Don’t judge a book by its title – Das schönste aller Leben von Betty Boras

Das Buch Das schönste aller Leben von Betty Boras liegt auf einer Wiese. Es ist das Header-Bild für eine Rezension des Buchs.

Aktualisiert am 20. Juni 2026 von Antje Tomfohrde

Bookstagram made me read it und ohne meine Buchbubble auf Instagram hätte ich „Das schönste aller Leben“ und Betty Boras gar nicht entdeckt. Vom Titel her hätte ich etwas ganz anderes erwartet, aber zum Glück kaufe ich Bücher nur selten wegen ihres Titels, sondern schaue nach Rezensionen anderer Buchblogger*innen, werfe einen Blick in die Leseprobe und wenn ich in einer Buchhandlung das Buch sehe, auch einen Blick ins Buch. Es ist definitiv kein leichtes Buch, aber ein gutes Buch.

Worum geht es in dem Buch?

Gleich am Anfang ist klar, dass es nicht einfach darum geht, dass sich eine Mutter ein schönes Leben wünscht. Sie wünscht sich auch eine schöne Tochter und für diese das schönste aller Leben und genau das sieht sie durch einen Unfall ihrer Tochter in Gefahr.

„Ich schäme mich, dass ich eine schöne Tochter möchte. Ich würde lieber sagen, sie soll glücklich sein. Das will ich auch, aber ich bin mir nicht sicher, mit der Schönheit kommt ein Teil des Glücks von selbst.“

Aus „Das schönste aller Leben“ von Betty Boras

Vio hat Philosophie und Biologie studiert und ist Lehrerin in Elternzeit. Alles ist gut, bis zu dem Tag, an dem das Unglück passiert und Vios Tochter sich verbrüht. Ab diesem Zeitpunkt dreht sich alles in Vios Leben darum, ob ihre Tochter ihr jemals verzeihen kann und ob sie überhaupt das schönste aller Leben leben kann mit den Narben in ihrem Gesicht.

Betty Boras erzählt aber nicht nur aus der Ich-Perspektive ihrer Hauptfigur, sondern auch aus der Außensicht auf diese und geht in die Vergangenheit der Familie, zurück zu ihrer Ahnin Theresia, die aufgrund eines Urteils der Keuschheitskommission in ein Arbeitslager im Banat geschickt wurde. Ein weiterer Teil ist aus Sicht der Banater Erde geschrieben, die u. a. durch die sogenannten „Donauschwaben“, zu denen Vios Familie zählt, urbar gemacht wurde.

„Dreihundert Jahre ist es her, dass ich eure Mutter wurde. Ihr kamt aus vielen Teilen Deutschlands zu mir, aber ihr wurdet alles Schwaben genannt. Dabei wart ihr auch Pfälzer, Rheinländer, Mainfranken, Bayern, Deutschböhmer, Elsässer und Lothringer. Ihr kamt nicht nackt, aber ihr hattet wenig.“

Aus „Das schönste aller Leben“ von Betty Boras

Vio floh mit ihrer Familie nach Deutschland, wo sie ganz neu anfangen mussten, auch wenn sie die Sprache mit einem besonderen Dialekt beherrschten. Es ging nach Stuttgart, wo der Vater „beim Daimler schaffte“. Für Vios Eltern und Großeltern war es wichtig, dass ihre Tochter nicht als Migrantin galt, sondern unauffällig war, dass sie ankam im Land und nicht wegen des Dialekts oder ihres Aussehens auffiel.

„Vio verstand zum ersten Mal, was ihr wirklich fehlte. Nicht nur ihre Spielsachen und ihre Großeltern, sondern das Gefühl, keine Fremde zu sein.“

Aus „Das schönste aller Leben“ von Betty Boras

All das wird im Laufe des Romans herausgearbeitet und es geht um weit mehr als nur um Äußerlichkeiten. Es erzählt von Herkunft, Mutterschaft, Schönheitsidealen und dem Ankommen in einem anderen Land und bei sich selbst.

Wie hat mir „Das schönste aller Leben“ gefallen?

Als Frau bist du einfach immer zu irgendwas: zu dick, zu dünn, zu laut, zu leise, zu schön, zu hässlich, zu schlau, zu dumm und überhaupt.

Theresia, die Ahnin Vios, war zu schön, deshalb wurde sie vor Jahrhunderten ins heutige Rumänien zum Arbeitsdienst deportiert. Vios Eltern und Großeltern waren in Rumänien auch anders, sie waren sogenannte Donauschwaben, Zugezogene, die dabei geholfen haben, die Banat-Region urbar zu machen, was ihnen ein gewisses Ansehen verlieh. In Deutschland waren sie wiederum trotz der gemeinsamen Sprache zu anders und für Vio wollten sie, dass sie ankommt, eine Einheimische wird, was Anpassung bedeutete.

„Ich hatte noch nie eine besonders starke Verbindung zu meiner Identität, meinem inneren Kern. Mein Ich hat sich angepasst. Es ist wachsam für die Wünsche und Träume anderer gewesen, hat sie aufgenommen, sich angeeignet, sie in Worte umgewandelt, die wie meine klingen sollen. Hauptsache, nicht auffallen, nicht anders sein. Hauptsache, geduldet, gebraucht und gemocht werden.“

Aus „Das schönste aller Leben“ von Betty Boras

Dumm, dass sie in der Pubertät wegen ihrer Skoliose ein Korsett brauchte und sie sich damit gar nicht mehr zugehörig fühlte, denn das „Ding“ hinderte sie daran, ihr gewohntes Leben als Teenagerin zu leben. Auch ihre Mutter hatte in ihrer Jugend Ähnliches erlebt. So kam nach dem Unfall hoch, was schon seit Jahrhunderten in dieser Familie schwelte und bei Vio wie ein Vulkan ausbrach.

