Vergessene Musikerin – Die Komponistin von Alissa Wenz

Eine Hand hält das Buch „Die Komponistin" von Alissa Wenz (Verlag Wagenbach) vor einem Hintergrund aus grünem Grün und Wildkraut ins Bild. Das Cover zeigt ein impressionistisches Gemälde: eine Frau in hellem, hochgeschlossenem Kleid des späten 19. Jahrhunderts, von hinten zu sehen, sitzt an einem Klavier und spielt von Notenblättern ab. Neben ihr am Fenster eine Zimmerpalme, warmes Licht fällt durch die Vorhänge. Titel und Autorinnenname stehen in gelber Schrift, unten die Gattungsangabe „Roman" und der Verlagsname „Wagenbach".

Aktualisiert am 29. August 2026 von Antje Tomfohrde

übersetzt von Alexandra Baisch

Manchmal gibt es Bücher, die überraschend zu einem kommen und sich als wahrer Glücksfall erweisen. „Die Komponistin“ ist so ein Buch, denn es wurde mir als Überraschungspost vom Verlag zugesandt und kam gerade so an, dass ich kurz davor war, mit einem neuen Buch zu beginnen. Und nicht nur das, Jacqueline, mit der ich schon „Das flüssige Land“ von Raphaela Edelbauer gelesen habe, hatte spontan Lust, es gemeinsam mit mir zu lesen, was mich sehr gefreut hat, denn manche Bücher erschließen sich besser zu zweit.

Wovon handelt das Buch?

Mélanie Bonis – sagt dir der Name etwas? Mir nicht, zumindest nicht, bis ich ihre Lebensgeschichte gelesen hatte. Alissa Wenz hat sich des Lebens und des Werks der vergessenen oder heute unbekannten Komponistin Mélanie Bonis in ihrem Buch „Die Komponistin“ angenommen.

Mélanie wurde 1858 in Paris geboren. Ihr Vater war Vorarbeiter in einer Uhrenfabrik, die Mutter Posamentiererin (jemand, der sich um die Verschönerung von Textilien und Möbeln kümmert und Borten, Quasten etc. anbringt – vor dem Lesen hatte ich noch nicht von diesem Wort gehört). Insgesamt kommt die Familie sehr ernst und streng rüber, das Zusammenleben wirkt nicht besonders herzlich oder warm.

Die junge Mélanie bringt sich mit sieben Jahren selbst das Klavierspielen bei und ein paar Jahre später gelingt es einem Freund der Familie, die Eltern davon zu überzeugen, dass sie so begabt sei, dass sie die Zeit bis zu ihrer bestimmt irgendwann stattfindenden Hochzeit nicht nur damit verbringen sollte, Nähen zu lernen, sondern auch das Klavierspiel auf hohem Niveau, um ihren Wert auf dem Heiratsmarkt zu erhöhen. Tatsächlich kommt sie später ans Pariser Konservatorium, ein weiterer glücklicher Zufall.

„Du bist neunzehn Jahre alt, als man die Musik an der angesehensten und nur schwer zugänglichen Schule von ganz Frankreich in den Mittelpunkt deines Lebens stellt, und deine Eltern haben nichts dagegen einzuwenden.“

Aus „Die Komponistin“ von Alissa Wenz

Doch leider wird Mélanie das Konservatorium nicht beenden, sondern eine arrangierte Ehe mit einem um einige Jahre älteren Mann eingehen und es wird einige Zeit ins Land gehen, bis sie wieder mit der Musik beginnen wird – und auch andere begonnene Fäden ihres Lebens wieder aufnimmt.

Wie hat mir „Die Komponistin“ gefallen?

Wenn ich so nachdenke, kann ich mich nicht erinnern, dass in meiner Schulzeit großartig über die Werke von Komponistinnen gesprochen wurde (es wurden ja auch kaum Bücher gelesen, die von Frauen geschrieben wurden). Von Clara Schumann als Komponistin und Musikerin habe ich erst nach der Schule erfahren, genauso, dass es in der Familie Mozart nicht nur ein musikalisches Wunderkind gab, sondern auch Amadeus‘ Schwester Maria Anna musikalisch hochbegabt war. Und so gab es wohl einige Frauen, die den Herren ebenbürtig waren, aber nicht berühmt wurden, zumindest nicht zu ihrer Zeit.

