Aktualisiert am 30. August 2026 von Antje Tomfohrde
Wie kann die Zukunft aussehen? Gibt es Alternativen zu unserer Gesellschaftsform, die nicht gleich in einer dystopischen Diktatur enden? Das sind Fragen, die mich angesichts der vielen Krisen, die unseren Alltag bestimmen, umtreiben. Die österreichische Autorin Lisa-Viktoria Niederberger hat sich schon in ihrem Buch „Dunkelheit. Ein Plädoyer“ Gedanken in utopischen Texten am Ende einzelner Kapitel gemacht und in „Lahea“ erzählt sie von einer solchen eher utopischen alternativen Gesellschaft.
Wovon handelt das Buch?
In einer nicht ganz so fernen Zukunft nimmt uns die Autorin mit auf die Insel Ebria. Die Bewohner*innen sind dort vor einigen Jahren angekommen und haben eine alternative Form des Zusammenlebens entwickelt. Lahea ist die Tochter der Dorfvorsteherin von Ipane, einem der Inseldörfer. Sie soll die nächste Dorfvorsteherin werden und macht sich auf eine Reise über die Insel. Das gehört zum Wahlritus.
Hier wird schnell klar, dass es Zweifel an der aktuellen Form des Zusammenlebens gibt. Nicht jedem gefällt die matriarchale Struktur und auch das Fehlen von Eigentum und Partnerzugehörigkeit stößt nicht überall auf Gegenliebe. Auf ihrer Reise spürt Lahea am eigenen Leib, dass es unter der friedlichen Oberfläche gefährlich brodelt und größere Eskalationen nicht ausgeschlossen sind.
Wie hat mir „Lahea“ gefallen?
Auf Ebria herrscht auf den ersten Blick ein friedliches Zusammenleben. Die Menschen haben sich scheinbar von Besitzansprüchen in Partnerschaften verabschiedet und auch die klassischen Geschlechterzuordnungen scheinen überwunden. Im Mittelpunkt steht der Dienst an der Gemeinschaft, die Sicherung der Lebensgrundlage und der Verzicht darauf, die Insel auszubeuten, wie es in den Gesellschaften war, aus denen die ersten Bewohner*innen geflohen sind, um etwas Neues zu beginnen.
Doch es ist schon am Anfang klar, dass es Mangel an so Grundlegendem gibt wie genug Brennstoff, um die kühlen Perioden zu überbrücken. Die Hauptfigur Lahea lebt mit ihren beiden Partnern und ihrem Kind in einer glücklichen Dreiecksbeziehung und steht vor dem wichtigsten Einschnitt ihres Lebens. Dabei kommt sie in manch gefährliche Lage und sieht immer klarer, was nicht gut läuft und wo Unzufriedenheit herrscht.
Um fair zu sein, ist es auch wichtig, anzusprechen, dass es viel Gutes auf der Insel gibt und das Miteinander stark im Mittelpunkt steht. Was ist wirklich wichtig und wie viel ist genug?
„Vieles hat sich verändert, seit sie auf der Insel sind. Die größte Veränderung ist vielleicht ihre Einsicht, dass es für die Aufrechterhaltung der Versorgung und der zentralen Abläufe gar nicht notwendig ist, den ganzen Tag zu schuften. Dass das, was getan werden muss, in ein paar Stunden erledigt ist, und danach noch viel Zeit übrig bleibt für die Dinge, die wirklich wichtig sind.“
Aus „Lahea“ von Lisa-Viktoria Niederberger
Lisa-Viktoria Niederberger erzählt die Geschichte aus dem Blickwinkel verschiedener Personen, so dass es nicht auf die Sichtweise Laheas beschränkt bleibt. Dadurch gewinnen wir Lesende einen Einblick in die Geschichte der Insel und was auch seit Jahren unter dem Deckmantel des Schweigens belassen wurde und nun für Probleme sorgt.
