Aktualisiert am 4. Oktober 2026 von Antje Tomfohrde
übersetzt von Norbert Juraschitz und Karin Schuler
Von Königshäusern, Königinnen, Königen, Prinzessinnen und Prinzen konnte ich von klein auf nicht genug kriegen und ob ich ohne mein Interesse für Triviales überhaupt lesen gelernt hätte, sei dahingestellt. Die Liebesgeschichte von Anne Boleyn und Heinrich VIII. ist also prädestiniert gewesen, mein Interesse zu wecken, und ich habe so einige Verfilmungen dazu gesehen und später tatsächlich begonnen über die Beziehungsebene hinaus etwas zur Geschichte Englands und dieser berühmt-berüchtigten Liebe zwischen dem englischen König und Anne Boleyn zu lesen. Insgesamt wurde mein Interesse an Geschichte ernsthafter, obwohl ich dem Trivialen immer noch nicht abgeschworen habe. Und da ist nun dieses Buch, das das Drama um die beiden noch einmal anhand historischer Belege neu erzählt. Klar, dass ich das lesen musste.
Worum geht es inhaltlich?
Es wäre zu einfach zu behaupten, dass es in diesem Buch nur um die Beziehung zwischen Anne Boleyn und Heinrich VIII. ginge. Denn es geht ums große Ganze, um ein Bild der Zeit, zu der all dies geschah. Wie war die Lage in Europa gerade? Welche Länder kämpften um welches Zipfelchen Land und um die Vorherrschaft? Wer versuchte, sich welches Stück vom Braten zu sichern und wer setzte alles daran, um nicht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken?
So holen John Guy und Julia Fox auch erst einmal etwas weiter aus und beginnen mit Heinrichs Kindheit, denn er war quasi das Ersatzrad und nicht als Königsnachfolger geplant. Thronfolger war sein älterer Bruder Arthur. Die sogenannten Rosenkriege waren gerade vorbei und das Haus Tudor, zu dem Heinrich gehörte, war noch nicht fest im Sattel. Das war also die Situation, als er König wurde.
Die Boleyns waren eine aufstrebende Familie, deren Ziel es war, nach ganz oben zu kommen. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde jedes Familienmitglied eingespannt, so auch Anne. Ihr Job war es, „nach oben“ zu heiraten und dafür benötigte sie eine höfische Erziehung, heute würden wir es wohl Ausbildung nennen.
So lebten beide erst einmal ein voneinander getrenntes Leben und es sollte noch einige Zeit dauern, bis der König auf sie aufmerksam wurde.
Als es dann so weit ist, werden wir mit vielen Informationen versorgt, was geschehen musste, damit es überhaupt zur Hochzeit kommen konnte. Es zog sich über Jahre und war eine hochpolitische und keinesfalls eine private Angelegenheit.
Wir erfahren von Intrigen, politischen Entwicklungen und persönlichen Fehleinschätzungen, die am Ende Annes Schicksal besiegeln.
Mein Leseeindruck von „Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII. Die Ehe, die die Welt erschütterte“
Braucht es tatsächlich an die 600 Seiten und 888 Gramm Papier, um über die Ehe Anne Boleyns und Heinrichs VIII. ein weiteres Buch zu schreiben? Wurde nicht schon alles gesagt und geschrieben?
Ich sage ja. Es brauchte noch dieses Buch, denn John Guy und Julia Fox rollen den „Fall“ noch einmal ganz neu auf. Sie haben sich durch die vorhandenen und neu entdeckten Quellen gewühlt und sehr genau recherchiert, so dass das Bild, das es über diesen Teil des Lebens von Heinrich VIII. gibt, vollständiger wird und auch das Bild, das es landläufig über Anne Boleyn gab, größer wird.
Es war nie nur einfach eine Beziehung, es ging immer auch um Macht. Die Frage ist, ob es für Annes Kopf und ihre Familie besser gewesen wäre, wenn sie sich auf den Status einer Mätresse eingelassen hätte. Man weiß es nicht und kann nur darüber spekulieren. Nach diesem Buch ist klar: Anne hat alles für ihr Ziel gegeben, nicht nur eine einfache Geliebte des Königs zu sein. Sie muss eine für ihre Zeit ungewöhnliche Frau gewesen sein, was vermutlich mit ein Grund ist, dass sie nicht einfach in Vergessenheit geraten ist.
