Holly von Maisku Myllymäki

Auf dem Foto ist das Buch "Holly" von Maisku Myllymäki auf einer Wiese zu sehen. Es ist das Headerbild der Rezension von Antje Tomfohrde auf ihrem Buchblog Das Buchzuhause.

Aktualisiert am 3. Juni 2026 von Antje Tomfohrde

übersetzt von Elina Kritzokat

Nachdem mir aufgefallen ist, dass ich bislang recht wenig nordische Literatur gelesen habe, habe ich mich gefreut, als ich das erste Mal in den Frühjahrsvorschauen für 2026 von „Holly“ gelesen habe. Ein Roman aus Finnland, der von zwei recht unterschiedlichen Frauen handelt und dazu noch ein Debüt. Das hörte sich genau nach dem an, was ich gerne lese.

Worum geht es in dem Buch?

Eva ist Journalistin und Hobby-Ornithologin. Sie arbeitet bei dem Magazin „Natur des Menschen“, bei dem ihre Mutter Chefredakteurin ist. Eines Tages erhält die Redaktion einen Brief einer berühmten Schauspielerin, die mittlerweile auf einer einsamen Insel in der Ostsee lebt. Es geht darum, dass sie einen Blauwangenspint auf ihrer Insel gesichtet hat, was sehr ungewöhnlich ist, denn diese Vogelart ist in Nordafrika heimisch. Eva bekommt den Auftrag, der Einladung der Schauspielerin Holly zu folgen, um einen Beitrag über den Vogel zu schreiben.

„Eva schließt die Augen. Sie mag dieses Schaukeln auf den Wellen. Durch die Bewegung fühlt sie sich leicht und losgelöst – beides Zustände, die sie sonst nicht mit sich in Verbindung bringt.“

Aus „Holly“ von Maisku Myllymäki

Es treffen zwei Frauen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnte. Holly, selbstsicher, redegewandt, zu laut, für Evas Empfinden geradezu schamlos und Eva, die sehr in sich gekehrt ist und auch als Erwachsene immer noch bei ihrer Mutter lebt, die ihr Leben bestimmt.

„Holly lacht mit offenem Mund, blüht auf wie eine Schneeballhortensie. Diese Frau würde sich sogar platt gedrückt in einem Herbarium gut machen, denkt Eva.“

Aus „Holly“ von Maisku Myllymäki

Eva bleibt sieben Tage und sieben Nächte auf der Insel – Zeit genug, um über ihr bisheriges und ihr zukünftiges Leben nachzudenken.

„Ich habe nie etwas gewollt oder erlebt. Stattdessen habe ich mit Mama zu Hause gehockt und Krankenhausserien geschaut.“

Aus „Holly“ von Maisku Myllymäki

Wie hat mir „Holly“ gefallen?

„Holly“ oder besser Maisku Myllymäki hat mich nicht enttäuscht. In Finnland muss das Buch ziemlich eingeschlagen sein und auch mich hat es begeistern können.

Das Buch mit einem Brief beginnen zu lassen, hat mich gleich neugierig werden lassen. Auch die Tatsache, dass es um Vogelkunde ging, fand ich spannend, verbinde ich doch sofort Krimis wie Inspector Barnaby und skurrile Figuren in Tweed gekleidet damit und hier jetzt eine junge Frau. Was hat es damit auf sich?

Der Gegensatz zwischen den beiden Frauen könnte nicht größer sein, Eva wirkt ein wenig karg und ruhig wie die Insellandschaft und Holly hat etwas von einem Papagei, der aus Versehen in der falschen Klimazone gelandet ist. Sie ist grell, exaltiert und nimmt sich, was sie will. So ist es wenig überraschend, dass ihr Liebhaber zwischendurch auftaucht und sie trotz der Anwesenheit ihrer Besucherin ihre Sexualität offen auslebt.

Der Blauwangenspint ist in den Hintergrund gerückt und Eva vergleicht sich immer wieder mit der älteren Frau, die so selbstbewusst und intensiv lebenslustig ist. Als Roberto, eigentlich Robert auftaucht, bekommt die Geschichte noch einmal einen anderen Drive und es ändert sich etwas elementar in der Stimmung.

„Es gibt die weit verbreitete Annahme, der Charme eines Mannes nähme mit dem Alter bloß zu. Das ist natürlich reiner Unfug, Männer welken genauso unschön wie der Rest der Menschheit – Robert könnte jedoch zu den wenigen gehören, auf die diese Annahme zutrifft.“

Aus „Holly“ von Maisku Myllimäki

In gewisser Weise ist „Holly“ ein Coming-of-Age-Roman, auch wenn Eva mit um die 30 schon etwas älter ist. Allerdings ist Eva auch als erwachsene Frau immer noch sehr unter der Fuchtel ihrer Mutter, für mich eine eher krankhafte Mutter-Tochter-Beziehung, die einen sehr schlechten Einfluss auf Evas bisheriges Leben hatte.

