Aktualisiert am 15. Mai 2026 von Antje Tomfohrde
übersetzt von Susanne Dahmann
Warum wir schwimmen oder warum macht es soviel Freude zu schwimmen sind für mich wiederkehrende Fragen, denn Schwimmen ist definitiv mein Lieblingssport, auch wenn ich häufiger laufen gehe. Was macht es so besonders? Welch Glück, dass sich die begeisterte Schwimmerin und Journalistin Bonnie Tsui dieser Frage angenommen hat und gleich ein ganzes Buch darüber geschrieben hat.
Worum geht es in dem Buch?
Die Erde heißt nicht umsonst der blaue Planet, sind doch 70 Prozent von Wasser bedeckt und auch wir Menschen bestehen zum Großteil aus Wasser. Da ist es kein Wunder, dass uns dieses Element so sehr fasziniert. Und warum das so ist und was besonders das Schwimmen für uns bedeutet, beschreibt Bonnie Tsui in „Warum wir Schwimmen“.
„Doch Schwimmen ist nicht nur eine Frage des Körpers, sondern auch des Geistes. Indem man seinen Rhythmus im Wasser findet, entdeckt man eine neue Daseinsform in der Welt, man ist im Fluss. Dieses Buch handelt von unserer Beziehung zum Wasser und davon, wie das Eintauchen darin unsere Vorstellungskraft entfesseln kann.“
Aus „Warum wir schwimmen“ von Bonnie Tsui
Es gibt fünf große Themenblöcke:
- Überleben
- Wohlbefinden
- Gemeinschaf
- Wettkampf
- Flow
„Überleben“ beginnt mit dem Naheliegen, nämlich nicht zu ertrinken. Aber bevor sie sich dem Mann, der sechs Stunden im eiskalten Wasser vor Island überstand, geht sie auf das noch Näherliegende ein, der Nahrungssuche. Vielleicht war das auch der Grund, warum wir wirklich ins Wasser gegangen sind – es lockten reichhaltige Eiweißquellen. Und Bonnie Tsui beschreibt, wie sie selbst nach besonderen Muscheln taucht, um sie abends ihrer Familie zu servieren.
Sie berichtet von Fundstücken in der Sahara, die beweisen, dass es dort nicht immer so trocken war wie heute und Menschen dort geschwommen sind. Auch berichtet sie von Seenomaden und davon wie Gesellschaften sich auf den ansteigenden Meeresspiegel durch die fortschreitende Klimakrise vorbereiten. So müssen zum Beispiel alle niederländischen Kinder schwimmen lernen und zwar so, dass sie fähig sind, in Kleidern und mit Schuhen zu schwimmen.
In Wohlbefinden widmet sie sich nicht dem zuerst Naheliegenden, also nichts mit Thalasso und ähnlichem, sondern wie das Schwimmen Kim Chambers nach einem Unfall geholfen hat, wieder zu sich zu finden. Sie zählt mittlerweile zu den besten Marathonschwimmerinnen der Welt, obwohl sie erst als Erwachsene schwimmen gelernt hat.
Aber natürlich geht es auch um Wasserkuren und welche positiven Auswirkungen das Schwimmen auf die menschliche Gesundheit hat. Sie berichtet vom Eisschwimmen und welche Art unseres Körperfetts hilfreich ist, um lange im kalten Wasser bleiben zu können.
Beim Punkt Gemeinschaft zeigt sie auf, wie schwimmen uns zusammenbringen kann, aber auch trennen kann. So waren öffentliche Freibäder in den USA nicht immer für alle zugänglich, was zu Benachteiligung und schweren Folgen sorgte, denn so konnte nicht alle Kinder aus den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen schwimmen lernen und liefen häufiger in Gefahr zu ertrinken.. Es gibt aber auch ein besonders schönes Gegenbeispiel, wo ein Amerikaner im ehemaligen Pool von Saddam Hussein Schwimmunterricht gegeben hat und so Menschen zusammengebracht hat, unabhängig von Rang und Herkunft.
Wettkampf ist ein Begriff, den bestimmt viele von uns mit Schwimmen verbinden und darüber erfährt man im Buch viel, nicht nur wie Schwimmwettkämpfe mittlerweile stattfinden und Weltklasseleistungen zustande kommen, sondern auch, dass zum Beispiel die Samurai eine besondere Kampfkunst daraus entwickelten.
