Der Gesang der Flusskrebse von Delia Owens

Das Buch "Der Gesang der Flusskrebse" von Delia Owens

Aktualisiert am 20. Februar 2022 von Antje Tomfohrde

Ein Buch, in dem mehr als eine Geschichte und mehr als ein Genre stecken: Kriminalfall, Coming-of-Age, Liebe und eine komplizierte Familiengeschichte. Und dann ist „Der Gesang der Flusskrebse“ auch noch ein Debütroman und auf diversen Bestsellerlisten. Hält dieses Buch, was es so offensichtlich verspricht?

Wovon handelt „Der Gesang der Flusskrebse“?

Als Chase Andrews tot aufgefunden wird, steht die Verdächtige in diesem mysteriösen Mordfall schnell fest. Für den Großteil des kleinen, verschlafenen Orts ist klar, dass es nur das Marschmädchen, Kya Clark, sein kann. Sie ist anders als die anderen. Sie lebt, nachdem erst ihre Mutter und dann nach die Geschwister die Familie verlassen haben, allein im Marschland. Und zwar ganz allein.

Sie wusste, dass Pa der Grund war, warum alle weggingen. Was sie nicht verstand, war, warum keiner sie mitnahm. Der Gesang der Flusskrebse, Delia Owens

Eine Weile ist ihr Vater noch bei ihr bzw. ab und an bei ihr, denn zuverlässig und liebevoll sind Beschreibungen, die nicht ganz auf ihn zutreffen. Kya lernt schnell alleine klar zu kommen und sich auf sich selbst und das, was ihr ihre Geschwister und ihre Mutter irgendwann einmal nebenbei so beigebracht haben, zu verlassen. Sie hat von klein auf gelernt, mit sehr wenig auszukommen und hat gleichzeitig einen großen Fantasiereichtum, der ihr hilft.

Sie lebt in ihrer eigenen Welt und kennt sich gut mit der Flora und Fauna im Marschland aus. Ihr Kontakt zu den Menschen in Barkley Cove beschränkt sich auf das Nötigste, sie verkauft ihren Fang, kauft dort ein und betankt regelmäßig ihr Boot. Kya ist anders. Irgendwann lässt sie doch Kontakt zu zwei Menschen zu und das führt sie in die Bredouille. Für die Stadt steht fest, dass sie Chase Andrews getötet hat.

Die Geschichte wird aus zwei Zeitperspektiven erzählt, die irgendwann aufeinander treffen.

Wie hat mir der Roman gefallen?

Lange bin ich um „Der Gesang der Flusskrebse“ herumgeschlichen, tue ich mich doch manchmal recht schwer mit solchen Bestsellergeschichten, die eine bestimmte Art der Rührseligkeit versprechen, die ich nicht mag. Irgendwann habe ich mich dann doch herangetraut und wurde positiv überrascht.

Ja, im Buch geht es um Liebe und um Enttäuschung, es geht um das Erwachsenwerden und schwierigen Bedingungen, es gibt einen Kriminalfall und es ist berührt, aber es ist nicht rührselig. Delia Owens gelingt es, auf diesem schmalen Grat zu balancieren und die Geschichte nicht ins Kitschige kippen zu lassen. Dafür sorgt sie allein schon mit der sehr spröden Sprache der Küstenbewohner. Dies sind Menschen, die sehr handfest leben und sich dementsprechend ausdrücken.

Dann wird die Geschichte auch gut aufgebaut. Am Anfang ist klar, dass es einen Mordfall gibt im Jahre 1969. Dann geht es aber erst einmal mit dem Tag weiter, an dem Kyas Mutter ging und von da aus nähern sich die beiden Fäden der Geschichte ganz langsam an, bis sie schließlich zusammenfinden.

Man erlebt mit Kya die Einsamkeit und gleichzeitig Schönheit des Marschlandes, fühlt mit, wie sie sich dann doch einem Menschen öffnet, leidet mit ihr, weil sie nicht allein sein möchte, aber auch nicht verletzt werden möchte. All dies ist recht ruhig beschrieben, karg, so wie Kya, die ihr Inneres so lange verbirgt.

Kya kehrte zurück zu den verlässlichen Phasen der Kaulquappen und dem Ballett der Leuchtkäfer, vergrub sich noch tiefer in der wortlosen Wildnis. Die Natur schien der einzige Stein zu sein, der ihr nicht mitten im Fluss unter den Füßen wegglitt.Der Gesang der Flusskrebse, Delia Owens

Feste Größen in ihrem Leben sind Jumpin‘ und Mabel, die sich um sie kümmern und ihr so unter die Arme greifen, dass sie es nicht merkt. Das macht das Buch auch aus, dass man als Leserin merkt, dass es in Kyas Leben auch die guten Momente gibt, gute Erinnerungen wie die Liebe zu ihrer Mutter und zu einem ihrer Brüder. Sie lernt Lesen und das hilft ihr ungemein. Es wird aber auch klar, wie einsam und ausgegrenzt sie ist und es wird nichts beschönigt an ihrem Leben.

Um zur Eingangsfrage zurückzukommen: „Der Gesang der Flusskrebse“ hält, was es verspricht. Die Geschichte hat mich gefesselt, berührt und ich empfehle es gerne.

Informationen zum Buch
Buchtitel: Der Gesang der Flusskrebse
Autorin: Delia Owens
Übersetzer:innen: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Verlag: hanserblau
Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-446-26419-9

PS: Dieses Buch ist selbst gekauft und ich verlinke auf meine Buchhandlung hier vor Ort in Hohenlimburg, die Hohenlimburger Buchhandlung. Dort kann auch online bestellt werden, was auf jeden Fall eine Alternative zu den großen Online-Händlern ist. #SupportYourLocalBookShop

Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.

Ein Buch, das dir auch gefallen könnte, wenn dich „Der Gesang der Flusskrebse“ angesprochen hat, ist „Der Gesang der Berge“ von Nguyễn Phan Quế Mai.

2 Kommentare

  1. Hallo Antje, so lange schon möchte ich das Buch lesen, habe mich bisher aber nicht durchringen können. Ich habe so verschiedene Meinungen im Familien- und Bekanntenkreis gehört. Häufig, dass es „nur“ sprachlich und von seinem Detailreichtum her überzeugt hat. Ich bleibe also gespannt, ob mich die Geschichte packen kann.

    Liebe Grüße,
    Zeilentänzerin

    • Liebe Zeilentänzerin,
      vor dem Buch hatte ich bekanntlich auch ein wenig „Angst“, dass es mir nicht gefällt. Es ist ein Risiko, dieses Mal hat es sich für mich gelohnt, es zu lesen und ich bin gespannt, wie es dir gefällt, zu welchem Schluss du kommst.
      Liebe Grüße
      Antje

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