Marschlande von Jarka Kubsova

Das Buch „Marschlande" von Jarka Kubsova, erschienen bei S. Fischer, liegt auf wildem, grün-braunem Wiesenboden zwischen Gräsern und Blättern. Das weiße Cover zeigt in Aquarelltönen ein altes Sprossenfenster, auf dessen Sims drei rotbraune Äpfel liegen. Titel und Autorinnenname stehen in Rot und gedecktem Grün darüber. Es ist das Headerbild einer Rezension des Buchs.

Aktualisiert am 26. Juli 2026 von Antje Tomfohrde

„Marschlande“ stand schon so lange auf meiner Leseliste und dann lief es mir in der Bücherei über den Weg bzw. stand mit dem Cover zu den Betrachtenden griffbereit vor mir im Regal beim Buchstaben „K“. Da ich sowieso auf der Suche nach neuer Lektüre war, habe ich es gleich mitgenommen und gelesen.

Wovon handelt das Buch?

„Marschlande“ handelt von zwei Frauen, die in verschiedenen Jahrhunderten in derselben Landschaft bei Hamburg wohnen. Britta ist aus Hamburg in die Marschlande an der Elbe gezogen und erfährt auf einem Spaziergang etwas über die Bäuerin Abelke Bleken, die im 16. Jahrhundert als Hexe verfolgt und verbrannt wurde.

Der Gedanke an diese Frau und ihr Schicksal lässt Britta nicht los, sie beginnt mit Nachforschungen, erst im Internet, danach immer gezielter auch offline. Parallel dazu versucht sie sich in der neuen Umgebung einzuleben, was ihr sichtlich schwer fällt. Sie schafft es nur sehr langsam die Umzugskartons auszupacken, und verfällt dabei in Gedanken an ihr Leben, das sie früher geführt hat und wie es jetzt ist. Auch die Kinder sind nicht glücklich mit dem Umzug. Einzig ihr Mann Philipp scheint in Ochsenwerder angekommen zu sein.

Während Britta in der Jetztzeit versucht mit der neuen Situation klarzukommen und mehr über die Bäuerin zu erfahren, rollt Jarka Kubsova in einem zweiten Erzählstrang das Leben von Abelke auf. Wir erfahren, dass sie einem großen Bauernhof vorstand und ein für eine Frau in der damaligen Zeit ungewöhnliches Leben führte. Sie wollte nicht heiraten, sondern ihren Hof alleine führen.

„Vielleicht war Abelke ja selbstbewusst, war sie mutig, vielleicht machte es ihr nichts aus, allein zu sein. Vielleicht war sie stolz auf den Hof, der ihr ganz allein gehörte. Während Britta sich in ihrem Haus immer nur wie ein Gast vorkam.“

Aus „Marschlande“ von Jarka Kubsova

Bei einer großen Flut kommt es in der Nähe ihres Hofs zu einem Deichbruch und sie und ihr Nachbar sollen diesen Bruch innerhalb recht kurzer Zeit ohne Hilfe reparieren. Den Menschen geht es nicht gut, sie leiden Hunger, Tiere sterben ohne offensichtlichen Grund und man merkt, dass sich nach und nach etwas Ungutes zusammenbraut. Abelke wird immer zur Außenseiterin und misstrauisch beäugt.

„Wer weiß, wer ihr heimlich dabei helfe, meinten die anderen. … Denn wie Abelke lebte sonst keine hier, eine Bäuerin allein auf einem Hof, der so gut ging. Die einen Mann liebte, der nicht von hier war, und alle anderen verschmäht hatte.“

Aus „Marschlande“ von Jarka Kubsova

Auch in Brittas Leben läuft es nicht so gut. Man merkt, dass es bei beiden Frauen zu großen Veränderungen kommen wird.

Wie hat mir „Marschlande“ gefallen?

Mir hatte schon an „Bergland“, dem Debütroman von Jarka Kubsova, gefallen, dass sie die Erzählung an einer für ihre Zeit ungewöhnlichen Frau aufgezogen hat, auch einer Bäuerin übrigens, die in Südtirol einen Hof über 1.600 m bewirtschaftete. Mit Abelke Bleken hat sie das Thema Hexenverfolgung aufgegriffen und zeigt, aus welchen Gründen oftmals Frauen dieses Schicksal erleiden mussten.

„Frauen hatten Gemeinschaften gebildet, die sie stärkten, im Kollektiv konnten sie sich gegen die Willkür von Männern behaupten. Aber die Hexenverfolgungen hatten diese Gemeinschaften auseinandergerissen. Sie säten Misstrauen, sie führten zum gegenseitigen Beobachten und Bezichtigen, sie trieben einen Keil zwischen die Menschen, zwischen Freundinnen, zwischen Verwandte.“

Aus „Marschlande“ von Jarka Kubsova

Zauberei, Teufelsanbetung u. ä. waren vorgeschobene Gründe, um unbequeme Frauen loszuwerden. Kam dann noch eine Naturkatastrophe hinzu (im Buch wird es wohl die Allerheiligenflut von 1570 gewesen sein) oder es starben Menschen und Tiere auf ungewöhnliche Art und Weise, konnte in einer durch Aberglauben geprägten Gesellschaft schnell der Gedanke an Hexerei aufkommen und jede*r kannte jemanden, der irgendwie anders war. Macht spielte eine Rolle oder auch, dass jemand sich an jemandem bereichern wollte. Darauf geht die Autorin im Nachwort ein und es wird deutlich, was zur Zeit der Hexenverfolgung kaputtgemacht wurde und wie das Patriarchat dadurch die Oberhand gewinnen konnte.