„Was bedeutet Wettbewerb für Menschen, die schwimmen? Schwer zu sagen, was man beim Schwimmwettkampf Überlegenheit nennen will, denn hier gibt es so viele Superlative: die längste Strecke, die kälteste Temperatur, das tiefste Meer, das schnellste Tempo.“
Aus „Warum wir schwimmen“ von Bonnie Tsui
Und beim letzten Teil sagt der Titel Flow schon, worum es geht.
„Wir springen ins Wasser und finden uns in einem seltsamen Grenzbereich wieder. Hier sind wir: hängend und gleichzeitig beweglich; oben treibend, und doch immer in Gefahr zu sinken. Und wenn wir mit dem Strom schwimmen und nicht gegen die Strömung ankämpfen, erleben wir den flüchtigen Zustand, in Bewegung zu sein und gleichzeitig auf paradoxe Weise stillzustehen: den flow.
Aus „Warum wir schwimmen“ von Bonnie Tsui
Es gibt also einen Rundumschlag Schwimmgeschichte und Geschichten und auch wenn diese Zusammenfassung recht lang ist, habe ich nicht so viel gespoilert, wie du vielleicht befürchtest – es gibt einiges im Buch zu entdecken.
Wie hat mir „Warum wir schwimmen“ gefallen?
Wenn du so gerne schwimmst wie ich, liest du vielleicht auch gerne darüber. Ich mag es, quasi beim Lesen in die Fluten eintauchen zu können und lerne gerne etwas über die Geschichte des Schwimmens und was es anderen Schwimmer*innen bedeutet oder besser, wie sie es empfinden. Nicht umsonst gibt es so viele Bücher über unsere Lieblingssportarten.
Man merkt Bonnie Tsuis Text von Seite 1 an, dass es eine persönliche Geschichte zwischen ihr und dem Schwimmen ist. Sie erzählt immer wieder davon, wie sie als Kind schwimmen gelernt hat, wie viel Zeit sie in ihrer Kindheit und Jugend im Schwimmbad beim Training mit ihrer Mannschaft und ihren Freund*innen verbracht hat. Ich kann das nachvollziehen, habe ich eine ganze Zeit als Kind im Verein trainiert und mein Leben wurde außerhalb der Schule davon geprägt.
„Viele von uns sind irgendwann in einer Mannschaft geschwommen, und es gibt da eine grundlegende Erfahrung, die genauer zu betrachten sich lohnt. Wenn man erst einmal über die verzweifelte Überlebensphase beim Schwimmen hinweg ist, dann erfährt man, wie gut sich das Wasser anfühlt. Wenn man einer Mannschaft beitritt, dann lernt man die Gemeinschaft zu schätzen. Der Wettbewerb beginnt erst, wenn man so gut schwimmen kann, dass man noch besser werden will.“
Aus „Warum wir schwimmen“ von Bonnie Tsui
Im Gegensatz zur Autorin zähle ich mit Vorliebe Kacheln im Schwimmbad. Bonnie Tsui liebt es, im Meer oder im See zu schwimmen und sich dort immer neuen Herausforderungen zu stellen und versucht sich in dieses Thema wirklich mit Haut und Haaren einzutauchen.
Dass sie über ihre persönlichen Erlebnisse mit und im Wasser schreibt, macht das Buch unter anderem so gut. Wie sie am Morgen nach ihrer Hochzeit schwimmt (ich verrate jetzt nicht wo, das ist wirklich eine schöne Geschichte) und wie sie in Island Guðlaugur Friðþórsson (ich erwähnte ihn am Anfang, er hat sechs Stunden im Nordmeer überlebt) nicht nur interviewt hat, sondern auch an einem besonderen Schwimmwettkampf teilnahm, der nach dem Trawler-Unglück, dass nur Guðlaugur Friðþórsson überlebte, ins Leben gerufen wurde, um auf die Bedeutung des Schwimmens für die Inselbewohner und ihr Leben aufmerksam zu machen.
Sie hat nicht nur recherchiert und danach ein Buch über das Thema geschrieben, sondern sie lebt Schwimmen, es ist für sie Sport, Meditation und eine Art Lebenseinstellung und das merkt man „Warum wir schwimmen“ auch an.