„Vor allem aber beleuchten weitere neue Archivfunde zum ersten Mal die Größe, Tiefe und die inneren Abläufe des Spiels, das Heinrich und Anne auf internationaler Bühne spielten. Wir erfahren erstmals nicht nur von Annes Liebe zu und Hingabe an Frankreich, sondern auch, wie sie sich die mächtigen Frauen, die sie kennenlernte, zum Vorbild nahm und wie sehr ihr Blick auf die Welt von den Vorstellungen, vor allem den religiösen Vorstellungen, die diese Frauen ihr nahebrachten, geprägt wurde. Ihre frankophilen Neigungen arbeiteten in den frühen Phasen ihres Werbens umeinander stark zu ihren Gunsten, doch das schlug um, als Einstellungen sich veränderten.“
Aus „Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII. Die Ehe, die die Welt erschütterte“ von John Guy und Julia Fox
Am Anfang war es ungewohnt, dass wirklich alles bis ins Detail durchgekaut wurde und jedes Wort, das belegt ist, interpretiert wurde. Aber so funktioniert nun einmal eine gute Quellenanalyse und zu einem solchen Buch gehört es dazu. Es ist also auf der einen Seite schon spannend, aber es liest sich nicht wie ein Roman, eher wie ein gutes historisches Sachbuch, was es ja auch ist. Die Geschichte selbst ist ja schon Stoff für einen Roman oder fast schon unglaubwürdig und passt eher in ein Setting wie „Game of Thrones“, wo auch gerne mal eine der Hauptfiguren sterben muss.
Gerade deshalb gefiel mir diese Quellengenauigkeit im Laufe des Buches immer mehr und es wurde auch immer klarer, warum das wichtig ist, um die Verstrickungen und Konventionen der Zeit zu verstehen. Es gab zwar noch keine Regenbogenpresse oder Social Media, aber jemand wie Heinrich VIII. und eine Person wie Anne Boleyn, die aus einer aufstrebenden Familie kam, wurden scharf beobachtet und jedes Wort, jedes Lächeln, jede Berührung interpretiert, immer ganz im Sinne des Beobachters. Da hieß es, auf der Hut zu sein, um den Ruf nicht zu ruinieren.
Und Anne musste lange auf der Hut sein, um nicht doch nur als Mätresse im Bett des Königs zu landen. Gab sie sich ihm zu früh hin, konnte es ihre Position schwächen und der König konnte das Interesse an ihr verlieren oder sie im Status der Geliebten belassen. Auch nach der Hochzeit war der Druck nicht weg. Da ging es dann darum, den ersehnten Thronfolger zur Welt zu bringen. Nach der Geburt der Tochter war der Erfolgsdruck noch größer und Annes Macht in Gefahr, denn natürlich lag die „Schuld“ daran nur bei ihr.
„Sie war bereit, Briefe und Liebespfänder mit ihm auszutauschen, doch selbst als sie schon ihre eigenen Wohnungen in seinen Palästen bezogen hatte, weigerte sie sich, mit ihm zu schlafen. Der entscheidende Punkt war, zum richtigen Zeitpunkt nachzugeben. Sie musste sicher sein, dass er es ernst meinte und sie nicht nach einer oder zwei Nächten beiseitegeschoben wurde.“
Aus „Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII. Die Ehe, die die Welt erschütterte“ von John Guy und Julia Fox
Zum Glück hatte Anne während ihrer Jahre in Mechelen und in Frankreich die nötige höfische Ausbildung erhalten, um in dieser Schlangengrube zu überleben (zumindest eine Zeit lang) und selbst Intrigen zu spinnen.
Sie unterschied sich in ihrem kompletten Erscheinungsbild von ihren Geschlechtsgenossinnen am Hofe, trat sie doch selbstbewusst auf, wusste sich in Szene zu setzen mit Kleidung und Habitus und entsprach nicht dem Bild einer demütigen Dame. Dabei soll sie laut Zeitgenossen nicht umwerfend schön gewesen sein, was Heinrich VIII. nicht davon abhielt, sie zu begehren.
