Aktualisiert am 13. August 2026 von Antje Tomfohrde
Wie werden wir in Zukunft leben? Eine Frage, die ich mir immer wieder stelle angesichts der fortschreitenden Klimakrise, die nicht mehr kommt, sondern da ist, aber ignoriert wird, als ob sie dadurch nicht da wäre. In „Sneaker“ hat Kirsten Fuchs eine Zukunft entworfen, in der alles wie in Watte gepackt wirkt. Ob das die Lösung ist? In einer Welt zu leben, in der es hauptsächlich darum geht, geschützt vor was auch immer zu sein?
Worum geht es in dem Buch?
Nach einem Sturm hat Sneaker keinen Kontakt mehr zu den Eltern, die in Laboren im Berlingebiet arbeiten. Sneaker selbst hat den Sturm unbeschadet überstanden, weiß aber, dass irgendetwas passiert sein muss, und macht sich auf, mehr zu erfahren. So etwas hat Sneaker noch nie gemacht, in dieser Zukunftswelt werden Erfahrungen nicht mehr direkt gesammelt. Bewegungsabläufe werden erlernt, Tiere werden im Stream erlebt, aber alles ist sicher und Gefühle werden mit Blockern abgestellt bzw. runtergedimmt auf ein erträgliches Maß. Ein Leben wie in Watte gepackt.
„Dann setzt die Wirkung der Blocker ein. Ein Glück ohne Glück. Gleich ist alles leiser, stabiler, okayer. Dann ist alles weniger bis nichts. Aber es fehlt nichts. Einfach Ruhe.“
Aus „Sneaker“ von Kirsten Fuchs
Sneaker macht sich Sorgen und entfernt sich auf dem E-Board immer weiter von der gewohnten Umgebung und gelangt in eine andere Siedlung, wo ein Kind alleine mit einem Hund ist. Um das Kind nicht allein zu lassen, bleibt Sneaker, bis ein Elternteil wieder zurück kommt, und zieht dann weiter zu einer sogenannten Nachhaltigkeitssiedlung, wo Menschen Spielzeuge zusammenbauen, um sie wieder auseinanderzubauen. Von dort macht Sneaker sich mit Livt auf, um die Freien zu finden.
Unterwegs ist vieles merkwürdig. Die durch KI gesteuerten Drohnen verhalten sich aggressiver und strenger und ziehen Sneaker viel zu viele Klimapunkte ab, die es vorher gar nicht gab. Das Omni (so etwas wie ein hochgezüchtetes Smartphone, das alles kann und überwacht) soll ausgeschaltet bleiben, damit die Drohnen sie nicht finden. Alles ist anders und Sneaker und Livt lernen, dass nicht alles so ist, wie es bislang schien.
„Wieso kann ich bestraft werden?… Es gibt doch fast keine Möglichkeit, gegen die Klimagesetze zu verstoßen. Das Wasser ist zugeteilt. Verpackungen sind abbaubar…. Seit wann gibt es denn diese Punkte?“
Aus „Sneaker“ von Kirsten Fuchs
Wie hat mir „Sneaker“ gefallen?
Kirsten Fuchs hat eine Welt erschaffen, die der unsrigen sehr ähnlich ist bzw. eine Zukunft, die angesichts der Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen, nicht unmöglich erscheint. Die Menschen haben es geschafft, dass nicht mehr Bienen Pflanzen bestäuben, sondern sie es selbst machen müssen. Immer wieder gibt es Stürme, vor denen man Schutz suchen muss, und Wasser wird rationiert. Die Landschaft im Buch hat etwas von einer kargen Wüstenlandschaft.
Damit das zu ertragen ist, nehmen die Menschen Blocker. Gefühle sind gedrosselt, nicht mehr so heftig, Angst ist auf ein Minimum reduziert. In der Freizeit verbringen Jugendliche wie Sneaker viel Zeit damit, vor Bildschirmen zu sitzen und zu spielen. Tiere kennen sie auch nur aus der Ferne und eigene Erfahrungen in der Außenwelt sind selten. Das Leben wird von einer KI kontrolliert, Vitalwerte, Stresslevel und vieles mehr werden überwacht und es werden Gegenmaßnahmen eingeleitet, wenn etwas nicht stimmt.
Durch den Sturm hat Sneaker, ob männlich oder weiblich ist nicht klar, das erste Mal die Gelegenheit, etwas auf eigene Faust ohne zusätzlichen Schutz zu machen und lernt eine ganz neue Welt kennen. Begleitet wird Sneaker von einer Krähe, die zutraulich wurde. Dadurch wird eine Atmosphäre geschaffen, die die Verlorenheit unterstreicht, es ist einsam, es gibt wenig direkte Kommunikation.
„Ich erkenne einen Vogel natürlich sofort, wenn ich einen sehe, denn in allen Kinder-Apps sind Tiere zu sehen. Ich bin mit Tieren in Apps aufgewachsen. Eine glückliche Kindheit. Wir hatten ein Streampferd, eine Streamkatze und zwei Streamhunde, wovon einer oft hing und flippte.“
Aus „Sneaker“ von Kirsten Fuchs
Es wirkt alles wie leergefegt und skurril, weil sich zum Beispiel in der Nachhaltigkeitssiedlung niemand groß Sorgen macht, dass durch den Sturm Menschen gestorben sein könnten. Die Blocker dämmen nicht nur Gefühle, sondern auch Interesse.