Am Anfang des Buches war ich überrascht, als die Protagonistin darüber schrieb, wie wichtig es wäre, eine schöne Tochter zu haben und fragte mich, in welche Richtung die Geschichte wohl abdriften würde. Das legte sich schnell und es fiel mir auch leicht, den verschiedenen Erzählstimmen und Zeitebenen zu folgen. Es setzte sich nach und nach ein Puzzle zusammen und ergab am Ende ein rundes Ganzes.

Betty Boras gelingt es, verschiedene Themen, von denen jedes für sich alleine hätte stehen können, zu einem großen Ganzen zusammenzubringen. Für jede Erzählstimme hat sie eine eigene Sprache entwickelt. Vios Leid, ihre Zweifel und ihre Schuldgefühle fängt sie besonders gut ein. Vio verschließt sich auch sprachlich und kämpft in ihrem Inneren mit sich, sie kann sich kaum noch mit anderen unterhalten, wird einsilbig. Nach außen hin versucht sie, die Fassade aufrechtzuerhalten, das hat sie schließlich von klein auf verinnerlicht.

„Zu Hause falle ich in mich zusammen, die Hülle für draußen reißt ein, es ist erschöpfend, tausend Augen zu absorbieren. Ich werfe mich der Meute zum Fraß vor, nehmt mich, aber lasst sie in Ruhe. Lasst sie mir. Ich habe sonst nichts.“

Aus „Das schönste aller Leben“ von Betty Boras

Die verbindenden Elemente sind das Anderssein und Ankommen, als Migrierte, als zu schöne Frau, als zu hässliche Frau, als Mensch mit dem falschen Dialekt und als Mutter, die durch einen schrecklichen Zufall ihr eigenes Kind verletzt und diese Schuld ihr Leben lang mit sich herumtragen muss. Dadurch fühlt sie sich wieder ausgegrenzt, sie ist wieder anders durch diese Schuld.

Was aber immer, wirklich immer durchkommt, ist die Liebe Vios zu ihrer Tochter. Sie sieht alles realistisch, aber sie ist immer da, diese Mutterliebe, auch wenn sie Vio zeitweise innerlich auseinanderreißt. Dazu passt, dass auch die Banater Erde wie eine Mutter auf ihre fortgezogenen Kinder blickt. Erst dachte ich, dass dieser Teil nicht unbedingt sein müsste, aber es ist stimmig, denn auch sie hadert damit, dass die Deutschen wieder gegangen sind. Sie hält ihnen den Spiegel vor, dass sie Sicherheit und Ansehen aufgeben für Hoffnungen, die sich erst für ihre Nachfahren vielleicht erfüllen werden. So, wie es schon denen ging, die als Erste ins Banat kamen.

Das Besondere ist, dass es kein Happy End im Sinne von „alles wird wieder gut“ gibt, sondern es nah an der Realität bleibt (da spoilere ich jetzt nicht). Ich konnte es nachvollziehen, was im Inneren von Vio passierte und ihre Zweifel spüren, aber auch die Seite ihrer Eltern verstehen und welches Unrecht der Ahnin Theresia angetan wurde. Es kommt ohne das Pathos aus, den der Titel vielleicht vermuten lässt.

„Die hellen Tage sind vorbei. Aber wenn ich Glück habe, kommt einer, der nicht schwarz ist. Grau ist meine neue Hoffnung, dass die Schattierungen der Tage heller werden können. An den grauen Tagen vergeht die Zeit schneller, ist nicht dickflüssig wie schwarzer Teer, der sich einbrennt in die Haut.“

Aus „Das schönste aller Leben“ von Betty Boras

Ein gut erzähltes, stimmiges Debüt, das ich nicht aus der Hand legen wollte.

Informationen zum Buch
Buchtitel: Das schönste aller Leben
Autorin: Betty Boras
Erscheinungsdatum: 17. Februar 2026
Verlag: hanserblau
ISBN: 978-3-446-28451-7

PS: Das Buch habe ich mir in der Stadtbücherei Hagen ausgeliehen, es ist sogar auf meinen Wunsch hin angeschafft worden. In vielen Büchereien gibt es die Möglichkeit, einen Wunschzettel auszufüllen mit dem Titel eines Buchs, das deiner Meinung nach die Auswahl der jeweiligen Bücherei ergänzen könnte. Nachdem du diesen Zettel abgegeben hast, wird geprüft, ob es zur Ausrichtung der jeweiligen Bücherei passt und wenn es gut läuft, wird es angeschafft. Dann bekommst du eine Info und kannst es lesen. Ich habe mich sehr darüber gefreut, als die E-Mail mit der Abholungs-Info kam.

Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.

Ein Buch, das meiner Meinung nach gut zu „Das schönste aller Leben“ passt, ist „Halbinsel“ von Kristine Bilkau. Auch dort geht es darum, wie sich ein Leben leben lässt, das zunächst einmal die eigenen und nicht fremde Erwartungen erfüllt, und wie die beiden Protagonistinnen ihre Rollen als Mutter und als Tochter neu definieren.

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