Wasserspiel von Tim Staffel

Auf dem Foto ist das Buch Wasserspiel von Tim Staffel an einen Baumstamm gelehnt auf einer Wiese fotografiert. Es ist das Header-Bild zur Rezension des Buchs.

Aktualisiert am 21. September 2025 von Antje Tomfohrde

Ein Umweltaktivist, der Wasserverbrechen auf aller Welt dokumentiert und sichtbar macht, aber Angst vor Wasser hat – damit machte mich der Klappentext von „Wasserspiel“ neugierig. Es hörte sich nach einem Roman an, der eine persönliche Geschichte mit einer spannenden Geschichte kombiniert.

Worum geht es in dem Roman?

Roberto Böger ist Vlogger und deckt Wasserverbrechen auf aller Welt auf. Ruhelos reist er von Ort zu Ort und ist nur selten dort, was er als Zuhause bezeichnet. Eines Tages erhält er einen Anruf, dass in seiner Heimatstadt, dem fiktiven ostwestfälischen Ort Lüren, Wasserhunter des Wasserkonzerns Dell’Aqua unterwegs sind. Lüren besitzt eine Mineralwasserquelle und ist somit ein interessanter Ort für einen Konzern, der sein Geld mit Wasser verdient.

„Ja. Ist klar, worum es geht. Brabeck. Ich spüre ein Kribbeln in meinen Händen und unter den Armen, Vorboten des Fiebers.“

Aus „Wasserspiel“ von Tim Staffel

Roberto war seit Ewigkeiten nicht in seinem Geburtsort, zu viel ist dort passiert. Sofort sind die Erinnerungen wieder präsent, das Verschwinden seines Vaters, die Pleite des elterlichen Betriebs, den Umzug und seine Angst vor dem Wasser.

Trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb macht sich Roberto auf den Weg nach Lüren, um dem nächsten Wasserverbrechen auf die Spur zu kommen und sich seiner Vergangenheit zu stellen.

Vor Ort trifft er auf Schatten aus der Vergangenheit und Humphrey, den Sohn eines ehemaligen Freundes, der ihn in Lüren im Kampf gegen Dell’Acqua unterstützen wird.

„Der Gedanke an Wasser treibt mich an. Ich interessiere mich nicht für meine Angst oder ihre Ursache, sondern für das Element, um das sie kreist, das uns alle und alles bestimmt. Ich fürchte mich vor etwas, das existenziell ist, aus dem ich mehrheitlich bestehe, vor etwas, das allen selbstverständlich ist.“

Aus „Wasserspiel“ von Tim Staffel

Wie hat mir „Wasserspiel“ gefallen?

Als ich „Wasserspiel“ in den Vorschauen entdeckte, war die Freude groß. Es hörte sich mal wieder nach einem starken Stück Klimaliteratur an, nach einer gut erzählten Geschichte, die in einer Zeit nahe an unserer spielt und eines der Themen unserer Gegenwart erzählt, Wasserknappheit und wodurch sie verstärkt wird. Sofort sah ich Parallelen zur Realität, in der sich Lebensmittelkonzerne Rechte an einem Allgemeingut, dem Wasser, sichern und es später teuer verkaufen, damit zum Beispiel Mütter in Afrika das Milchpulver nur mit diesem Wasser anrühren können, weil es kein anderes sauberes Wasser dort gibt.

Tim Staffel erzählt den Roman aus zwei Perspektiven, einmal aus der Sicht Roberto Bögers, der in den Ort seiner Jugend zurückkehrt und einmal aus der Sicht von Humphrey, dem Sohn von Johannes Güthoff, Erbe des Mineralwasserherstellers Güthoff und ehemaliger bester Freund von Roberto, der damals noch Robert hieß. Humphrey ist lungenkrank und bekommt ohne künstlich zugeführten Sauerstoff nur schwer Luft.

Während Roberto noch auf dem Weg nach Lüren ist, übernimmt Humphrey die Erzählung und schildert, was passiert. Humphrey ist die interne Erzählstimme für das Geschehen direkt vor Ort in Lüren und Roberto ist für mich so etwas wie die externe Erzählstimme, die die größeren Zusammenhänge erzählt.

„Keiner außer mir bemerkt die Dell’Acqua-Laster. Das ist ein ganzer Konvoi, der an uns vorbeirattert, und die haben alle schweres Gerät geladen. Sie fahren die Wendel runter, Richtung Große Heide, und ich glaube nicht, dass das ein gutes Zeichen ist.“

Aus „Wasserspiel“ von Tim Staffel

Um der Geschichte noch ein bisschen mehr Würze zu geben, ist Humphreys Mutter Bürgermeisterin von Lüren und das Wassermanagement des Ortes muss dringend erneuert werden. Da kommt so ein Unternehmen wie Dell’Acqua mit all den rosigen Versprechungen natürlich wie gerufen.

