Big Brother trifft auf Social-Media-Kultur – Die Unbußfertigen von Elina Penner

Auf dem Foto ist das Buch Die Unbußfertigen von Elina Penner an einen Baum gelehnt auf einer grünen Wiese fotografiert. Es dient als Header-Bild für eine Rezension des Buchs.

Aktualisiert am 1. Februar 2026 von Antje Tomfohrde

Was passiert, wenn ein Big-Brother-ähnliches Reality-TV-Format auf Social-Media Kultur trifft? Elina Penner nimmt sich in ihrem satirischen Roman „Die Unbußfertigen“ diesem Thema an und im Idealfall fällst du so wie ich in die Geschichte und fällst erst am Ende wieder raus.

Worum geht es in „Die Unbußfertigen“?

Zehn mehr oder weniger bekannte Internetgrößen ziehen in ein abgelegenes Herrenhaus ein. Alle zehn haben den Ranking-Faktor 10 der Haımlık App erreicht und wurde damit gelockt, dass sie dieses Wochenende aufgrund dieser außerordentlichen Rankings geschenkt bekommen haben.

Die drei Frauen sind Influencerinnen:

  • eine Mom-Bloggerin, die aus jedem Pups ihrer Kinder versucht, Geld zu machen
  • eine Fitness-Influencerin mit dem geilsten Arsch des Landes, den sie zu monetarisieren weiß
  • eine Busfahrerin, die als Lady Wisdom Lebensratschläge gibt, dabei auch mal ziemlich daneben liegt und außer Geld jede Menge Selbstbestätigung daraus zieht

Die sieben Männer sind aus der Kommentarspalte bekannt und bedienen Stereotype. So hilft Marco seiner Freundin Natasch dabei, ihren Körper zu vermarkten und die anderen sechs sind bislang eher durch misogyne Sprüche, rechte Kommentare, Stalking und Beleidigungen aufgefallen. Aber auch damit kann man es zu Fame im Internet bringen.

„Er wollte nur den Erfolg, also das Geld, und das kriegte er auch, solange er Natasch managte und sie ein Teil des gemeinsamen Accounts war. Ein Mann war keine Altersvorsorge, aber eine erfolgreiche Influencerin als Freundin sehr wohl.“

Aus „Die Unbußfertigen“ von Elina Penner

Den Ranking-Faktor 10 gibt es nicht geschenkt. Um dies zu erreichen, musste jede der anwesenden Personen ein großes Opfer bringen.

„Haımlık wusste Bescheid. Sein Eintritt war teuer bezahlt, mit dem größten Geheimnis, das er preisgeben konnte“.

Aus „Die Unbußfertigen“ von Elina Penner

Was wie ein lustiger Ausflug beginnt, entwickelt sich schnell zum Albtraum. Sie sind im Haus eingeschlossen, haben keinen Kontakt nach außen, werden beobachtet und nacheinander verschwindet eine Person nach der anderen.

Wie hat mir das Buch gefallen?

„Die Unbußfertigen“ war eines meiner Jahres-Highlights 2025. Die Beschreibung Banger trifft es wohl am besten. So on point formuliert mit einer Geschichte, die den Kern des Großteils der heutigen Internet- und Fernsehkultur trifft.

Da wird der Voyeurismus derjenigen, deren Mantra „ich will nur gucken, nicht selbst posten, so jemand bin ich nicht“ und die Scheinwelt, die sich viele auf Social Media aufgebaut haben, auf unterhaltsame Art seziert und dank stereotyper Beschreibungen übertrieben. Unterhaltsam für uns Lesende.

Für die im Haus eingeschlossenen wird schnell klar, das ist kein Spaß, das ist Ernst, bierernst. Sie finden auch zügig heraus, dass es etwas mit ihrem Verhalten im Netz zu tun haben muss und Angst macht sich breit, denn alles kann auf den Tisch kommen. Millionen von Menschen beobachten sie 24/7 und diejenigen, die nicht mehr im Haus sind, müssen sich im Fernsehstudio live dem Publikum stellen. Hier geht es ans Eingemachte und die Hausgemeinschaft auf Zeit schont sich untereinander nicht.