„Bei Clara Schumann heißt es, sie ist die Frau von Robert Schumann und eine ausgezeichnete Pianistin. Ihre Kompositionen kennt man so gut wie gar nicht. Ihre Werke werden nie gespielt. Du weißt, dass das Paar acht Kinder hatte.“

Aus „Die Komponistin“ von Alissa Wenz

Mélanie Bonis ist eine dieser vergessenen Künstlerinnen, deren Werke erst heute wiederentdeckt werden, auch wenn sie zu ihrer Zeit nicht gänzlich unbekannt war.

Alissa Wenz erzählt vom Leben dieser Musikerin, die eine Karriere in Phasen erlebte und sich, zumindest je älter sie wurde, von den Konventionen der Zeit befreien konnte, bzw. die Zeit hatte sich auch geändert, so dass sie als Komponistin wirken konnte. Zwar konnte sie nicht die Bekanntheit eines Claude Debussy erlangen, der mit ihr zur selben Zeit das Konservatorium besuchte, doch konnte sie sich in gewisser Weise schon als Künstlerin entfalten und auch im Privaten war sie nicht ganz so angepasst, wie man vermuten könnte.

Ungewöhnlich ist die Ansprache im Buch. Es wird so erzählt, dass die Autorin immer in der zweiten Person Singular mit ihrer Hauptfigur spricht. Dadurch habe ich beim Lesen teilweise gedacht, in manchen Situationen Mélanie zu sein. Ein Stilmittel, das es schafft, die Geschichte näher an die Lesenden heranzutragen. Das Geschriebene wirkt intensiver. Es war kurz ungewohnt, hat insgesamt aber dazu beigetragen, näher am oder im nacherzählten Leben dran zu sein.

Die Konventionen der Zeit haben es den Frauen schwer gemacht, ein eigenständiges Leben leben zu können. Vieles war so vorbestimmt. Es wurde nicht in Frage gestellt, dass Mélanie irgendwann heiraten würde und dass sie sich bei der Wahl des Ehemanns nach den Wünschen ihrer Eltern richten müsste und nicht nach ihren. Man leidet mit ihr und freut sich auch für sie, als sie doch noch ein spätes heimliches Glück erleben kann (Das Spoilern ist hier jetzt nicht unbedingt ein Spoilern, denn ihre Biografie ist frei zugänglich). Umso schöner, dass sie gleich zu ihren beiden großen Lieben, der Musik und dem Sänger Amédée-Louis Hettich, wieder eine Beziehung aufbauen kann.

„Du fragst dich, wie du so lange ohne das leben konntest, ob man das überhaupt leben nennen konnte, ob du überhaupt lebendig warst. Du hast das Gefühl, dass Musik eine andere Bezeichnung für das Leben selbst ist, diese andere Bezeichnung für dein Leben, das du schlicht vergessen hattest.“

Aus „Die Komponistin“ von Alissa Wenz

Frauen wie Mélanie Bonis waren Wegbereiterinnen für andere Frauen, denn sie haben „ihr Ding gemacht“, auch wenn sie dafür manchen Umweg gehen mussten. Beim Lesen solcher Geschichten denke ich immer daran, was wäre, wenn sie heute leben würden. Würden sie den Durchbruch schaffen oder wie würde ihre Karriere heute aussehen? Auf jeden Fall hat sie sich im Laufe ihres Lebens emanzipiert und vieles geschafft, das hat mich beeindruckt, auch wenn oftmals ein schaler Beigeschmack dabei war, denn sie hatte nie die Möglichkeit, wirklich das große Stück vom Kuchen auf ihren Teller zu packen.

Alissa Wenz hat es geschafft, eine Künstlerin ins Heute zu holen und ihre Geschichte zu erzählen, indem sie viele Fakten aus ihrem Leben genommen hat und einiges, das unklar war, mit erdachten Erzählungen gefüllt hat.

