Aus „Pina fällt aus“ von Vera Zischke

Doch der Tag, mit dem das Buch beginnt, ist kein Tag wie jeder andere. Es ist der Tag, an dem Pina ausfällt und Leos Welt auseinanderbricht.

„Jedes Leben zerbricht in Fragmente, besteht aus Episoden, jedes Ich hat Teile, die einander kaum kennen. Aber für Leo muss es anders sein. Für Leo muss es so sein, dass sich gerade zum ersten Mal sein Leben bricht.“

Aus „Pina fällt aus“ von Vera Zischke

Pina wird ins Krankenhaus gebracht und da Leo schon 20 ist, wird erst einmal davon ausgegangen, dass er für sich allein sorgen kann. Das dem nicht so ist, wird der Hausgemeinschaft des Mietshauses in der erfundenen Hansastraße in Wuppertal-Oberbarmen recht schnell klar. Der Hausrat tagt und da man nichts über einen Vater oder andere Verwandte weiß, kümmern sich Inge, Wojtek und Zola (die eigentlich Alina heißt) im Rahmen ihrer Möglichkeiten um Leo.

Sie wissen, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmt, aber niemand von ihnen hat bislang mal nachgefragt, was mit ihm ist. Sie wissen insgesamt bis zu diesem Zeitpunkt nicht viel von einander.

„Man kann dem Jungen nichts erklären, schlimm ist das. Zwanzig Jahre alt und benimmt sich, als wäre es immer wieder der erste Tag für ihn auf der Welt.“

Aus „Pina fällt aus“ von Vera Zischke

Wie gefällt mir das Buch?

Vera Zischke hat mit der lebensmüden Rentnerin Inge, der wütenden Zola und dem sozial gehemmten Wojtek eine bunte Truppe zusammengestellt, von der jedes Mitglied eine eigene Geschichte mit sich herumträgt. Im Krankenhaus gibt es den Pfleger Sam, der für besonders schwere Fälle mal die ein oder andere Grenze überschreitet. Zolas Vater spielt als Hausbesitzer eine wichtige Nebenrolle (einer muss ja der Spielverderber sein), Bernd, der mit seiner Kneipe „Roxy“ den Rock ’n‘ Roll rettet auch und dann gibt es noch Harry, den Busfahrer, der Leo jeden Morgen zur Werkstatt bringt und nie länger als eine Zigarettenlänge auf ihn wartet.

„Es ist eine große Aufgabe, die Welt für jemanden passend zu machen, die nicht für ihn geschaffen ist. Und da sind sie nun. Eine alte Frau, ein wütendes Mädchen und ein Einsiedler, das ist alles, was diesem Jungen bleibt. Drei schräge Vögel.“

Aus „Pina fällt aus“ von Vera Zischke

Sie alle sind so mit ihrem eigenen Leben, ihren eigenen Problemen beschäftigt, dass sie sich bislang auch nie wirklich mit Leo beschäftigt haben und gar nicht wissen, warum er mit seinen zwanzig Jahren noch so unselbstständig ist. Inge hat zwar einmal pro Woche auf ihn aufgepasst, wenn Pina einkaufen gegangen ist, aber im Großen und Ganzen haben die Bewohner des Hauses in der Hansastraße nebeneinander her gelebt. Das ändert sich erst mit Pinas Ausfall. Damit sind sie gezwungen, sich mit Leo, mit den anderen im Haus und dann auch noch mit sich selbst intensiver zu beschäftigen.

Und das ist das, was mir an dem Buch so gefällt, es ist nicht nur eine Geschichte darüber, wie unsichtbar pflegende Eltern werden, besonders, wenn sie allein mit ihrem Kind, sondern auch, wie viele Arten von Einsamkeit es gibt. Denn Inge, Wojtek und Zola sind alle drei auf ihre eigene Art einsam und stehen vor eigenen Herausforderungen, die ihr Leben nicht einfach machen.

Sie wachsen an sich, aber man braucht keine Angst haben, es wird nicht komplett ins Kitschige abdriften, auch wenn es eben eine Geschichte über das, was sein könnte, ist. In den meisten Fällen würde ein junger Mann wie Leo in ein Heim kommen, wo man sich um ihn kümmern würde, bis seine Mutter wieder da ist oder für immer, da ein solcher Zusammenbruch immer wieder geschehen kann. Im Buch wird aufgezeigt, dass es noch andere Wege gibt, so etwas aufzufangen, damit Leo in der gewohnten Umgebung bleiben kann.

„Pina fällt aus“ regt zum Nachdenken an, wohin wir als Gesellschaft wollen, ob es nicht Sinn macht, Inklusion anders, vollumfänglicher zu sehen und als Gemeinschaft füreinander zu sorgen. Auf der Premierenlesung in Leipzig hat Vera Zischke davon berichtet, welche Geschichten aus ihrer journalistischen Tätigkeit ihr beim Schreiben durch den Kopf gegangen sind. So berichtete sie von einem älteren Herrn, der nach dem Tod seiner Eltern weiterhin in deren Wohnung oder Haus wohnen konnte, weil sich das halbe Dorf um ihn kümmerte oder von einer älteren Dame, bei der die Nachbarschaft sich um sie kümmerte und sie so nicht in eine Pflegeheim gehen musste.

