Aktualisiert am 8. Juli 2026 von Antje Tomfohrde
übersetzt von Hans-Peter Remmler
Das Internet wird immer schlimmer. Am Anfang gab es noch mehrere relevante Suchmaschinen, und auf Social-Media-Plattformen wurden tatsächlich die Beiträge von „Freunden“ ausgespielt. Das hat sich seither grundlegend verändert. Heute nützt das Internet vor allem den Unternehmen dahinter, nicht mehr denjenigen, die es täglich nutzen. Diesen Prozess nennt Cory Doctorow „Enshittification“ und darüber hat er ein Buch geschrieben.
Worum geht es in dem Buch?
Am Anfang war das Internet darauf angelegt, praktische und zuverlässige Dienste anzubieten. Das änderte sich, als die Menschen in gewisser Weise davon abhängig wurden. Dann wurden die Plattformen für die Unternehmen, die dort unterwegs waren, optimiert. Später wurden die Bedingungen auch für die Unternehmen immer schlechter, bis nur noch die Investoren wirklich profitierten.
„Denn Enshittification ist nicht bloß eine bestimmte Art und Weise, die Aussage „Irgendwas wird immer schlechter“ auf den Punkt zu bringen. Es ist eine Analyse, die die Art und Weise beschreibt, wie ein Online-Service schlechter wird, wie sich diese Verschlechterung vollzieht, und die epidemische Dynamik, mit der sie sich ausbreitet und absolut alles ansteckt, und das alles gleichzeitig.“
Aus „Enshittification“ von Cory Doctorow
Doctorow vergleicht den Prozess der „Enshittification“ mit einer Krankheit und dementsprechend hat er die vier Teile des Buchs benannt:
- Teil eins – Der natürliche Krankheitsverlauf (anhand von vier Fallstudien beschreibt er die Entwicklung)
- Teil zwei – Die Pathologie (er erklärt, welche inneren Prozesse zu den Symptomen führen)
- Teil drei – Die Epidemiologie (hier geht es darum aufzuzeigen, wie Wettbewerb, Regulierung, Interoperabilität und die Macht der Arbeitnehmer den Bach runtergingen)
- Teil vier – Die Heilung (es werden Wege aufgeführt, die dazu führen können, das Internet wieder zu einem guten Ort für alle zu machen)
Am Ende des Buchs zieht er ein Fazit und geht dabei der Frage nach: „Ist Enshittification einfach nur Kapitalismus?“
Meine Meinung zu „Enshittification“
Eins sei vorweg gesagt, Cory Doctorow nutzt eine drastische Sprache, die vermutlich in amerikanischen Talkshows ein Dauerpiepen auslösen kann. Die deutsche Entsprechung und verschiedene Varianten von „Shit“ werden der Lage entsprechend häufig genutzt. Es ist eine authentische Wortwahl, die er auch in seinen Vorträgen (wie zum Beispiel auf der re:publica 2026 in Berlin) nutzt. Ein Verstärker, um auch der Wut und Verzweiflung darüber, dass es soweit kommen konnte, eine Stimme zu verleihen. Eine drastische Entwicklung, die einer drastischen Sprache bedarf.
Wir alle, die wir tagtäglich im Internet unterwegs sind, wissen, wie sich die Plattformen und Dienste verändert haben. Es gibt außer dem Fediverse so gut wie keine Plattform, auf der einem die Beiträge der Menschen, denen man folgt, als erstes ausgespielt werden. Werbung und Beiträge von Menschen, die ähnliche Inhalte zeigen wie die, denen man folgt, sind an der Tagesordnung. Das berücksichtigt in keiner Weise, dass man auf der Plattform ist, um in erster Linie Bekannten und Freunden zu folgen. Er veranschaulicht dies am Beispiel von Facebook, das heute ganz anderen Prinzipien unterliegt als am Anfang (vergessen wir mal, dass die ersten Versuche dahin gingen, das Aussehen von Studentinnen zu bewerten).
