Aktualisiert am 7. Oktober 2026 von Antje Tomfohrde
Hat es tatsächlich 20 Jahre gedauert, bis ich den Deutschen Buchpreis so richtig wahrgenommen habe?
Fakt ist: Erst 2026 hatte ich das erste Mal das Gefühl bzw. das Bedürfnis, mich intensiver mit der Longlist und dem Deutschen Buchpreis an sich auseinanderzusetzen. Warum eigentlich? Hat mich der Preis nicht interessiert oder war es etwas anderes?
In diesem Beitrag habe ich zusammengefasst, wie ich den Deutschen Buchpreis seit seiner Entstehung als Leserin begleitet habe und welche Bücher ich gelesen habe.
Inhaltsverzeichnis
Erst einmal: Fakten zum Deutschen Buchpreis
- 2005 wurde der Deutsche Buchpreis das erste Mal verliehen.
- Ziel ist „über Ländergrenzen hinaus Aufmerksamkeit zu schaffen für deutschsprachige Autor*innen, das Lesen und das Leitmedium Buch“
- Zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse wird dann der deutschsprachige Roman des Jahres ausgezeichnet, d. h. beim Deutschen Buchpreis wird über die Landesgrenzen hinweg gesehen und es zählen auch deutschsprachige Bücher aus Österreich und der Schweiz dazu
- Eine jährlich wechselnde Jury entscheidet in mehreren Stufen über das Preisträgerbuch
- Die Verlage dürfen zwei Bücher einreichen, d. h. sie können sich selbst für den Buchpreis bewerben
- Insgesamt ist der Deutsche Buchpreis mit 37.500 Euro dotiert, 25.000 Euro gehen an den oder die Preisträger*in, je 2.500 Euro an die anderen 5 Autor*innen, die mit ihrem Buch auf der Shortlist gelandet sind
- Aufgabe der Jury ist es, aus unzähligen Einsendungen auf eine Auswahl von 20 Büchern zu kommen, das ist dann die Longlist.
- Diese Longlist wird dann bis zu einem bestimmten Datum im September auf 6 Bücher eingedampft.
- Aus dieser Shortlist wird dann der deutschsprachige Roman des Jahres gewählt
Mehr zum Deutschen Buchpreis und zu den Gewinnerbüchern der einzelnen Jahre mit Long- und Shortlist findest du hier.
Ist doch nur Marketing, oder wird da wirklich das beste deutschsprachige Buch des Jahres gewählt?
Tja, da scheiden sich tatsächlich die Geister und es wird garantiert nicht immer das beste deutschsprachige Buch des Jahres gewählt – was ganz ehrlich auch gar nicht möglich ist.
Es gibt zigtausende Neuerscheinungen jedes Jahr, da ist es gar nicht möglich, alles zu lesen oder zu bewerten. Zu welchen Kriterien denn genau?
Deshalb haben irgendwie beide Seiten Recht. Es ist Marketing, Werbung fürs Buch, Werbung für deutschsprachige Literatur, deutschsprachige Literatur wird in den Mittelpunkt gestellt. Als jemand, der im Marketing arbeitet, frage ich mich gerade, was daran verwerflich sein soll. Es ist Werbung für die Schönheit einer Sprache, der Kunst, Geschichten zu erzählen und ja, die Verlage wollen da Geld mit verdienen, das ist so, aber das ist ja auch okay, auch mit Literatur darf Geld verdient werden – im besten Fall sogar so, dass alle am Prozess Beteiligten davon leben können. Die wenigsten Autor*innen können allein vom Schreiben leben.
Buchpreise wollen etwas in den Fokus bringen, das oftmals vergessen wird über all dem Verkaufen und Anpreisen. Es geht auch um Vielfalt, um das Erzählen, verschiedene Arten von Literatur zu zeigen und allein das macht es schon schwierig, den wirklich besten Roman zu finden.
Und das ist die große Kunst, die die Jury vollbringt oder die große Aufgabe, vor die sie gestellt wird. Die Jurymitglieder einigen sich am Ende auf ein Buch, d. h. da wird gelesen und diskutiert, zumindest stelle ich mir das so vor. Es wird das Buch gefunden, auf das sich alle einigen können, ein Konsens gefunden. Das sollte nicht unterschätzt werden, bedenkt man, wie schwierig es allein ist, zu bestimmen, welcher Kartoffelsalat der beste ist. (Spoiler: auch wenn das anders gesehen wird je nach Region, halte ich natürlich die westfälische Variante wie sie meine Mutter, Tante usw. zubereitet haben, für die beste).
Was ist denn jetzt meine Meinung zum Deutschen Buchpreis?
Auch wenn ich erst seit der Longlist aus dem Jahr 2026 so richtig heiß auf das Lesen dieser Auswahl bin, habe ich mich doch nie nicht dafür interessiert.
Verfolgt habe ich das Ganze schon, nur eher von der Seitenlinie. Der Deutsche Buchpreis erblickte kurz vor meiner großen Tochter das Licht der Welt und dadurch stand für mich die Welt der Fühl-, Wimmel-, Pixi- und auch Conni-Bücher (frag mich nach Weihnachten und Ostern mit Conni, beides habe ich monatelang vorgelesen) erst einmal an erster Stelle. Mit meiner jüngeren Tochter habe ich dann noch eine Runde in dieser Welt gedreht und konnte mich durchs Vorlesen noch einmal in meine eigene Lesekindheit zurückversetzen. „Momo“, „Die unendliche Geschichte“, später dann modernere Kinderbücher wie „Waffelherzen an der Angel“, aber auch tolle Bilderbücher wie „Er kam mit der Couch“. Da blieb nicht ganz so viel Zeit für „meine“ Bücher, obwohl ich natürlich auch zu der Zeit immer gelesen habe – oft während des Stillens mit dem Buch in der Hand.
Als die Kinder selbst lesen konnten, habe ich dann auch wieder mehr Zeit für eigenes Lesen gefunden und schließlich fürs Bloggen. Jetzt, wo sie beide fast flügge sind, kann ich mich mehr Projekten wie dem Longlistlesen widmen. Alles hat seine Zeit.
Ich halte den Deutschen Buchpreis, den Deutschen Sachbuchpreis, die Hotlist und viele andere Buch- und Literaturpreise für eine gute Sache, werfen sie doch ein Schlaglicht auf bestimmte Bücher und ihre Autor*innen, machen Bücher sichtbarer und begeistern im Idealfall ein paar mehr Menschen für diese Geschichten. Ja, das ist Marketing, aber in meinen Augen eine sinnvolle Art von Marketing und das Lesen braucht mehr Sichtbarkeit, die Buchhandlungen wieder mehr Kund*innen aus jeder Altersgruppe.
Die Gewinnertitel und was ich von den Long- und Shortlists gelesen habe
2005
Roman des Jahres 2005: Es geht uns gut, Arno Geiger, Carl Hanser Verlag
Gelesen (Shortlist):