„Sie will gar nicht ans Altern denken und erst recht nicht ans Sterben. Denn wenn sie es tut und sich den Gedanken erlaubt, dann liegt sie wieder nachts wach und ihre Gedanken fahren Karussell. Denn wenn sie alt ist, ist sie immer noch diejenige, die sich kümmert, und wenn sie tot ist, ist niemand da, der sich kümmert, und dieser Gedanke ist so ungeheuerlich, dass er alle anderen verdrängt und sie sich keine Vorstellung von der Zukunft macht, außer die, dass sie da sein muss.“

Aus „Pina fällt aus“ von Vera Zischke

Wir brauchen Geschichten von dem „Wie-es-sein-kann“, damit sich etwas ändert, damit wir verstehen, was Pflegen auf verschiedenen Ebenen bedeutet und dass der erste Schritt erst einmal Verständnis und Interesse heißen sollte. Vera Zischke macht das klar, in dem sie zeigt, wie wenig allein die Hausgemeinschaft von ihr und Leo weiß. Warum hat bislang niemand mal gefragt, was mit Leo ist? Und das ist ja oft so. Wir fragen aus unterschiedlichen Gründen nicht nach so etwas und verstehen dann auch das Verhalten nicht.

So wissen die anderen Mietparteien nicht, dass Leo Autist ist und was das in seinem Fall bedeutet. Insgesamt würde es vermutlich für alle einfacher werden, wenn Verhalten zwar auffällig ist, aber nicht immer gleich mit einem Augenrollen konnotiert würde, sondern erst einmal einem verständnisvollen Blick (das gilt auch für Elternteile, deren Kind sich im Supermarkt auf den Boden schmeißt und einfach mal einen Wutanfall hat). Fragen, bevor wir etwas annehmen.

Sprachlich schafft die Autorin es, die verschiedenen Charaktere des Buches so zu entwickeln, dass beim Lesen ein klares Bild entsteht und dass man immer mal schmunzeln oder gar laut lachen muss. Es ist keine stilisierte Hochsprache, sondern passt zur Situation und den Menschen im Buch, die aneinander und der Situation wachsen.

Vera Zischke hat nicht nur einen schönen Roman geschrieben, sondern eine Anregung, darüber nachzudenken, wie wir als Gesellschaft Gemeinschaft und Inklusion leben wollen und könn(t)en. Es ist ein Plädoyer für mehr Aufmerksamkeit und Verständnis füreinander.

Vielleicht gibt es keine Normalität. Vielleicht wird ganz viel Mist im Namen dieser Normalität gemacht, weil alle so furchtbar viel Angst davor haben, nicht normal zu sein. Vielleicht sollten wir darüber nachdenken, ob es nicht vielleicht ein Spektrum des Menschseins gibt, auf dem sich alle irgendwie bewegen, aber jeder an einer anderen Stelle.

Aus „Pina fällt aus“ von Vera Zischke

Über die Autorin:

Vera Zischke wurde 1980 im Rheinland geboren und arbeitet als Journalistin bei einer Tageszeitung. Nachts schreibt sie an ihren Romanen. Sie hat drei Kinder und berichtet auf ihrem Instagram Account aus dem Leben einer Tired Writing Mom und dem Leben als pflegende Eltern. Sie lebt mit ihrer Familie im Ruhrgebiet und hat auch einen ganz wunderbaren Newsletter, „Schreiberlogik“, in dem sie übers Schreiben schreibt. Ihr Debütroman „Ava liebt noch“ wurde zum Bestseller.

Informationen zum Buch
Buchtitel: Pina fällt aus
Autorin: Vera Zischke
Erscheinungsdatum: 26. März 2026
Verlag: Ullstein Buchverlage GmbH
ISBN: 978-3-471-37006-3

PS: Dieses Buch habe ich mir auf der Leipziger Buchmesse am Ullstein Stand gekauft, um es bei der Lesung von Vera Zischke signieren zu lassen. Ansonsten kaufe ich Bücher am liebsten in kleinen inhabergeführten Buchhandlungen. #SupportYourLocalBookshop

„Pina fällt aus“ ist Vera Zischkes zweiter Roman. Ihr Debütroman „Ava liebt noch“ hat mich vom ersten Satz an begeistert und ich habe das Buch gleich zweimal kurz hintereinander gelesen. Auch in „Ava liebt noch“ ist es nicht nur eine berührende Geschichte, sondern auch ein gutes Stück Gesellschaftskritik, es geht um Vereinbarkeit, Mental Load und patriarchale Familienstrukturen . Hör dir doch vorher noch die Podcast-Folge des Die Bücherstaplerinnen Podcasts an, in der Vera bei Valerie und mir zu Besuch war, um über „Ava liebt noch“ zu sprechen.

Auch „Wohnverwandtschaften“ von Isabel Bogdan passt gut zu „Pina fällt aus“. Eine Wohngemeinschaft, die sich umeinander kümmert. In diesem speziellen Fall geht es darum, dass ein Mitglied dement wird.

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