„An Annes Aussehen schieden sich also die Geister der Zeitgenossen. Zu ihren Gunsten hieß es, sie sei schlank, selbstsicher, voller Leben, mit einem langen, schlanken Hals und dunklen, blitzenden Augen, die demjenigen, den sie anschauten, das Gefühl gaben, er allein sei ihr wichtig. Weniger ansprechend waren ihr braunes Haar und ihr dunkler Teint: Sie war von Natur aus brünett in einer Zeit, in der blonde Frauen mit Porzellanteint gefragt waren.“
Aus „Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII. Die Ehe, die die Welt erschütterte“ von John Guy und Julia Fox
Was mich tatsächlich überrascht hat, ist die Tatsache, dass sie für die damalige Zeit schon recht alt war, als sie ins Heiratsgeschäft einstieg. Erst mit 32 Jahren heiratete sie tatsächlich, auch wenn der Prozess, die Ehe einzuleiten, schon einige Jahre vorher begann, denn der Papst wollte Heinrichs Ehe mit Katharina von Aragon nicht einfach annullieren. Es ist erstaunlich, dass sie diesen Druck all die Jahre ausgehalten hat.
Sie ist auch eine der treibenden Kräfte der Reformation der Kirche in England gewesen und war tatsächlich an einer Kirchenreform interessiert, nicht nur, um Königin zu werden. Während ihrer Zeit auf dem Kontinent hatte sie nicht nur gesehen, wie Frauen auch Herrscherinnen sein konnten, sondern auch Kontakt mit wichtigen Reformern bekommen. Diese Kontakte bestanden nach ihrer Rückkehr nach England fort.
„Die Kirchenreform hatte für Anne einen so hohen Stellenwert, dass sie eine ganze Kohorte protestantischer Kaplane um sich scharte.“
Aus „Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII. Die Ehe, die die Welt erschütterte“ von John Guy und Julia Fox
Die Vielschichtigkeit des Buches und von Anne Boleyns Persönlichkeit haben mich überrascht, wusste ich doch gar nicht so viel über sie, wie ich dachte. Sie prägte ihre Zeit und hob sich ab, allein wie sie sich kleidete, was der französischen Mode entsprach und nicht dem Stil, der in England populär war. Dadurch schuf sie auch eine gewisse Distanz zwischen sich und anderen und mit ihrem frankophilen Lebensstil machte sie sich besonders später, als sich die politische Situation änderte, nicht nur Freunde.
Das Buch spiegelt auch die Verschwendungssucht der herrschenden Klasse wider. Was wurde da verschenkt an wertvollen Goldgeschenken. Es wirkt so völlig gedankenlos und abgehoben zu dem, was die arbeitenden Klassen zur Verfügung hatten. Da wurde geprasst und gerade Heinrich selbst langte ordentlich zu, so dass er immer dicker wurde vom vielen Fleisch und Frittierten. Der viele Alkohol tat ein Übriges. Die herrschende Klasse hatte komplett den Bezug zur Bevölkerung verloren und lebte sehr dekadent. Vielleicht fielen die Ideen der Reformation auch deshalb auf fruchtbaren Boden im Land.
Heinrich VIII. selbst wirkt auf mich nicht sehr sympathisch, ein Mensch, der nicht die Verantwortung für seine Taten übernimmt. Er hat wohl einige sinnvolle Reformen angestoßen, macht in diesem Buch, das nur einen Ausschnitt seines Lebens zeigt, auf mich aber einen sehr bedürfnisorientierten Eindruck, bei dem er im Mittelpunkt steht. Ein Menschenleben bedeutet ihm nicht viel und es wirkt auch sehr skurril, dass er extra einen Meister seines Fachs aus Frankreich hat kommen lassen, um Anne schnell hinrichten zu lassen.
Gleichzeitig scheint er tatsächlich geradezu „verrückt“ nach Anne gewesen zu sein, allerdings wirken auch da einige seiner Nachrichten an sie wie die eines verwöhnten kleinen Jungen, der durch Betteln immer erreicht hat, was er wollte. Außer Macht muss er noch mehr an sich gehabt haben, um eine Frau wie Anne so lange Zeit fesseln zu können. Ich muss gestehen, dass Anne mich mehr als Heinrich interessiert hat.