Lahea ist mittendrin und muss sich einigen unbequemen Wahrheiten der eigenen Familienhistorie stellen. Da wird einiges infrage gestellt. Sie entwickelt sich im Laufe der Zeit und stellt auf ihrer Reise die richtigen Fragen, das beeindruckt mich an dieser Figur. Sie bewertet nicht sofort, sondern ist offen für neue Blickwinkel und bereit, Veränderung anzustoßen. Ich verrate jetzt aber nicht mehr, denn es lohnt sich, diese Geschichte zu lesen und herauszufinden, was passieren wird.
Gut gelungen ist der Autorin, eine Welt zu konstruieren, in der sich die Gründungsmitglieder Gedanken darüber gemacht haben, was sie ändern können, um ihre Vorstellungen von einem friedlichen Zusammenleben umzusetzen. Es wirkt so, als ob alle dazu bereit gewesen wären und vieles scheint utopisch schön: Da wird gemeinsam daran gearbeitet, die Gemeinschaft zu versorgen, diejenigen, die etwas erforschen möchten, können das tun, die Natur wird schonend behandelt, Beziehungen erleben ein Upgrade. Hört sich nach viel Friede, Freude, Eierkuchen an und wäre zu viel, wenn es nicht ein großes Aber geben würde.
Und es gibt nicht nur ein Aber, einen großen Showdown und danach ein Happyend, sondern die Erzählung geht weit darüber hinaus und regt zum Nachdenken an. Es ist nicht nur einfach eine Utopie. Die Autorin hat mit „Lahea“ einen Roman geschrieben, der Anregungen gibt, unsere Gesellschaften zu überdenken und zu überlegen, wie ein besseres Miteinander möglich ist, ohne den Anspruch der Perfektion. Perfektion gibt es im menschlichen Zusammenleben wohl nicht, aber einen Weg zu mehr Wir und mehr Teilhabe. Das hat mir neben einer spannenden Handlung gut gefallen.
Vielleicht braucht es eine so radikale Erzählung von einer anderen Welt, in der extremst entschleunigt wurde, Besitz nur noch in Form von Gemeinschaftsbesitz existiert und Liebesbeziehungen auch in der Theorie komplett frei von Besitzansprüchen sind, um unsere modernen, hochtechnisierten Gesellschaften, deren Hauptziel nicht das gute Leben für alle ist, sondern möglichst viel Wirtschaftswachstum, auf den Prüfstand zu stellen. Wie finden wir wieder ein Gleichgewicht? Die fiktive Insel Ebria dient da als Spiegel.
Im Buch gibt es gleich am Anfang eine Landkarte, damit es leichter fällt, sich auf der Insel zurechtzufinden. Neben einem Glossar inseltypischer Bezeichnungen findet sich am Ende auch ein Personenregister pro Inselort.
Über die Autorin:
Lisa-Viktoria Niederberger wurde 1988 geboren und lebt in Linz, wo sie als Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin arbeitet. Die Beziehungen zwischen Mensch und Natur und Formen des solidarischen Miteinanders sind wiederkehrende Elemente ihrer Texte. Sie wurde unter anderem mit dem Frau-Ava-Literaturpreis, dem Theodor-Körner-Preis und dem Marianne.von.Willemer-Frauen.Literatur.Preis der Stadt Linz ausgezeichnet. „Lahea“ ist ihr Romandebüt.
Autorin: Lisa-Viktoria Niederberger
Erscheinungsdatum: 5. März 2026
Verlag: Otto Müller Verlag
ISBN: 978-3-7013-1340-2
PS: Mein Buch ist ein kostenloses Rezensionsexemplar, das mir vom Otto Müller Verlag zur Verfügung gestellt wurde. Herzlichen Dank hierfür! Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.
Zwei Bücher, in denen es auch um eine Gesellschaft geht, die hauptsächlich von Frauen geführt wird, sind die beiden Bände der Serie „Das Reich von Sonande“ von Roseanne A. Brown. Beide Teile habe ich gelesen, hier kannst du meinen Leseeindruck nachlesen:
Band 1: „A Song of Wraiths and Ruin. Die Spiele von Solstasia“
Band 2: „A Psalm of Storms and Silence. Die Magie von Solstasia“