Auch die Übersetzung bezeichne ich als gelungen, denn französische Leser*innen beschreiben ihre Leseeindrücke ähnlich. Das Original ist also auch so drängend, geradezu leidenschaftlich geschrieben und auch die Anrede „Du“ wurde ins Deutsche übernommen, was dieses Gefühl beim Lesen noch einmal verstärkt. Auch muss sich Alexandra Baisch bei ihrer Übersetzung vermutlich intensiv mit musikalischen Fachbegriffen und auch der Musik zur Zeit Mélanie Bonis‘ auseinandergesetzt haben, um so treffend zu übersetzen.

Für mich ist eine runde Geschichte dabei herausgekommen, die weit davon entfernt ist, einfach nur davon zu berichten, wie das Leben von Mélanie Bonis war und welch verpasste Gelegenheiten es gab. Es ist auch eine Geschichte, die zeigt, was Frauen erreicht haben trotz der Zwänge, die ihnen die Gesellschaft zu ihrer Zeit auferlegt hat. Es kann durchaus als feministisches Buch gelten. Mélanie Bonis hat den Konventionen je älter sie wurde, immer mehr getrotzt und sich von vielem befreit, was ihr als junge Frau das Leben schwer gemacht hat.

Ein ganz wunderbares Buch, das mich wirklich begeistert hat.

Über die Autorin:

Alissa Wenz wurde 1986 in der Bretagne geboren und ist nicht nur Autorin, sondern auch Komponistin und Interpretin. Am Konservatorium von Saint-Malo hat sie Klavier und Gesang studiert, in Paris Literaturwissenschaft an der École normale supérieure und Drehbuch an der Fémis. Sie hat mehrere Studio-Alben und drei Romane veröffentlicht. »Die Komponistin« ist ihr erstes Buch auf Deutsch.

Über die Übersetzerin:

Alexandra Baisch übersetzt aus dem Französischen, Spanischen und Englischen und hat in Frankreich studiert. Sie ist auch als freie Lektorin tätig und lebt in München.

Informationen zum Buch
Buchtitel: Die Komponistin
Autorin: Alissa Wenz
Übersetzerin: Alexandra Baisch
Erscheinungsdatum: 20. August 2026
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-3390-8

PS: Mein Buch ist ein kostenloses Rezensionsexemplar, das mir der Verlag Klaus Wagenbach zur Verfügung gestellt hat. Herzlichen Dank hierfür! Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.

Auf YouTube gibt es eine Playlist mit Werken von Mel Bonis. Der Verlag hatte sie als QR-Code auf einer Postkarte verschickt, was ich sehr aufmerksam und eine schöne Art finde, um nicht nur das Buch, sondern auch die Musik dieser Künstlerin zu verbreiten.

Vielen Dank an Jacqueline für das gemeinsame Lesen! Der historische Stoff hat sich dadurch noch besser erschlossen und es war wieder ein besonders schöner Austausch.

Der Wagenbach Verlag beschreibt sich auf seiner Website wie folgt und trifft damit auf den Punkt, warum ich viele der dort verlegten Bücher so mag:

„Wir veröffentlichen Bücher aus Überzeugung und Vergnügen, mit Sorgfalt und Ernsthaftigkeit. Wir wollen unbekannte Autoren entdecken, an Klassiker der Moderne erinnern und unabhängigen Köpfen Raum für neue Gedanken geben. Es erscheinen Literatur, Geschichte, Kunst- und Kulturgeschichte, Politik aus den uns geläufigen Sprachen: Italienisch, Spanisch, Englisch, Französisch und natürlich Deutsch. Und unsere Bücher sollen schön sein, aus Zuneigung zum Leser und zum Autor und als Zeichen gegen die Wegwerfmentalität.“

Die Bücher der spanischen Autorin Sara Mesa erscheinen dort auf Deutsch und sind ein entdeckendes Lesen wert. Vielleicht gefallen sie ja auch dir. „Eine Liebe“ und „Die Familie“ habe ich beide schon gelesen und kann sie dir empfehlen, wenn du Innenreisen in menschliche Abgründe magst. Übersetzt wurden sie aus dem Spanischen von Peter Kultzen.

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