Aktualisiert am 24. Januar 2026 von Antje Tomfohrde
Coming-of-Age-Romane mag ich ja. Also war ich auch schnell Feuer und Flamme, „Ennos Tanz“ zu lesen. Ob die Begeisterung mehr als ein Strohfeuer war, erzähle ich hier.
Worum geht es in „Ennos Tanz“?
Enno ist 14 und „muss“ das erste Mal nicht mit seinen Eltern an die Ostsee in den Urlaub. Er darf zuhause bleiben und hat sich überlegt, dass das nicht reicht. Er will etwas erleben und allein verreisen. Zunächst einmal kauft er sich ein Tagesticket für Baden-Württemberg (warum heißt das nicht „The-Länd-Ticket“?) und am nächsten Tag geht es los Richtung Konstanz am Bodensee.
„Bodensee war jedenfalls gut, ein paar Tage am Wasser chillen und dann weiter.“
Aus „Ennos Tanz“ von Frank Holger Schneider“
In Konstanz angekommen, beginnt die Suche nach einem Platz zum Zelten, der nichts kosten darf. Also geht es Richtung Insel Mainau, Insel klingt vielversprechend für Enno, vielversprechend im Sinne von kostenlos, denn sein Budget ist schmal.
Ein Zeltplatz war schnell gefunden, doch leider kam ein nächtlicher Sommerregen und Ennos aus Müllsäcken selbstgebasteltes Zelt hatte Schwierigkeiten dem standzuhalten. Ennos persönliche Odyssee beginnt.
Da ich nicht zu viel verraten möchte, gibt es nur ein paar Stichworte wie Fahrradklau, Einbruch in eine Gartenlaube, Trampen und die Bekanntschaft einer merkwürdigen alten Dame. Und das ist nur ein Kratzen an der Oberfläche.
Mein Leseeindruck
„Ennos Tanz“ hat gehalten, was der Klappentext versprochen hat und Frank Holger Schneider hat es geschafft, sich in einen 14-Jährigen auch sprachlich hineinzuversetzen, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass ein Junge in Ennos Alter tatsächlich eine solche Reise macht. Aber dafür gibt es ja Romane, um unsere Vorstellungskraft zu vergrößern.
Enno hat einen Plan und setzt ihn altersgemäß um und macht Sachen, die er für Sachen hält, die Erwachsene so machen, zum Beispiel morgens Kaffee trinken:
„Ich hatte Kaffee gekocht, obwohl ich Kaffee gar nicht mag, aber Erwachsene kochen nun mal morgens Kaffee. Das ist irgend so ein Gesetz, kein Naturgesetz in dem Sinn, aber irgendwie doch so, dass es sich gehört oder halt einfach gemacht wird.“
Aus „Ennos Tanz“ von Frank Holger Schneider
Er geht recht unbedarft an die Sache heran und macht sich über vieles erst im Nachhinein Gedanken. Dass er zwischendurch mal ein paar Gesetzesverstöße begeht, wird ihm auch erst später klar, was vermutlich ein Glück für ihn ist, um so unbeschädigt aus all dem heraus zu kommen, was ihm unterwegs passiert. Sein Unrechtsbewusstsein ist noch nicht ganz ausgeprägt und auch sein Verantwortungsgefühl kann noch ein Upgrade vertragen.
Zwischendurch gibt es immer wieder Gedankensprünge und Enno erzählt uns von seiner Liebe Marie und wie es so zwischen ihnen läuft oder eher nicht läuft. Er spricht die Lesenden oft direkt an, so als ob er einem Publikum seine Geschichte erzählt. Gut gewählt vom Autor, denn dadurch kann er Enno so reden und denken lassen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.
„Aber der Hammer kommt noch, Leute, darauf bin ich echt stolz: Das Dach bestand aus durchsichtigen Müllsäcken. Ich konnte also nachts in den Sternhimmel gucken – mega, oder? Das ist doch der pure Luxus, beim Einschlafen geradewegs in den Sternenhimmel zu gucken.“
Aus „Ennos Tanz“ von Frank Holger Schneider
Es macht Freude, Ennos Reise zu begleiten, macht er sich doch auch zwischendurch mal ernsthafte Gedanken und erkennt Wichtiges, wie zum Beispiel:
„Es gibt zwei Arten von alten Leuten: die Griesgrämigen, die immer an früher denken und junge Leute verachten, und die glücklichen Alten, die sich ihre eigene Jugend in die Tasche gesteckt haben.“
Aus „Ennos Tanz“ von Frank Holger Schneider
Dadurch, dass Enno immer wieder den Ort wechselt, neue Menschen kennenlernt und immer mal wieder in die Bredouille gerät, bleibt es kurzweilig – eine angenehm erzählte Geschichte, die unterhält.
Gut gefällt mir auch, dass Enno jetzt keines dieser Kinder ist, die immer im Mittelpunkt stehen, er steht eher am Rand und Frank Holger Schneider erzählt die Geschichte eines völlig normalen Jungen, nicht eines besonderen Überfliegers. Enno hat in seinem Leben noch nichts Schlimmes erlebt und kann dadurch ganz unbefangen an alles herangehen, ein Privileg, dass die Jugend im Idealfall haben sollte.
Er findet seine Eltern auch völlig okay, ein bisschen langweilig vielleicht, aber okay. Wenn er seine Angebetete sieht, kriegt er entweder den Mund nicht auf oder es kommt einfach Quatsch heraus. Manchmal ist er größenwahnsinnig, also auch völlig normal in diesem Alter. Seine Unbedarftheit und seine Mittelmäßigkeit machen ihn sympathisch, so echt und er muss einiges einstecken und lernen während seines Urlaubs (das kann ich jetzt nicht verraten, das wäre sonst zu viel gespoilert).
Mich hätte noch interessiert, wie es nachher wirklich ausgeht mit all den Eskapaden von Enno, aber dafür ist es ja ein Roman, dass manches der Fantasie der Lesenden überlassen bleibt und es nicht zu Ende erzählt werden muss. Das hätte der Geschichte die Leichtigkeit genommen.
Über den Autor:
Frank Holger Schneider stammt wie die Eltern seines Protagonisten Enno ursprünglich aus dem Norden, aus Lübeck. Über Leipzig ging es nach Tübingen, immer begleitet von der Liebe zum Theater, wofür er Stücke schrieb, spielte, Regie führte und nebenbei Kurzgeschichten schrieb. „Ennos Tanz“ ist sein erster Roman. Er lebt in Tübingen und leitet seit 2011 das Team des bekanntesten Tübinger Biergartens.
Autor: Frank Holger Schneider
Erscheinungsdatum: September 2025
Verlag: Alfred Kröner Verlag
ISBN: 978-3-520-77303-6
PS: Das Buch wurde mir als kostenloses Rezensionsexemplar vom Alfred Kröner Verlag zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank dafür!
Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.
Wenn du Coming-of-Age-Romane magst, kann ich dir noch „Nur vom Weltall aus ist die Erde blau“ von Björn Stephan empfehlen. Auch hier dreht sich die Geschichte um einen Jungen. Es spielt kurz nach der Wende in einem typischen Plattenbau und handelt von Freundschaft, erster Liebe und Zusammenhalt, ganz wunderbar erzählt von Björn Stephan.
