Aktualisiert am 20. September 2026 von Antje Tomfohrde
Dazugehören, ein Teil von etwas sein, festes Mitglied in einer Gruppe zu sein, an dieselben Ideale glauben – all das ist gut. Doch was ist, wenn du „deine“ Gruppe noch nicht gefunden hast und dich danach sehnst, irgendwo dazuzugehören? Wie weit würdest du gehen? Franziska Gänsler liefert mit „Orca“ einen Roman dazu, der aber weit über dieses eine Thema hinausgeht.
Worum geht es in „Orca“?
Cora erfährt erst nach ihrer Schicht an der Fleischtheke im Supermarkt, dass ihre Freundin Olympia festgenommen wurde.
„Ich habe darauf gewartet, und doch kam es mir mit jedem Tag wahrscheinlicher vor, dass sie für immer verschwunden bleibt. Dass nichts davon sich je wieder an die Oberfläche meines Lebens schieben, dass es für immer unten liegen würde. Versunken und dunkel, in mir liegend, bis ich es irgendwann vergesse, sie vergesse, bis es nur noch mich gibt und das Leben, wie es jetzt ist: Die Fleischtheke am Tag, Stille bei Nacht.“
Aus „Orca“ von Franziska Gänsler
Cora und Olympia kennen sich aus ihrer Kindheit und treffen sich im ersten Corona-Sommer wieder. Mittlerweile geht Cora dank eines Stipendiums auf ein privates Gymnasium und versucht die Zeit des Lockdowns zu nutzen, um sich äußerlich an ihre Mitschülerinnen anzupassen. Olympia ist mit ihrer Mutter und kleinen Schwester zur Oma gezogen und hat einen Putzjob im Elson-Haus, einer großen Villa. Sie putzt dort und hält den Garten in Schuss. Dorthin nimmt Olympia Cora mit. Ein besonderer Tag für Cora. Sie erlebt ein Gefühl der Zugehörigkeit zu jemandem, das sie so noch nicht kannte. Dieses Gefühl möchte sie danach immer wieder haben.
Olympia ist die Sonne, um die Cora kreist und dieser eine Sommer gehört nur ihnen.
„Diesen Tag wiederhaben, wieder und wieder, Olympia, den Garten, alles daran.“
Aus „Orca“ von Franziska Gänsler
Das ändert sich, als Klimaaktivist*innen in das Elson-Haus einziehen und Olympia dort sofort Anschluss findet. Ab da muss Cora Olympias Aufmerksamkeit mit anderen teilen, besonders mit Ariel, zu der Olympia eine enge Beziehung aufbaut. Und Cora ist bereit, einiges dafür zu tun.
Wie hat mir das Buch gefallen?
Franziska Gänsler nimmt in „Orca“ gleich mehrere Themen auf zwei Erzählebenen in die Hand und steuert mit beiden Erzählsträngen auf einen gemeinsamen Höhepunkt hin.
Am Anfang wird sofort klar, dass etwas Schlimmes passiert sein muss, dass Cora, die ehemalige Schülerin einer Eliteschule, hinter die Fleischtheke und Olympia, ihre Freundin, hinter Gitter gebracht hat. Doch was ist passiert?
Das wird nach und nach von Cora selbst erzählt. Wir erfahren, wie sie Olympia wiedergefunden hat, das Gefühl der innigen Bindung erlebt und wie sie später um Olympias Aufmerksamkeit mit Ariel konkurrieren muss. Ihr ist so ziemlich jedes Mittel recht, um dieses Ziel zu erreichen, obwohl sie genau weiß, dass es nicht gut ist, was sie tut.
Sie will das Gefühl haben, dass Olympia sich auf sie verlässt, dass sie diejenige ist, die am Ende wirklich durchzieht, wenn alle anderen der Mut verlassen hat.
Anpassung, um Anerkennung zu erlangen, ist Coras Weg, das macht sie gleich am Anfang klar und es lässt nichts Gutes erahnen:
„Alles stand seit Wochen still, unter einer Glasglocke aus Hitze und Pandemie, und ich hatte den Großteil des Lockdowns einem Plan der Anpassung gewidmet, dem Ziel, so auszusehen, als hätten meine Eltern plötzlich mehr Geld. Ich arbeitete an porenfreier Haut, weißen Zähnen und definierten Armen, einem Glow, der mit signifikantem Wohlstand kam. Ich dachte ständig an Svea Bleibinger und stellte mir vor, wie meine Transformation die Hierarchie an der Schule völlig neu aufstellen würde, sobald alles wieder losging.“
Aus „Orca“ von Franziska Gänsler
Wenn Cora ein Ziel hat, dann arbeitet sie ehrgeizig darauf hin, so war es mit dem Erlangen des Stipendiums und so geht sie auch daran, zu einer Gruppe dazuzugehören bzw. um Olympia zu gewinnen. Sie macht einen Plan und zieht ihn durch, koste es, was es wolle.
Das Thema Klassenunterschied bzw. Klassismus wird von Franziska Gänsler nicht nur gestreift. Cora hat zwar die Intelligenz, um an dieser Eliteschule angenommen zu werden, aber sie kennt die Codes, die Sprache nicht, die in dieser Gesellschaftsklasse gesprochen werden. Als einziges Kind nicht reicher Eltern hat sie zusätzlich zum Lernstoff noch mehr zu lernen, um anerkannt zu werden. Sie trägt nicht die richtigen Klamotten, nicht die richtigen Accessoires und schminkt sich nicht richtig. Auch hier geht sie gewohnt vor: ausführliche Recherche, um sich dann so gut es geht anzupassen. Das ist ihr Erfolgsrezept, doch bringt es ihr wirklich das, was sie will?