Die Vermessung der Welt, Daniel Kehlmann, Rowohlt Verlag. Mich hat das Buch damals interessiert, weil es von Alexander von Humboldts Reise nach Südamerika erzählte und den Schwierigkeiten, die so eine Reise mit sich bringt. Den Part, den Carl Friedrich Gauß innerhalb der wissenschaftlichen Arbeit innehatte, habe ich tatsächlich erst heute so richtig verstanden. Ein Buch, das ich gerne gelesen habe und bei dem ich einen Reread nicht ausschließe.
2006
Roman des Jahres 2006: Die Habenichtse, Katharina Hacker, Suhrkamp Verlag
2007
Roman des Jahres 2007: Die Mittagsfrau, Julia Franck, S. Fischer Verlag
2008
Roman des Jahres 2008: Der Turm, Uwe Tellkamp, Suhrkamp Verlag
2009
Roman des Jahres 2009: Du stirbst nicht, Kathrin Schmidt, Kiepenheuer & Witsch
2010
Roman des Jahres 2010: Tauben fliegen auf, Melinda Nadj Abonji, Jung und Jung Verlag
2011
Roman des Jahres 2011: In Zeiten des abnehmenden Lichts, Eugen Ruge, Rowohlt Verlag
Gelesen (Longlist):

Léon und Louise, Alex Capus, Carl Hanser Verlag. Léon und Louise verlieben sich, werden aber durch die Wirren des Ersten Weltkriegs auseinandergebracht und treffen sich erst 1928 wieder. Alex Capus erzählt eine Liebesgeschichte, die trotz der Konventionen der damaligen Zeit existiert. Ich fand es ganz wunderschön und ich lese ja nicht ganz so gerne Liebesgeschichten.
2012
Roman des Jahres 2012: Landgericht, Ursula Krechel, Jung und Jung Verlag
2013
Roman des Jahres 2013: Das Ungeheuer, Terézia Mora, Luchterhand Literaturverlag
2014
Roman des Jahres 2014: Kruso, Lutz Seiler, Suhrkamp Verlag
2015
Roman des Jahres 2015: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969, Frank Witzel, Matthes und Seitz Berlin
2016
Roman des Jahres 2016: Widerfahrnis, Bodo Kirchhoff, Frankfurter Verlagsanstalt
2017
Roman des Jahres 2017: Die Hauptstadt, Robert Menasse, Suhrkamp Verlag
2018
Roman des Jahres 2018: Archipel, Inger-Maria Mahlke, Rowohlt Verlag
Gelesen (Longlist):

Die Gewitterschwimmerin, Franziska Hauser, Eichborn Verlag. Franziska Hauser erzählt die Geschichte der Familie Hirsch, eine Geschichte, die es in sich hat und neben einer intensiven Familiengeschichte die Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählt. Ein beeindruckendes Buch!
2019
Roman des Jahres 2019 (Gelesen): Herkunft, Saša Stanišić, Luchterhand Literaturverlag.

