Immergrün von Ruth Olshan

Das Buch Immergrün von Ruth Olshan umgeben von Pflanzen. Es ist das Headerbild zu einer Rezension des Buches.

Aktualisiert am 4. Juli 2026 von Antje Tomfohrde

Im Frühjahr 2026 ging Bastei Lübbe mit dem Imprint Pfaueninsel Verlag ins Rennen um die interessierte Literaturleserschaft über 45. Soll heißen, ich war ganz angetan vom ersten Programm und besonders „Immergrün“ war mir aufgefallen. Während der Buchmesse in Leipzig las Ruth Olshan im Ariowitsch-Haus und danach wollte ich das Buch unbedingt lesen.

Worum geht es in „Immergrün“?

Ruth reist nach Litauen, im Kofferraum die Urnen ihrer Mutter und Großmutter. Ziel ist, sie im Heimatland der beiden zu beerdigen.

„Es hatte etwas Besonderes, wie die Urnen nebeneinander auf dem Beifahrersitz in einer profanen Einkaufstasche mit verstärktem Pappboden aufrecht standen. Jetzt schnallte ich sie noch an. Dass ich sie verlieren könnte, war meine größte Angst.“

Aus „Immergrün“ von Ruth Olshan

Während dieser Reise reist Ruth in ihre und die Vergangenheit ihrer Eltern. Sie erzählt von der Zeit ihrer Mutter vor ihrer Geburt, die als Tochter einer konvertierten Jüdin und eines litauischen Sängers aufwuchs und irgendwann die Chance bekam, auf eine Konzertreise in die Sowjetunion zu gehen. Dort lernte sie ihren Vater kennen und zusammen konnten sie emigrieren.

Erst versuchten sie mit der kleinen Ruth ihr Glück in Israel, bevor es dann nach Berlin ging. Dort platzten viele Träume und Ruths Eltern mussten sich von ihren Träumen verabschieden. Für Ruth war es eine Zeit des Ankommens in einem anderen Land und gleichzeitig großer Verantwortung, denn ihre Mutter litt nicht nur darunter, ihren Beruf als Sängerin nicht mehr ausüben zu können, sondern auch an einer schweren Depression.

Ruth Olshan bei einer Lesung im Ariowitsch-Haus in Leipzig im Frühjahr 2026.
Ruth Olshan bei ihrer Lesung im Ariowitsch-Haus in Leipzig im Frühjahr 2026.

Wie hat mir das Buch gefallen?

Der Inhalt des Buchs ist auf den ersten Blick schnell erzählt. Doch was diese Kindheit für Ruth bedeutete wird erst auf den zweiten Blick klar. Übernimmt sie doch als Kind die Verantwortung, die eigentlich die Erwachsenen in der Familie hätten übernehmen müssen.

„Meine Mutter übernahm früh Verantwortung. Vielleicht ist das der Grund, warum sie diese für ihr eigenes Kind früh abgab. Vielleicht.“

Aus „Immergrün“ von Ruth Olshan

Ruths Mutter hat nicht nur sehr darunter gelitten, dass sie nicht mehr als Sängerin arbeiten konnte. Auch ihre eigene Kindheit war geprägt durch einen schweren Schicksalsschlag, sie musste lange hinter ihrem Bruder zurückstecken und wurde selbst nicht gesehen. Also etwas, was sich dann im Berliner Exil wiederholte, waren ihre Auftritte dort nicht für das große Publikum. Es gibt bekanntlich immer eine Geschichte hinter der Geschichte.

Was jetzt nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass es für Ruth eine unglaubliche Aufgabe war, die sie als Kind gewuppt hat. Sie hat die Verantwortung übernommen und dafür gesorgt, dass sie ihrer Mutter nicht weggenommen wurde. Auch ihr Vater hat natürlich nicht nichts getan, aber sie hat eine große Bürde getragen, da beide Eltern nicht wirklich dazu in der Lage waren, sich komplett auf das neue Land einzulassen.

Und dennoch haben sie Ruth die Freude oder besser die Liebe zur Kunst weitergegeben. Dies und der Sport, in ihrem Fall Basketball, haben ihr geholfen, da durchzukommen. Durch den Sport hat sie Freundinnen gewonnen und konnte sich so ein Gerüst aufbauen, das sie außerhalb der kleinen Familienwelt getragen hat.

Ihre Eltern haben ihr trotz allem viel mitgegeben und diese Dankbarkeit und Liebe zu ihnen finde ich nicht nur erstaunlich, sondern auch sehr reflektiert. Aber trotz allem weiß sie, dass es groß von ihren Eltern war, sie beruflich nicht einschränken zu wollen, nicht eine typische Erfolgsgeschichte durchziehen zu müssen, sondern etwas zu machen, dass ihr wirklich Freude bereitet. Viele, die in dieser Zeit vor der Wahl standen, einen Berufsweg zu finden, haben auf den Rat „Mach etwas Vernünftiges, mit dem du viel Geld verdienen kannst“ gehört und sind nicht ihrem Herzen gefolgt. Das war bei uns Kinder von Kriegskinder oftmals so.