Humphrey merkt schnell, dass etwas nicht in Ordnung ist und aktiviert die wenigen Menschen im Ort, mit denen er näher befreundet ist. Hetti hat Jura-Kenntnisse, Kuno ist sein hochintelligenter Freund aus der Schule und sein Onkel Aaron, der zusammen mit seinem Lebensgefährten Salih die Güthoff-Quelle leitet.

Es kommt, wie es kommen muss, Dell’Acqua kauft die Wasserrechte und macht sich im Ort breit, wird einer der Hauptarbeitgeber und hat so etwas wie ein Wassermonopol. Allerdings läuft nicht alles glatt, eher im Gegenteil. Der Fluss Laar führt immer weniger Wasser, der Grundwasserspiegel sinkt und mehr will ich jetzt gar nicht verraten. Es wird auf jeden Fall spannend und wir erfahren immer mehr Details, um sowohl das Puzzle um Robertos Vergangenheit und das Puzzle um dieses und weiterer Wasserverbrechen zusammenzufügen.

„Jetzt stehen wir am Ufer und gucken zu, wie sie ein Loch unter den Fluss bohren. Obwohl die Laar eigentlich kein Fluss mehr ist. Sie ist nur etwas, das an einen Fluss erinnert, der irgendwann mal da war und tatsächlich wie ein Fluss aussah.“

Aus „Wasserspiel“ von Tim Staffel

Tim Staffel schafft e,s eine komplexe, eine vollständige Geschichte zu erzählen und füllt die beiden Hauptfiguren Roberto und Humphrey mit viel Innenleben. Er konzentriert sich auf diese beiden und macht sie greifbar. Dadurch vermeidet er auch ein Verheddern in zu vielen Erzählsträngen, sondern fokussiert sich auf das für die Geschichte Wesentliche. Beide haben ein weit gefächertes Inneres mit ausreichend Tiefe. Gleichzeitig werden die Nebenfiguren so gut beschrieben, dass sie nicht farblos bleiben, sondern ihrer Bedeutung für die Geschichte und für die Hauptfiguren Roberto und Humphrey angemessen ausgekleidet werden.

Humphreys komplizierte Rolle als Außenseiter, seine Freundschaft zu einem anderen Außenseiter, seine Beziehung zu seinen Eltern werden von Tim Staffel altersgerecht geschildert, auch die Sprache trifft die Altersklasse um die 14, 15. Genauso ist es mit Roberto, seine Ruhelosigkeit, seine On/Off-Beziehung, seine schwierige Beziehung zu seiner Mutter, das Verschwinden seines Vaters und seine Angst vor Wasser – all das wird so beschrieben, dass es nachvollziehbar und nie zu viel ist.

Für mich wurde es beim Lesen von Seite von Seite spannender und ich wollte das Buch möglichst schnell zu Ende lesen, um zu erfahren, wie es ausgehen wird. So viel verrate ich schon mal, es gibt einen filmreifen Showdown und das Ende hat es wirklich in sich.

„Wasserspiel“ hat meine Erwartungen voll erfüllt. Tim Staffel nimmt sich einem aktuellen Thema an und erzählt eine spannende Geschichte, die ich nicht aus der Hand legen wollte.

Über den Autor:

Tim Staffel wurde 1965 in Kassel geboren und studierte in Gießen Angewandte Theaterwissenschaften. Seit 1993 lebt er in Berlin und schreibt Hörspiele, Romane und Theaterstücke. Er wurde mit dem Alfred-Döblin-Stipendium und mehrmals mit dem Literatur-Stipendium des Deutschen Literaturfonds ausgezeichnet. Sein Roman »Südstern« stand 2023 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis und 2024 erhielt er das London-Stipendium des Deutschen Literaturfonds.

Informationen zum Buch
Buchtitel: Wasserspiel
Autor: Tim Staffel
Erscheinungsdatum: 21.08.2025
Verlag: Kanon Verlag Berlin GmbH
ISBN: 978-3-98568-177-8

PS: Meine Ausgabe von „Wasserspiel“ ist ein kostenloses Rezensionsexemplar (unbezahlte Werbung), welches mir über die Agentur Literaturtest vom Kanon Verlag zur Verfügung gestellt wurde. Vielen Dank dafür!

Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.

Ums Wasser geht es auch bei Maja Lunde im zweiten Band ihres Klimaquartetts. In „Die Geschichte des Wassers“ erzählt sie, welche Folgen die Klimakrise für unsere Wasserversorgung haben kann. Im Mittelpunkt stehen einmal eine Norwegerin, die gegen den Raubbau an der Natur ankämpft und ein Vater, der mit seiner kleinen Tochter einige Jahrzehnte später von Südfrankreich in den Norden flieht, da es kaum noch Trinkwasser gibt und alles verdorrt.

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