„Bald waren sie alle im Bilde, wovor sie sich zu fürchten hatten. Nur Abelke war ahnungslos. Weil sie sonntags nicht mehr in die Kirche ging und schon lange mit keinem hier mehr ein Wort gewechselt hatte. Weil sie zu jeder Stunde am Deich war und alles versuchte, um ihn wieder aufzurichten.“

Aus „Marschlande“ von Jarka Kubsova

Die Autorin verwebt die Lebensläufe der beiden Frauen miteinander und überträgt einiges aus Abelkes Leben auch auf Britta. Britta hat Geographie studiert, promoviert und hängt jetzt auf einem Halbtagsjob fest, weit entfernt von dem, was sie früher gemacht hat. Ihr Mann Philipp macht Karriere, während sie diejenige ist, die sich hauptsächlich um die Kinder und ihren Alltag kümmert. Etwas, das vermutlich viele kennen und belastend sein kann, zumal man oft nur hört, dass man sich das ja selbst ausgesucht hätte und nur wenig Verständnis bekommt. Da konnte ich vieles nachvollziehen, Britta zieht Bilanz und überlegt, wie es jetzt mit ihr weitergehen kann, wenn die Kinder selbstständiger sind.

Während Abelke immer weiter ausgeschlossen wird, gibt es bei einem von Brittas Kindern in der neuen Schule Probleme in Form von Mobbing und die Beziehungsprobleme zwischen Philipp und ihr eskalieren. Als Abelke ihren Hof verliert, gibt es wieder Parallelen, aber da schweige ich jetzt mal, es soll ja keine Nacherzählung des Buches werden.

Gut gefallen hat mir, dass Jarka Kubsova viel über die Landschaft und ihre Bewohner erzählt, besonders über die Art zu leben zur Zeit Abelkes im 16. Jahrhundert. Eine Besonderheit war, dass die Hufner in den Marschlanden freie Bauern waren, denen ihr Land selbst gehörte. Interessant fand ich auch, wie die Aufgaben und Ränge beim Deichbau verteilt waren oder wie die Waren aus den Marschlanden in Hamburg verkauft wurden.

Mich hat „Marschlande“ in seinen Bann gezogen und ich wollte immer weiterlesen, um zu erfahren, wie es Abelke ergeht, obwohl klar war, wie es ausgehen wird. Die Kapitel, in denen Britta vorkommt, sind auf zwei Ebenen interessant: Zum einen ist Britta wie ein Trüffelschwein dem Schicksal Abelkes auf der Spur und setzt die einzelnen Puzzlesteine zusammen. Zum anderen nimmt auch ihr Leben die ein oder andere schwierige Wendung und sie muss damit klarkommen. Dadurch wird die Geschichte Abelkes verstärkt.

Insgesamt hätte ich mir gewünscht, dass der Charakter Philipp ein wenig mehr ausgearbeitet worden wäre, um ihn besser verstehen zu können. Er diente als Mittel zum Erzählzweck und wirkte blass. Dabei ist Philipp keine beliebige Nebenfigur. Da er für Britta und den Fortgang der Gegenwartshandlung eine wichtige Rolle spielt, hätten ein paar zusätzliche Szenen Brittas Geschichte mehr Tiefe gegeben.

Ansonsten hat mich das Buch wirklich abgeholt, da es nicht nur einfach eine Geschichte ist, sondern dem Buch anzumerken ist, dass es der Autorin wichtig ist, Abelke Bleken stellvertretend für viele als sogenannte Hexe Verfolgte im Nachhinein ins rechte Licht zu rücken. Es ist für mich auch eine Erzählung gegen das Patriarchat und was vielen Frauen dadurch an Unrecht widerfahren ist. Es ist ein richtiges Lese-Highlight für mich.

Über die Autorin:

Jarka Kubsova wurde 1977 in Pilsen in der Tschechoslowakei geboren. 1987 flüchtete sie mit ihrer Familie nach Deutschland. In Hamburg studierte sie Sozialökonomie und Soziologie und arbeitete als Journalistin, Ghostwriterin und Co-Autorin mehrerer erfolgreicher Sachbücher. Der Roman „Bergland“ ist ihr Debüt, danach folgte „Marschlande“, das für das Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen nominiert war und am Theater inszeniert wurde. Sie lebt in Hamburg.

Informationen zum Buch
Buchtitel: Marschlande
Autorin: Jarka Kubsova
Erscheinungsdatum: 30. August 2023
Verlag: S. Fischer Verlag GmbH
ISBN: 978-3-10-397496-6

PS: Das Buch habe ich mir in der Stadtbücherei Hagen ausgeliehen, genauer gesagt in der Stadtteil-Bücherei Hohenlimburg. Ohne die vielen Freiwilligen und den Förderkreis Hohenlimbuch e. V. würde diese Stadtteil-Bücherei vermutlich gar nicht mehr existieren. In der Bücherei gibt es viele Angebote und neben Büchern und Hörbüchern kann man sich auch Filme ausleihen oder vor Ort Spiele spielen. Es gibt Nachmittagsangebote und in den Ferien immer wieder Specials für die Kids. Eine Weile habe ich dort am Freitagnachmittag und an bestimmten Vormittagen auch Kindern vorgelesen. Es ist toll, welche kulturelle Vielfalt Büchereien in das Stadtleben bringen.

Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.

Wenn du ein weiteres Buch von Jarka Kubsova lesen möchtest, kann ich dir „Bergland“ empfehlen. Es spielt in Südtirol und erzählt die Geschichte einer Bauerfamilie über drei Generationen hinweg.

Mehr zu Abelke Bleken erfährst du in diesem Wikipedia-Beitrag.

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