Vieles, das am Anfang toll war, wurde immer weniger nutzerfreundlich, dafür bekamen Unternehmen, die für Werbung bezahlen wollten, tolle Konditionen und Zugang zu den Daten der Nutzer*innen. Als das lief, wurde auch daran gedreht, denn sowohl die Nutzer*innen als auch die Unternehmen waren in gewisser Weise abhängig geworden und ab da wurde so am Algorithmus geschraubt, dass er in erster Linie mal den Eigentümer der Plattformen nützte. Und – vergessen wir dabei nicht, dass zu Facebook auch Instagram und WhatsApp gehören.
Aber auch Google war irgendwann nicht mehr das coole Unternehmen, das dafür sorgt, dass Suchenden wirklich geholfen wird. Wir finden nicht die wirklich erste Wahl auf den ersten Seiten. Genauso ist es mit Apple und dem iPhone (ja, ich weiß, Apple ist ganz anders). In einer vierten Fallstudie beschreibt er den Enshittification-Prozess von Twitter, das bekanntlich mal meine Lieblingsplattform war.
„Doch unter Musk betrieb Twitter Enshittification auf der Überholspur und forcierte einen rasanten Raubbau an dessen Werthaltigkeit: Es kam zu einem regelrechten Massenexodus von Werbekunden, und der damit verbundene Umsatzeinbruch kostete das Unternehmen mehr, als die Entlassung der Mitarbeiter einbrachte, die unter der alten Garde die Qualität aufrechterhalten hatten.“
Aus „Enshittification“ von Cory Doctorow
Dabei belässt er es in seiner Analyse nicht, sondern hebt hervor, dass Musk sich durch X (ich will es wirklich nicht mehr Twitter nennen) eine Möglichkeit hat, politisch Einfluss zu nehmen – weltweit.
Cory Doctorow schimpft nicht nur auf die Veränderungen der Plattformen, sondern liefert eine genaue Analyse. Er geht besonders darauf ein, wie Uber und Amazon funktionieren und was nötig war, um Wettbewerb, Regulierung, Interoperabilität und Arbeitnehmerrechte besonders in den USA einzuschränken. Das hat aber auch weltweit Auswirkungen.
Die, die nicht zu den Apple-Jüngern gehören, haben sich bestimmt schon häufig darüber aufgeregt, dass es eigene Apple-Formate gibt. Die eigenen Ladekabel sind da nur die Spitze des Eisbergs gewesen. Es wird immer wieder gerne vergessen, dass auch Apple nicht aus lauter Nächstenliebe handelt, sondern auch Daten sammelt und sie zu Geld macht. Darauf geht Doctorow ein, genauso wie er Googles Marktmacht erklärt und wie Big Tech insgesamt auf vieles Einfluss genommen hat und weiterhin nimmt. Das Android-Betriebssystem auf Handys ist ein gutes Beispiel dafür.
Er geht darauf ein, wie gezielt Monopole aufgebaut werden und welche Player insgesamt noch mitspielen, um den Markt immer mehr unter den großen aufzuteilen, am besten jeder spezialisiert auf einen Bereich mit einem Monopol.
„Wenn ein Teil der Lieferkette einer Branche von einem Monopolisten erobert wird, muss die gesamte Lieferkette monopolisiert werden, um nicht einem mächtigen Käufer oder Verkäufer zum Opfer zu fallen.“
Aus „Enshittification“ von Cory Doctorow
Es ist nicht so, dass ich vieles davon nicht wusste, aber es jetzt einmal in so geballter Form analysiert zu lesen, war noch einmal eine andere Erfahrung und es zeigt, warum Monopole nicht gut sind. Ein größerer Kritikpunkt ist für mich der Fokus auf die USA. Dieselben Player sind natürlich auch hier in Europa aktiv, aber die Ausgangslage ist eine andere: Wir haben hier zum Glück noch andere Zustände als in den USA, und genau diese Unterschiede hätte ich mir ausführlicher analysiert gewünscht und nicht erst am Ende, wenn es um Heilung geht.