„Ich bin ein Floß, denkt sie, ein Floß, das hierhin und dorthin treibt. Ich habe nie ein Ziel angepeilt, einen festen Entschluss gefasst. Vielleicht fühle ich mich deshalb leer. Machen nicht erst Ziele und Wünsche uns zu Menschen und unser Leben vollständig?“

Aus „Holly“ von Maisku Myllymäki

Nach den sieben Tagen auf der Insel gibt es einen Bruch und wir erfahren mehr über Eva und ihre Mutter, was für mich einiges an Evas doch teilweise ungewöhnlichem Verhalten erklärt.

Das Buch enthält ein paar interessante Wendungen und hatte auch sprachlich für mich etwas, denn Maisku Myllymäki bzw. Eva beschreibt Menschen meist in Vogelvergleichen. So beschreibt sie zum Beispiel Holly bei ihrer Ankunft auf der Insel: „Wie ein Schmuckreiher steht sie auf den Ufersteinen, reckt ihren schlanken Hals.“ An anderer Stelle heißt es: „Holly ist Kranich, Flamingo, Strauß und Silberreiher, wird lang und immer schmaler.“. Auf Hollys Kleidung sind Vögel abgebildet, im Haus finden sich ein ausgestopfter Vogel, ein Wellensittich und noch weitere Gegenstände, die an Vögel erinnern, nur der Blauwangenspint ist eher ein Gespenst. Vielleicht war er nur ein Vorwand, um jemanden auf die Insel zu locken, um Hollys Einsamkeit zu unterbrechen.

Auch Farben werden intensiv beschrieben und sie sind mir stärker in Erinnerung geblieben als bei anderen Büchern (ab einem gewissen Punkt habe ich begonnen, mir die Beschreibungen zu notieren), so gibt es eine papierweiße Schulter, cognacfarbenen Farbanstrich, etwas in der Farbe der Unterschwanzdecke eines Buntspechts oder etwas, das flamingorosa oder auerhahnblau ist. Hier großen Dank an die Übersetzerin Elina Kritzokat – das wird vermutlich nicht ganz leicht gewesen sein, da immer die richtige Entsprechung im Deutschen zu finden.

Gerüche im Buch habe ich sofort in der Nase und wenn ich an Eva denke, fällt mir sofort ein, dass sie sich immer wieder ein Lakritzstück in den Mund geschoben hat.

Auch gibt die Autorin zwischendurch Einblicke in Evas Notizbuch und damit in ihr Innenleben. Sie hat sich Fragen notiert, die sie Holly stellen möchte oder Situationen, in denen sie sich schämt.

Der Schreibstil und die Geschichte haben mir gut gefallen und ich freue mich auf hoffentlich weitere Bücher von Maisku Myllymäki.

Über die Autorin:

1982 wurde Maisku Myllymäki in Alavus im Westen Finnlands geboren. Sie studierte Finnisch, Philosophie und kreatives Schreiben und arbeitete danach in Bibliotheken. Dort war sie für die Planung von Veranstaltungen zuständig. Wie ihre Romanfigur Eva zählt die Vogelbeobachtung zu ihren Hobbies und wenn dann noch bleibt, geht sie joggen. Sie lebt in Helsinki.

Über die Übersetzerin:

Elina Kritzokat wurde 1971 in Niedersachsen in Osterholz-Scharmbeck geboren. Nach ihrem Studium der Literaturwissenschaft arbeitete sie in Verlagen, in der Zeitungsbranche und bei Literaturagenturen. Seit 2002 übersetzt sie Literatur aus dem Finnischen ins Deutsche und moderiert und dolmetscht bei verschiedenen Veranstaltungen. Sie lebt in Berlin und hat sowohl die deutsche als auch die finnische Staatsbürgerschaft.

Informationen zum Buch
Buchtitel: Holly
Autorin: Maisku Myllymäki
Übersetzerin: Elina Kritzokat
Erscheinungsdatum: 26. Januar 2026
Verlag: Kampa Verlag
ISBN: 978-3-311-10174-1

PS: Mein Buch ist ein kostenloses Leseexemplar, das mir über das mir vom Kampa Verlag zur Verfügung gestellt wurde. Vielen Dank dafür! Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.

„Blaues Wunder“ von Anne Freytag könnte auch etwas für dich sein, wenn dir „Holly“ gefallen hat. Auch dort gibt es eine Grundspannung, die allerdings in Richtung Thriller als Kammerspiel geht. Ich habe es in einem Rutsch durchgelesen.

Aber auch die Bücher von Amélie Nothomb könnten dir gefallen. Überraschende Wendung sind die Spezialität der Autorin, wie zum Beispiel bei „Kosmetik des Bösen“.

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