„Nie hatte sie mir vorgeschlagen, etwas „Vernünftiges“ zu studieren. Überhaupt hatte sie sich selten um meine Ausbildung gekümmert, es sein denn, es ging um Kreativität. Mit der Musiklehrerin in der Grundschule und meiner Deutschlehrerin im Gymnasium tauschte sie sich aus. Tatsächlich haben diese beiden Lehrerinnen mich stark beeinflusst und immer unterstützt.“

Aus „Immergrün“ von Ruth Olshan

Die Autorin hebt ihre Eltern und besonders ihre Mutter nicht auf ein Podest, schätzt aber vieles an ihnen und betrachtet es mit den Augen einer lebenserfahrenen Frau. Sie weiß, dass sie Struktur gebraucht hätte und nicht diejenige hätte sein dürfen, die sie gegeben hat.

Das macht auch den Unterschied, sie selbst ist nicht mehr ganz jung und hat schon vieles im Leben erlebt und kann so jetzt anders auf ihre Mutter blicken, als sie das als junge Frau hätte tun können.

Sie hält ihr Versprechen und bringt ihre Mutter und Großmutter nach Litauen, wie es der Wunsch der beiden war. Damit kann sie etwas abschließen, nicht nur für sich, sondern auch für ihre Mutter.

„Es war mein letztes Geschenk an sie. Es war auch ein Geschenk an mich. Ich war Teil dieser Frauen, ihre Geschichte hatte mich zu der Person gemacht, die ein Versprechen gab und einhielt.“

Aus „Immergrün“ von Ruth Olshan

„Immergrün“ ist ein ganz persönliches Buch, dass über das Ankommen im eigenen Leben erzählt. Ruth Olshan beschreibt ihren Weg in ihr Leben, in ein anderes Land, ein Weg, der das Gegenteil von leicht war und sie vielleicht gerade deshalb genau so hat werden lassen, wie sie ist. Es ist eine Kindheit gewesen, die ihr viel abverlangt hat. Sie musste erwachsen sein, obwohl sie es noch nicht war.

Insgesamt ist es mehr eine autofiktionale Erzählung als ein Roman, was auch erklärt, dass der Spannungsbogen anders verläuft bzw. sich nicht aus einer äußeren Handlung nährt. Auch wenn es von Berlin nach Litauen geht, findet die eigentlich Reise in Ruth statt. An manchen Stellen hätte ich mir einen längeren Aufenthalt gewünscht. Vor allem die Jahre zwischen dem Mauerfall und dem Tod ihrer Mutter hätten mehr Raum vertragen können. Diese Lücke bleibt für mich eine Stelle, an der ich als Leserin etwas vermisst habe.

„Mit ihrem Tod war ihre lange Reise, der Dauerzustand der Emigration beendet. Auch meine war damit zu einem Halt gekommen. Die Verbindung in den Osten war gekappt, allenfalls blieb mir ein Duft, eine Erinnerung an meine Herkunft.“

Aus „Immergrün“ von Ruth Olshan

Für mich war es auch ein Blick zurück in der Zeit, sind die Autorin und ich doch ungefähr gleich alt und so gab es einiges an äußeren Begebenheiten, die wir beide gleichzeitig und doch anders erlebt haben, wie zum Beispiel den Mauerfall.

Ich danke der Autorin, etwas so Persönliches geteilt zu haben. Die Lesung und das Gespräch im Nachgang waren ganz besonders, vielen Dank auch dafür.

Über Ruth Olshan:

Ruth Olshan wurde 1970 in Moskau geboren und ist ukrainisch-litauischer Abstammung. Mit ihren Eltern kam sie in den 70er Jahren über Israel nach Berlin. In Leeds und Köln studierte sie Regie und Filmproduktion und ist heute Drehbuchautorin, Schriftstellerin, Regisseurin und Professorin für Regie an der ifs Köln und anderen Hochschulen. Sie lebt in Berlin.

Informationen zum Buch
Buchtitel: Immergrün
Autorin: Ruth Olshan
Erscheinungsdatum: 02. März 2026
Verlag: Pfaueninsel Verlag
ISBN: 978-3-69131-007-8

PS: Dieses Buch habe ich mir bei einer Lesung von Ruth Olshan während der Leipziger Buchmesse 2026 gekauft. Bücher kaufe ich am liebsten in kleinen, inhabergeführten Buchhandlungen. Bei den meisten Buchhandlungen ist es auch möglich, online zu bestellen. Sie sind also auf jeden Fall eine Alternative zu den großen Online-Shops. Online bestellen und in der Buchhandlung abholen oder direkt nach Hause liefern lassen, ist möglich. Auch eBooks können direkt bei der Buchhandlung deiner Wahl online gekauft werden. Bei mir im Ort gibt es die Hohenlimburger Buchhandlung, dort kaufe ich viele meiner Bücher und sie hat einen Online-Shop. #SupportYourLocalBookshop

Wenn dir „Immergrün“ gefallen hat, könnte auch „Das schönste aller Leben“ von Betty Boras etwas für dich sein. Auch dort geht es um das Ankommen in einem anderen Land (auch in Deutschland). Was mir gut gefällt, ist, dass Ruth Olshan aus der Sicht einer Frau in der Lebensmitte darüber schreibt und Betty Boras aus Sicht einer jungen Mutter. Die eine ist in den 70ern eingewandert, die andere in den 90ern, das gibt auch noch einmal einen anderen Blickwinkel.

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