Die unendlichen Weiten der Sprache – Schleifen von Elias Hirschl

Auf dem Foto ist das Buch Schleifen von Elias Hirschl in einem Regalfach eines weißen Billy Regals fotografiert worden. Das Bild ist das Headerbild zur Rezension des Buchs.

Aktualisiert am 10. April 2026 von Antje Tomfohrde

Beurteile ein Buch nicht nach dem Klappentext oder lass dich darauf ein, wenn du beginnst es zu lesen und feststellst, dass es ganz anders ist, als die Beschreibung vermuten lässt. Mit „Schleifen“ hat Elias Hirschl ein Sprachkunstwerk geschrieben, so viel ist sicher, aber ob ich beschreiben kann, was es genau ist? Ich glaube kaum, aber lies selbst.

Worum geht es in dem Buch?

Es fängt damit an, dass das Mädchen Franziska mal wieder an der Pest erkrankt ist, was schlimmer klingt, als es in diesem Fall ist, denn Franziska hat eine seltene Krankheit. Sobald von einer Krankheit in ihrer Nähe gesprochen wird, erkrankt sie daran, doch zum Glück niemals lebensgefährlich, denn sie hat ja nicht wirklich den jeweiligen Virus im Körper. Sie wird daraufhin von der Außenwelt so weit es geht abgeschirmt und darf nur im Vorfeld kontrollierte, medizin- und krankheitsfreie Bücher lesen.

Um 1936 verlässt sie mit ihren Eltern Österreich und lebt mit ihren Eltern bei Providence in den Staaten. Nachdem der Vater gestorben und ihre Mutter verschwunden ist, lernt Franziska durch Zufall per Brief Otto Mandl kennen und nach Jahren des Briefwechsels ziehen die beiden zusammen nach Berlin und sind ein Liebespaar.

„In Berlin angekommen, zogen Denk und Mandl zusammen in eine Wohnung in Charlottenburg unweit des Savignyplatzes. Sie inskribierte sich für Sprachwissenschaften und Germanistik an der Freien Universität Berlin, und Otto fuhr mit seinem mathematischen Studium fort.“

Aus „Schleifen“ von Elias Hirschl

Franziska Denk blüht dort auf und schreibt und lernt und schreibt. Aber auch Otto Mandl ist nicht nur auf dem Gebiet der Mathematik aktiv, sondern hat großes Interesse an Sprache und Sprachen und so entstehen unter anderem Gedichte, die immer minimalistischer werden aus seiner Feder.

Ende der 70er Jahre gründen die beiden das Institut für angewandte Sprachforschung mit dem Ziel, eine Universalsprache zu schaffen. Es werden verschiedene Sprachen entwickelt, Franziska und Otto entfremden sich und wir erfahren vieles auch erst aus dem Blickwinkel von Franka Sendzik vom Literaturarchiv Marbach, die sich mit dem Werk Franziska Denk ausführlich beschäftigt hat.

Es gibt Ausflüge in das Leben eines asiatischen Tofu-Verkäufers, in die Vergangenheit zu Kafka und es werden Medikamente mit Name Lingomed entwickelt, denen noch eine besondere Bedeutung zukommen und nicht zu vergessen, es geht auch um Schleifen, Möbius-Schleifen, um genau zu sein.

Dies ist auf jeden Fall ein Teil des Inhalts, den ich weder ganz wiedergeben möchte, noch kann.

Wie hat mir „Schleifen“ gefallen?

Du hast es vermutlich schon an der Beschreibung des Inhalts gemerkt: „Schleifen“ ist komplex und der Inhalt ist nicht völlig linear erzählbar. Und genau das macht den Zauber dieses Buchs aus. Elias Hirschl erzählt nur scheinbar ohne jeglichen Zusammenhang, schafft es aber, die Fäden nicht wirr durcheinander zu bringen, sondern richtet ein geordnetes Chaos an.

Er fabuliert, er schreibt seitenlange Fußnoten und begeistert mit kleinen Details, so dass es kein Buch ist, das nur einmal gelesen werden will und sollte.

Was man allerdings nicht erwarten sollte, ist ein Buch, dass durch eine einzige Geschichte bestimmt wird. Es sind kleine Puzzlestücke, die auf den ersten und zweiten Blick keinen Sinn machen und auf den dritten und vierten Blick ein Bild ergeben, vielleicht kein komplett stimmiges, aber ein vielschichtiges.

„Schleifen“ ist deshalb so großartig, weil es so viele Nebenschauplätze hat, die ich normalerweise gar nicht so gut finde, aber hier schon, weil es so ist, als ob man an eine Wand schaut, an der mehrere Fernseher nebeneinander installiert sind und auf jedem Bildschirm läuft ein anderes Programm.

So sind wir mal bei dem Tofu-Verkäufer, treffen Außerirdische oder müssen aufpassen, uns in Büchern und erfundenen Sprachen zu verlaufen oder wie Otto Mandl, der auf einer japanischen Verkehrsinsel verschütt geht. Es gibt so viele kleine Erzählstränge, die immer mal wieder aufgenommen werden, wie zum Beispiel die Geschichte von Jim Blum, auf die du dich schon mal freuen kannst, genauso auf den Garten von Wodot. All diese Anspielungen, mehr oder minder versteckt oder ganz und gar auffällig, machen das Buch zu einem großen Lesespaß.

Wenn du Freude an Sprache, manisch-magischen Erzählungen und unwahrscheinlichen Geschichten hast, wird dich das Buch vermutlich ähnlich wie mich begeistern. Es ist nicht das geradlinigste Buch, das ich je gelesen habe, aber definitiv eines der ungewöhnlichsten und ich freue mich schon darauf, es ein weiteres Mal zu lesen und das zu entdecken, was ich beim ersten Mal übersehen habe.

Es war mir ein inneres Lesefest, dieses Buch zu lesen!

Über den Autor:

Elias Hirschl wurde 1994 in Wien geboren, wo er immer noch lebt. Er ist Autor, Poetry-Slammer und Musiker und schreibt fürs Theater und fürs Radio. Außerdem hat er schon mehrere Romane veröffentlicht und erhielt 2020 den Reinhard-Priessnitz-Preis und 2022 den Publikumspreis beim Bachmannpreis.

Informationen zum Buch
Buchtitel: Schleifen
Autor: Elias Hirschl
Erscheinungsdatum: 27. Januar 2026
Verlag: Paul Zsolnay Verlag
ISBN: 978-3-552-07588-7

PS: Mein Buch ist ein kostenloses Rezensionsexemplar (unbezahlte Werbung), welches mir vom Paul Zsolnay Verlag (Hanser Literaturverlage) zur Verfügung gestellt wurde. Herzlichen Dank hierfür!

Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.

„Content“ ist das erste Buch von Elias Hirschl, das ich gelesen habe und das mich völlig begeistert hat. Es ist inhaltlich ganz anders, aber ähnlich durchgeknallt wie „Schleifen“ und zeigt, welch breites Repertoire der Autor beherrscht.

Und vielleicht mag es einige wundern, aber wenn dir „Schleifen“ gefallen hat und du Freude an Gedankenspielereien, der Erschaffung unendlicher Welten hast, würde ich soweit gehen und dir Jasper Fforde empfehlen, mit seiner Thursday-Next-Reihe beschäftigt er sich sehr fantasievoll mit der englischen Hochliteratur und du wirst dich fragen, wie man sich so etwas ausdenken kann. Eine Frage, die ich mir bei „Schleifen“ bei fast jedem Satz gestellt habe.

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