Es kommen die meisten Themen auf den Tisch, die Social Media unschön machen: Hate Speech, falsche Ratschläge, Geschwurbel, das Ausschlachten von „Happy Family Content“, Stalking, Kontaktaufnahme zu Minderjährigen, politische Manipulation von Minderjährigen, Frauenhass usw. usw. Die Abhängigkeit von den Likes, den Herzchen-Emojis, von der Sichtbarkeit – der Nonstop-Dopamin-Stoß, was macht das mit denjenigen, die sich dem als Vollzeit-Influencer*innen aussetzen? Es ist wie mit der Macht des Rings in „Herr der Ringe“, nicht jede*r ist ein Hobbit, der ihn nach Mordor bringen kann, sondern eher ein Mini-Gollum, der dem Glanz hinterher hechelt.

„Sie belog sich selbst. Sie wollte sich niemandem melden, sie wollte ihre Nachrichten checken, aber nicht die, unter denen ihre Kinder sie erreichen konnten. Sie vermisste die kleinen Herzchen, die ihr dieses gute Gefühl von Bestätigung schenkten, das geliked werden, die Liebe aus dem Handy.“

Aus „Die Unbußfertigen“ von Elina Penner

Und jede dieser Personen hat Dreck am Stecken und Probleme, das macht Elina Penner durch beißende Dialoge und Szenen, die wie schnelle Schnitte eines Videos wirken, klar. Alle sind sie Menschen, die sich irgendwo in sich selbst und den weiten der Social-Media-Plattform verloren haben. Persönliche Eitelkeiten, Wut, Einsamkeit, das Gefühl der Ausgrenzung, falsche Männlichkeitsvorstellungen, auch eine gewisse Sprachlosigkeit im „echten“ Leben haben dazu geführt, dass die Online-Welt immer wichtiger für sie wurde. Neid auf den Erfolg der anderen spielt auch eine wichtige Rolle. Happy Internet-Family und wir haben uns alle lieb – das ist nur Fassade.

Es ist nicht nur ein Unterhaltungsroman, es ist Gesellschaftskritik, die Elina Penner mit diesem Buch bravourös gelingt. Sprachlich dem Medium angepasst, springt sie schnell von Thema zu Thema, von Person zu Person und gibt uns Einblicke „behind-the-scenes“, also genau das, was wir sehen wollen.

„Heutzutage, ey, wirklich. Die Leute hatten drei Millionen Follower auf irgendeiner App, von der noch nie jemand über 25 was gehört hatte, und dachten sie seien fame, weil sie sich dabei filmten, wie sie Zahnstocher schnitzten.“

Aus „Die Unbußfertigen“ von Elina Penner

„Die Unbußfertigen“ spielt in einer nahen Zukunft, in der sich vieles beschleunigt hat und schnelllebiger geworden ist. Nötige Regulierungen sind nicht vorgenommen worden, sondern aufgehoben worden. Man ist nicht den schweren, sondern den leichten Weg gegangen, was politische und gesellschaftliche Konsequenzen hatte. Emotionale Verwahrlosung wird durch das politische Nicht-Eingreifen befördert.

„Kein Warnhinweis, keine Parentalsicherung, kein NSFW wie früher. Nur ein Zwinkersmiley. Der ekelhafteste aller Smileys, der Creep Smiley. Es gibt keine Warnhinweise mehr, sie wurden abgeschafft. Genauso wie das Medientraining in der Schule und Pamphlete, an die Marco sich noch erinnern kann.“

Aus „Die Unbußfertigen“ von Elina Penner

Haımlık ist nicht nur eine App, es ist ein riesiger Medienapparat mit Macht und Einfluss auf die Bevölkerung. Ähnlichkeiten mit existierenden Konzernen wohl definitiv beabsichtigt. Das Unternehmen bestimmt und beeinflusst die Menschen, die denken, dass sie es selbst in der Hand haben. Alles ist perfekt inszeniert, so dass zwischendurch nicht nur das Gefühl des Trash-TV-Formats „Big Brother“ aufkommt, sondern auch das Orwellsche „Big Brother is watching you“.