„Die konzentrierte Unmittelbarkeit des Schwimmens erinnert mich daran, wie Kinder fühlen und denken: an das ständige In-der-Gegenwart-Sein. Jeder vergangene Moment wird durch einen neuen ersetzt: ein konstanter Strom von Jetzt und Jetzt und Jetzt, der es nicht erlaubt, lange in der Vergangenheit zu verweilen oder an die Zukunft zu denken. Das Leben im Jetzt ist anstrengend für meinen vielbeschäftigten Verstand – aber ich sehne mich danach. Schwimmen ist ein Mittel gegen die existentielle Angst, an der ich leide.“
Aus „Warum wir schwimmen“ von Bonnie Tsui
Das Buch überrascht mit ein paar interessanten Auflistungen zum Schwimmen und vielleicht wirst du beim Lesen denken, da fehlt doch noch so viel oder warum schreibt sie jetzt darüber und nicht über etwas anderes. So habe ich zum Beispiel gelernt, dass es in Japan ein eigenes Untergenre Mangas gibt, die immer im Schwimmumfeld spielen und ich beneide die Isländer um ihre vielen Schwimmbäder, sie bezeichnen das Schwimmbad als ihre Kneipe, ihren Treffpunkt, den Ort, durch den sie den langen Winter besser überstehen – wie schön ist das bitte?
Sie gibt einen Überblick über die Geschichte des Schwimmens, Gründe fürs Schwimmen und was es uns bedeutet, aber sie macht auch neugierig, sich noch mehr mit dem Thema Schwimmen zu beschäftigen, aber vor allem macht sie Lust aufs Schwimmen und zeigt, wie wichtig es für uns Menschen immer schon war und ist.
„Woran denken wir, wenn wir schwimmen? Anders als beim Sport an Land muss man beim Schwimmen untertauchen und sich in diese spezielle Isolation begeben. Aber in diesem Zusammenhang ist Isolation ein seltener Segen. In der heutigen Zeit, wo man immer und überall verbunden ist, bietet das Medium des Wassers die Chance zu verschwinden. Jedes Schwimmbecken kann tatsächlich ein Tor sein.“
Aus „Warum wir schwimmen“ von Bonnie Tsui
Gut gefällt mir, dass ich das Buch auch einfach mal aus dem Schrank nehmen kann und nur ein Kapitel nachlesen kann (was ich bestimmt tun werde, denn ich kann mir das alles gar nicht behalten). Schon beim Lesen musste ich immer mal wieder im Internet einiges nachschauen, weil ich noch mehr wissen wollte. Den Film „Nyad“ über die US-amerikanische Langstreckenschwimmerin Diana Nyad musste ich mir unbedingt zwischendurch anschauen, großartig besetzt mit Annette Bening und Jodie Foster als Trainerin. Nach vier Versuchen gelingt es ihr im fünften Anlauf von Kuba nach Florida zu schwimmen – mit 64!
Warum wir schwimmen wird nach dem Lesen des Buchs klar und ich habe jetzt gerade beim Schreiben dieser Rezension wieder Lust sofort schwimmen zu gehen und mich müde zu schwimmen. Denn das liebe ich neben der Bewegung und der Ruhe am Schwimmen immer mehr, diese bleierne Müdigkeit danach und den guten Schlaf.
Ich wünsche dir viel Vergnügen beim Lesen und natürlich beim Schwimmen.
Über die Autorin:
Bonnie Tsui ist Jahrgang 1979 und wurde in New York geboren und hat dort auch ihre ersten Schwimmversuche gemacht. Sie verfolgte zehn Jahre lang eine professionelle Schwimmkarriere, um dann englische und amerikanische Literatur in Harvard zu studieren. Die Journalistin und Autorin lebt mit ihrer Familie in der San Francisco Bay Area, wo sie immer wieder schwimmt und surft. Funfact: Ihre Eltern haben sich in Hong Kong in einem Schwimmbad kennengelernt.
Über die Übersetzerin:
Susanne Dahmann hat Geschichte, Skandinavistik und Philosophie in Kiel und Freiburg studiert. Seit 1993 übersetzt sie Bücher aus dem Schwedischen und Englischen.
Autorin: Bonnie Tsui
Übersetzerin: Susanne Dahmann
Erscheinungsdatum: 26. April 2022
Verlag: HarperCollins
ISBN: 978-3-365-00026-7
PS: „Warum wir schwimmen“ wurde mir als Rezensionsexemplar von HarperCollins zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank dafür! Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.
Auch Kristine Bilkau hat ein Buch übers Schwimmen geschrieben und ich kann es dir – wie all ihre Bücher – empfehlen: es heißt „Wasserzeiten“ und darin erzählt sie von ihren kleinen Glücksmomenten, die ihr das Schwimmen beschert.