„Ich fühlte mich als Teil dieser Bewegungen und irgendwie doch immer am Rand. Egal, was ich tat, ich blieb immer am Rand.“
Aus „Orca“ von Franziska Gänsler
So versucht sie auch, in der Klimagruppe im Elson-Haus Anerkennung und Zugehörigkeit zu erfahren. Und dieser Teil ist interessant, denn Franziska Gänsler konzentriert sich auch hier hauptsächlich auf das Zwischenmenschliche und geht fast im Vorbeigehen auf die Herausforderungen der jüngeren Generation ein, das Desinteresse der Älteren an der Ausbeutung des Planeten und den Frust, die Verzweiflung, die diejenigen bewegen, die dagegen ankämpfen wollen. So ist es kein Zufall, dass die Gruppe sich zum einen so ertüchtigt, dass sie sich selbst versorgen könnte und gleichzeitig aber die Aktionen immer krasser werden bzw. ein Teil immer gefährlichere Aktionen plant.
Über allem steht die Frage: Wie weit würdest du gehen?
Diese Frage zeigt sich auch auf der anderen Seite der Demos. Wer hätte jemals gedacht, dass Menschen andere Menschen, die sich irgendwo festgeklebt haben, dort mit brutaler Gewalt wegziehen, bloß weil sie mit ihrem Auto nicht durch die Demo kommen. Auch das wird nicht ausgespart. Die Autorin schafft es, mit gezielten Szenen die Probleme der jüngeren Generation zu skizzieren und nutzt den Hintergrund der Corona-Pandemie dazu. Sie mussten zuhause bleiben, wurden in ihren sozialen Beziehungen und in ihrer sozio-emotionalen Entwicklung stark eingeschränkt und die älteren Generationen „danken“ es ihnen damit, dass sie ihre Zukunftsängste nicht ernst nehmen und die Erde einfach weiter erhitzen.
Und dazwischen ist Cora: Ein Mensch, so intelligent, mit einer unglaublichen Beobachtungsgabe gesegnet, von analytischem Verstand, willensstark und doch so unsicher, wie Teenager oft sein können in dieser Phase, in der sich alles umbaut vom Kind zur Erwachsenen. In der Phase, in der Peergroups so wichtig sind, ist sie durch die Pandemie noch einsamer und befasst sich noch stärker als sonst mit sich selbst und wie sie sich noch stärker anpassen kann – erst an die Mitschüler und später dann an Olympia, Ariel und die Aktivist*innen. Wie weit wird sie gehen, um das zu erreichen?
„Wieder und wieder schob ich die Aufnahme zurück, wieder und wieder sah ich mich selbst. Unbewegt stand ich im Hintergrund, unscharf, nach vorn gebeugt, die Augenbrauen zusammengezogen, die Szene analysierend, die sich mir bot. Ich war die ewige Betrachterin, nie das Zentrum, nie im Fokus.“
Aus „Orca“ von Franziska Gänsler
Das ist, was ich an Franziska Gänslers Schreibstil so mag: Sie spielt die feinen, leisen Töne, beschreibt die Gefühlslagen und die kleinen und großen Wellen, die Beziehungen gelingen lassen oder sie zerstören können. Das Zwischenmenschliche findet Platz in einer spannenden Geschichte, die Charaktere bekommen ausreichend Zeit und Worte, um sich zu entwickeln und vorgestellt zu werden. Die Hauptcharaktere im Buch sind nicht besonders sympathisch und faszinieren vielleicht gerade deshalb so. Cora mit ihrer chamäleonhaften Art, sich an Menschen und Situationen anzupassen, und Olympia mit ihrem strahlenden und impulsiven Agieren sind das perfekte Paar für die Erzählung, genauso wie die Sidekicks Ariel und Lilian, die ihnen zur Seite gestellt werden.
Franziska Gänsler gelingt es, die komplette Geschichte hindurch diese Spannung zu halten, und liefert immer mehr Informationen, um das Puzzle zusammenzusetzen. Auch verheddern sich weder Themen- noch Zeitstränge, sie haben einen sich gegenseitig verstärkenden Effekt, der auf einen Showdown hinführt. Ein krass starkes Buch!
Über die Autorin:
Franziska Gänsler wurde 1987 in Augsburg geboren und studierte in Berlin. 2022 erschien mit „Ewig Sommer“ ihr literarisches Debüt, welches in verschiedene Sprachen übersetzt und fürs Theater adaptiert wurde. Es wurde mit dem Kunstförderpreis der Stadt Augsburg und dem Bayerischen Kunstförderpreis für Literatur ausgezeichnet. 2024 folgte „Wie Inseln im Licht“ und 2026 „Orca“, das für die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2026 nominiert wurde. Sie bietet Kurse für kreatives Schreiben an und lebt in Augsburg und in Berlin.
Autorin: Franziska Gänsler
Erscheinungsdatum: 17. August 2026
Verlag: Kein & Aber Verlag
ISBN: 978-3-0369-5099-0
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Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.
Wenn du mehr von Franziska Gänsler lesen möchtest, kann ich dir ihren Debütroman „Ewig Sommer“ empfehlen. Er spielt im Harz und auch in diesem Buch geht es vordergründig um die Klimakrise, denn die Gegend wird von Waldbränden gebeutelt, so dass mittlerweile von den ehemals vielen Touristen so gut wie keine mehr da sind. In einem zweiten Erzählstrang geht es um eine junge Frau, die plötzlich bei Iris, einer Hotelbetreiberin, mit ihrer kleinen Tochter vor der Tür steht.