Sneaker ist gerade 16 und lernt in dieser kurzen Zeit so viel über das Leben und was nicht stimmt in der Welt. Da wird die erste Liebe erlebt, denn Sneaker nimmt nicht mehr ständig Blocker. Gruppendynamik im Guten wie im Schlechten zeigt sich. Die komplette Bandbreite guter und schlechter Gefühle und vor allem, was uns als Menschen ausmacht wird deutlich – nicht nur das Gute. Sneaker hat jahrelang in Watte gepackt gelebt, um dann Leben und Chaos im Schnelldurchlauf zu erleben und um eine sehr schwerwiegende Entscheidung zu treffen.
Kirsten Fuchs hat die Sprache auch so gewählt, dass sie die Welt gut spiegelt. Gibt es gerade „geblockte“ Momente oder gibt es Momente, in denen Gefühle erlaubt sind? Man merkt, dass Sneaker viel Zeit vor Bildschirmen verbracht hat: Immer wieder kommen Gamer-Vokabeln vor, etwa „Es ist aber immer gut, mit Sidecharactern zu reden.“ Auch sammelt Sneaker alle Gegenstände, weil man die ja in Spielen auch an späterer Stelle meist sinnvoll einsetzen kann.
Es ist bezeichnend, dass nicht bekannt ist, welches Geschlecht Sneaker hat und auch wie die Orte heißen. Berlingebiet, das passt, weil es so wirkt, als ob feste Begriffe, Zuweisungen verschwunden wären. Vieles ist gleich und das Leben wird eher von außen bestimmt als selbst gelebt. Auch die Freien haben eigene Regeln, die gar nicht so frei sind.
Dadurch, dass nur wenige Personen eine Rolle spielen, ist es leicht, sich hauptsächlich mit Sneakers Wahrnehmung und Gefühlswelt auseinanderzusetzen. Das ist gut gemacht und es fällt dadurch leichter, sich in dieses Alter zurückzuversetzen. Da ist so vieles neu und ungewohnt und gleichzeitig auch traurig, weil dieser Jugendliche oder diese Jugendliche bestimmte Erfahrungen nie aus erster Hand machen konnte.
„Ich berühre den Hund am Rücken, am Hals, am Kopf. Am Kopf ist er am weichsten. Das ist so weich, das möchte ich jahrhundertelang berühren. Hund und Hand, das passt so gut zusammen. Dass das nicht als Droge eingestuft war früher. Dass die Menschen nicht alle auf Hund waren früher.“
Aus „Sneaker“ von Kirsten Fuchs
Manchmal hätte ich mir mehr Informationen gewünscht. So wird nie ganz klar, was genau die Armensiedlungen sind und wie diese Zukunftswelt funktioniert. Wie funktioniert da ein Staat? Wie schaffen es bestimmte Menschen, außerhalb des Gesetzes zu stehen? Und wie konnte es dazu kommen, dass diese Welt so kontrolliert ist, noch dazu von einer KI? Dann denke ich wieder, dass es eine Erzählung ist. Da muss nicht alles bis ins Detail auserzählt sein, sondern es ist der Reiz der Erzählung, dass vieles der Fantasie der Lesenden überlassen wird.
Das Buch ist so viel auf einmal: Coming-of-Age, Dystopie und Anregung zur Selbstreflexion. Wollen wir wirklich so ein Leben von KI bestimmt, weil wir es selbst nicht auf die Kette bekommen? Was wird dann aus uns? Werden wir zu seelenlos wirkenden Wesen, die ruhiggestellt damit zufrieden sind, Spielzeug zusammenzubauen, um es später wieder auseinanderzubauen? Wo soll unser Weg hinführen? Sind wir Menschen wirklich so selbstzerstörerisch?
Ein wirklich interessantes Buch, das eine spannende Geschichte erzählt und gleichzeitig sehr zum Nachdenken anregt, denn wie gesagt, diese Zukunft ist nicht völlig aus der Luft gegriffen.
Über die Autorin:
Kirsten Fuchs wurde 1977 in Chemnitz geboren, gewann 2003 den Open Mike und 2025 die Poetry Slam Meisterschaft Berlin-Brandenburg. 2005 veröffentlichte sie ihren Debütroman „Die Titanic und Herr Berg“. 2022 erhielt sie den W.-G.-Sebald-Literaturpreis für den Text ‚Sneaker‘, der später in den gleichnamigen Roman einfloss. Sie arbeitet als Schriftstellerin, Lesebühnenautorin und Kolumnistin und lebt in Berlin.
Autorin: Kirsten Fuchs
Erscheinungsdatum: 17. Juli 2026
Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-7371-0246-9
PS: „Sneaker“ ist ein kostenloses Rezensionsexemplar (unbezahlte Werbung), das mir vom Rowohlt Verlag zur Verfügung gestellt wurde. Herzlichen Dank dafür!
Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.
Ein weiteres Buch, das sich mit dem menschlichen Leben in einer nicht weit entfernten Zukunft beschäftigt, ist „Und dann verschwand die Zeit“ von Jessie Greengrass, aus dem Englischen übersetzt von Andrea O’Brien. Es spielt in England, wo London von Überschwemmung bedroht ist. Caro und ihr kleiner Bruder ziehen mit Sally ins High House in einem kleinen Ort in England, wo sie die Überschwemmung überstehen und sich an ein ganz anderes Leben gewöhnen müssen.