„Aber nur weil beide anfällig für Korruption sind, heißt das noch nicht, dass die EU die gleiche Art von Korruption erleben muss wie die USA. Vor allem ist die EU weitaus eher bereit als die USA, sich Big Tech entgegenzustellen.“
Aus „Enshittification“ von Cory Doctorow
Ich hoffe sehr, dass die EU das tut und dass DSA und DMA als Mittel genutzt werden, um Enshittification Einhalt zu gebieten.
Er geht auch darauf ein, dass ein Weg sein kann, dass wir Plattformen weniger wichtig machen, anstatt nur darauf zu setzen, dass wir sie weniger schrecklich machen. Er nennt „ein Recht auf Ausstieg“ als einen Weg, es leichter zu machen, Plattformen zu verlassen, ähnlich wie man von einem Mastodon-Server zu einem anderen wechseln kann. Das ist nur ein kleines Beispiel.
Die großen Hebel werden angesprochen: Was kann Regulierung erreichen, was das Kartellrecht, wie können Arbeitnehmerrechte gestärkt und Interoperabilität gewährleistet werden?
„Ein neues, gutes Internet ist eines, das all die Benutzerfreundlichkeit, die vernünftigen Vorgaben und die vereinfachten Abstraktionen des Enshitternets beibehält, sie aber mit der technologischen Selbstbestimmung des alten, guten Internets verbindet.“
Aus „Enshittification“ von Cory Doctorow
Es ist eine große Menge an Fakten, die Cory Doctorow zusammengetragen hat. Man merkt, dass er sich schon sehr lange mit diesem Thema beschäftigt. Bei einem Umfang von fast 500 Seiten und vier inhaltlich dichten Teilen fehlt mir aber etwas Wichtiges: eine Zusammenfassung am Ende jedes Teils. Ohne sie musste ich mehrfach zurückblättern, um den Überblick zu behalten, das hätte das Buch mir leichter machen können.
Das Buch ist absolut lesenswert, und ich empfehle es denjenigen, die sich tiefer in die Materie einlesen möchten. Vielleicht wird die ein oder andere Bestellung dann über eine Alternative zum großen Online-Händler getätigt, oder es wird wieder häufiger in den Läden gekauft, die vor Ort noch da sind. Und vielleicht wirft der eine oder die andere doch einmal einen Blick ins Fediverse.
Über den Autor:
Cory Doctorow wurde 1971 in Toronto in Kanada geboren. Er ist Science-Fiction-Autor, Aktivist und Journalist. In seinen Romanen und seinen Sachbüchern schreibt er über digitale Freiheit, Monopole und die Macht der Plattformen. Doctorow ist Sonderberater der Electronic Frontier Foundation und Gastprofessor für Computerwissenschaften an der Open University. Heute lebt er in London und Los Angeles.
Über den Übersetzer:
Hans-Peter Remmler ist Jahrgang 1957 und studierte Angewandte Sprachwissenschaft in Germersheim. Er übersetzt aus dem Englischen und Spanischen.
Autorin: Cory Doctorow
Übersetzer: Hans-Peter Remmler
Erscheinungsdatum: 13. Mai 2026
Verlag: Blumenbar
ISBN: 978-3-351-05143-3
PS: „Enshittification“ ist ein kostenloses Rezensionsexemplar (unbezahlte Werbung), welches mir über Aufbau Verlage zur Verfügung gestellt wurde. Hierfür bedanke ich mich ganz herzlich!
Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.
Wie schon erwähnt, war Cory Doctorow auch auf der re:publica 2026 in Berlin. Seinen Vortrag „On Enshittification – and what can be done about it“ kannst du dir auf YouTube anschauen.
Mehr zu Themen und Büchern, die mir auf der re:publica 2026 besonders aufgefallen sind, findest du in meiner Leseliste zur Veranstaltung. Dort sind auch die Vorträge verlinkt, so sie denn auf YouTube hochgeladen wurden.