„Von einer vernarrten Mutter allzu sehr verhätschelt und von einem autokratischen Vater allzu sehr behütet, wuchs Heinrich zu einem Narzissten heran, der die Ausübung der Kontrolle als sein Geburtsrecht ansah, zu einem Mann, der niemals die eigene Schuld für seine Handlungen akzeptierte und stets nach Sündenböcken Ausschau hielt.“
Aus „Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII. Die Ehe, die die Welt erschütterte“ von John Guy und Julia Fox
Insgesamt hat mir das Buch sehr gut gefallen. Man spürt, dass es von zwei Menschen geschrieben wurde, die sich richtig in das Thema hineingekniet haben und tiefe historische Expertise haben. Sie malen ein detailliertes Bild des Lebens am englischen Hof und der politischen Entwicklungen der Zeit. Auch gehen sie auf viele nicht unwichtige Personen ein, so wird u. a. auch Jane Seymour, die Ehefrau Heinrichs nach Anne, erwähnt. Das Buch verfügt am Ende über Stammbäume der verschiedenen Familien, was auch bitter nötig ist, um nicht komplett durcheinanderzugeraten mit den unzähligen Namen, die genannt werden.
Bei der Übersetzung habe ich keinen Wechsel in der Stimme des Textes herauslesen können, da ist ganz sorgfältig gearbeitet worden. Der Text liest sich flüssig und klingt nicht nach einer Übersetzung an. Da wäre es interessant zu erfahren, wie Norbert Juraschitz und Karin Schuler gearbeitet haben, um den Text mit einer Stimme sprechen zu lassen.
Es ist aber kein Buch zum einfach Herunterlesen, dafür steigt es zu tief ein. Menschen, die ein nerdiges Interesse an englischer Geschichte haben, sind hier gut aufgehoben und werden viel Freude an dem Buch haben!
Über die Autor*innen:
John Guy und Julia Fox sind Historiker*innen und ein Ehepaar. John lehrt an der University of Cambridge und ist Autor des preisgekrönten Bestsellers „My Heart Is My Own“, der von Maria Stuart handelt. Julia hat an Londoner Schulen unterrichtet und ist mit dem New-York-Times-Bestseller „Sister Queens: Katherine of Aragon and Juana Queen of Castile“ bekannt geworden. Das Paar lebt in London.
Über die Übersetzer*innen:
Norbert Juraschitz wurde 1963 geboren. Er studierte Osteuropäische Geschichte und Ostslavische Philologie in Tübingen und übersetzt hauptsächlich Bücher aus den Bereichen Naturwissenschaft, Biographien sowie politisches und historisches Sachbuch aus dem Englischen und Russischen.
Karin Schuler wurde 1965 geboren. Sie studierte Latein und Geschichte in Tübingen und Bonn. Sie übersetzt seit über 30 Jahren Sachbücher aus dem Englischen.
Autor*innen: John Guy und Julia Fox
Übersetzer*innen: Norbert Juraschitz und Karin Schuler
Erscheinungsdatum: 2024
Verlag: C. H. Beck
ISBN: 978-3-406-82201-8
PS: „Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII. Die Ehe, die die Welt erschütterte“ ist ein kostenloses Rezensionsexemplar (unbezahlte Werbung), welches mir vom Verlag C. H. Beck zur Verfügung gestellt wurde. Herzlichen Dank!
Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.
Tatsächlich habe ich jetzt kein weiteres Buch hier auf dem Blog rezensiert, das ich dir im Zusammenhang mit Heinrich VIII., Anne Boleyn oder den Tudors empfehlen kann. Allerdings kann ich dir die Wolf-Hall-Trilogie von Hilary Mantel ans Herz legen. Schau dir auch die Serie „The Tudors“ von Michael Hirst und den Film „Elizabeth“ mit Cate Blanchett an. Es gibt unglaublich viel Literatur zu den Tudors, Heinrich VIII. und Anne Boleyn im Speziellen und zu Heinrichs Tochter Elizabeth I. Aber auch einige Regalmeter an Geschichtsbüchern wurden damit gefüllt. Wenn du einen Tipp hast, was ich unbedingt zu dem Thema noch lesen soll, lass gerne einen Kommentar da.