Es ist nicht nur eine Erzählung der Gegenwart, sondern ein Rückblick auf das, was passiert ist, auch ein beliebtes Format. Die Autorin hat sich intensiv mit diesem Phänomen unserer Zeit, das Leben der anderen mit Wolllust zu betrachten und zu kommentieren, auseinandergesetzt und bringt es sowohl sprachlich als auch inhaltlich auf den Punkt. Sie trifft nicht nur den Zeitgeist, sondern nimmt ihn gleichzeitig aufs Korn mit ihrer witzigen und teilweise sehr überspitzten Darstellung.

Allerdings ist es nicht nur ein großer Spaß, dieses Buch zu lesen, sondern auch eine Möglichkeit zu reflektieren, welchen Weg wir einschlagen wollen im Netz und in der Welt. Da möchte ich nicht zu viel verraten, denn es ist ein spannendes Experiment, das wohl so manche*r von uns schon mal im Geiste durchgegangen ist.

Auch da gelingt es der Autorin den richtigen Ton zu treffen und greift aktuelle Diskussionen zu Schutz vor Übergriffen im Internet auf. Sie bleibt nicht auf einer Ebene, sondern geht unter die Oberfläche und stellt uns als Gesellschaft in unserem schon oftmals zu leichtsinnigem Umgang mit den neuen Medien und der schnellen Überhöhung mancher Personen an den virtuellen Pranger.

Es ist ein Buch, dass nicht nur, aber besonders für diejenigen von uns, die viel im Internet, auf Social Media unterwegs sind, eine großartige Lektüre. Vieles wird dir bekannt vorkommen und es kam mir beim Lesen vor wie eine unendliche Schleife von serienmäßig aneinander anschließenden Kurzvideos vor. Auch das Ende enthält noch einmal einen Überraschungseffekt, so das das Niveau durchgängig gehalten wird.

Große Leseempfehlung!

Über die Autorin:

Auf der Website des von ihr herausgegebenen Magazins „Hauptstadtmutti“ beschreibt Elina Penner sich als „waschechte Westfälin mit russlanddeutschem Hintergrund“. Sie wurde 1987 geboren, studierte sowohl in Bayern als auch in Berlin und lebt jetzt wieder in der ostwestfälischen Provinz (Grüße gehen raus aus der südwestfälischen Provinz). Dort schreibt sie ihre Bücher und ihr zuvor genanntes Magazin. Um mehr über sie zu erfahren, schaut einfach mal bei ihrer Vorstellung auf ihrer Magazin-Seite vorbei. Dort beantwortet sie die wichtigsten Fragen sehr humorvoll.

Informationen zum Buch
Buchtitel: Die Unbußfertigen
Autorin: Elina Penner
Erscheinungsdatum: 13. Oktober 2025
Verlag: Aufbau Verlage GmbH & Co. KG
ISBN: 978-3-351-04258-5

PS: Das Buch wurde mir als kostenloses Rezensionsexemplar von Aufbau Verlage zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank dafür!

Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.

Wenn dir „Die Unbußfertigen“ gefallen hat, könnte „Content“ von Elias Hirschl auch deinen Geschmack treffen. Die Hauptfigur des Buchs arbeitet bei Smile Smile Inc. und produziert sinnlose Inhalte für Social Media. Listicles wie „Die 10 besten Tipps für eine pickelfreie Haut“, „In 5 Schritten zur Traumfigur“, „Hausputz so schnell wie noch nie mit diesen 7 Tipps“ und ähnliche Clickbait-Überschriften. Parallel dazu geht die Welt gerade unter, doch die Content-Produktion läuft weiter. Eine Satire vom Feinsten mit jeder Menge Realität, siehe den Untergang von Twitter, da hat die Echtzeit das Buch aus der Zukunft tatsächlich überholt.

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