Herkunft ist nur Zufall und anhand der eigenen Geschichte erzählt der Autor von Herkunft. Ich mag es, wie Saša Stanišić erzählt und zum Nachdenken anregt.
Gelesen (Shortlist):

Das flüssige Land, Raphaela Edelbauer, Klett-Cotta. Groß-Einland ist ein Ort, der nicht gefunden werden will. Doch Ruth muss ihn finden, denn sie soll ihre Eltern dort begraben. Als sie das Dorf endlich findet, entdeckt sie, dass unter dem Ort ein großer Hohlraum ist, der einen unerklärlichen Einfluss auf den Ort zu haben scheint. Eine spannende Erzählung von Raphaela Edelbauer.
2020
Roman des Jahres 2020: Annette, ein Heldinnenepos, Anne Weber, Matthes und Seitz Berlin
2021
Roman des Jahres 2021: Blaue Frau, Antje Rávik Strubel, S. Fischer Verlag
Gehört (Longlist):

Es ist immer so schön mit dir, Heinz Strunk, rowohlt (Hörbuch). Ein Mann um die 40 verliebt sich in eine jüngere Frau und verlässt seine Freundin, Gefühlschaos ist vorprogrammiert. Beim Hören des Hörbuchs musste ich einige Male schmunzeln, allein schon, weil es der Autor in seiner sehr eigenen Art liest.
2022
Roman des Jahres 2022: Blutbuch, Kim de l’Horizon, DuMont
Gelesen (Shortlist):

Nebenan, Kristine Bilkau, Luchterhand Literaturverlag. Feine Beobachtungen, Beschreibungen und Gedankengänge eingebunden in eine Geschichte um das mysteriöse Verschwinden einer Familie. Doch ist dieses Verschwinden nicht der Mittelpunkt des Romans. Es ist eher der Faden, an dem die Gedanken und die Beziehungen, der Hauptcharaktere zusammenlaufen. Julia, die nebenan lebt und deren unerfüllter Kinderwunsch beim Lesen schmerzt. Elsa, die ältere Dame, die nebenan lebt und das Altern so offensichtlich macht. Astrid, ihre Nichte, die sich um sie kümmert und mit ihren eigenen Sorgen und einer Bedrohung lebt. Ihr Mann Andreas, Julias Mann Chris und die Gedanken um das Verschwinden der Familie. All dies ist miteinander verwebt und es gelingt Kristine Bilkau viele Gedankenfäden zu spinnen, ohne dass es verwirrt oder verwässert wird. Das Buch lebt durch die feinen Beschreibungen, die wunderbaren Satzgebilde, die es für mich zu einem Lesegenuss gemacht haben.
2023
Roman des Jahres 2023 (Gelesen): Echtzeitalter, Tonio Schachinger, Rowohlt Verlag

Literatur trifft Gamer-Kultur und dieser Zusammenprall zweier Kulturen passt zum Buch, denn dort trifft Reaktionismus und unerbittlicher Drill an einer Eliteschule auf junge Menschen, die ausgebildet werden sollen, aber am Ende oft gebrochen aus der Lehranstalt herauskommen.
Gelesen (Longlist):

Paradise Garden, Elena Fischer, Diogenes Verlag. In „Paradise Garden“ erzählt Elena Fischer die Geschichte der 14-jährigen Billie. Billie lebt mit ihrer Mutter in irgendeiner Stadt in einem Hochhaus. Die beiden haben eine ganz enge und liebevolle Mutter-Tochter-Beziehung. Doch dann kommt die ungarische Großmutter und es wird schwierig. Die Beziehung zwischen Billies Mutter und ihrer Mutter ist das Gegenteil von innig und harmonisch. Es knarzt und knirscht an jeder Ecke. Und eines Tages stirbt Billies Mutter auch noch. Billies Leben fällt auseinander und sie will nur noch weg, um herauszufinden, wer ihr Vater ist. Denn dieses Geheimnis hat ihre Mutter mit ins Grab genommen.Elena Fischer hat ein wunderbares Buch über Mutter-Tochter-Beziehungen aus Sicht einer 14-jährigen geschrieben und es gelingt ihr glaubhaft, diese Person einzunehmen, was nicht jede*r kann. Als ich das Buch gelesen habe, fühlte ich mich Billie ganz nah, ihrem Gefühlschaos, den Gedankensprüngen und ihrer Art, dem Schmerz Ausdruck zu verleihen. Aber auch ihrer lustigen und spontanen Teenagerart, die auf der einen Seite ganz vorausschauend ist und auf der anderen ganz spontan und auch gedankenlos ist.
Das Schwere macht Elena Fischer leicht. Es mag auf den ersten Blick oberflächlich wirken, aber auf den zweiten Blick geht es tiefer, als man denkt. Ein wunderbares Debüt!

Kochen im falschen Jahrhundert, Teresa Präauer, Wallstein Verlag. Ein Roman über einen Abend, ein Abendessen und eine Gastgeberin, die sich immer wieder wie im falschen Jahrhundert vorkommt.
2024
Roman des Jahres 2024: Hey guten Morgen, wie geht es dir?, Martina Hefter, Klett-Cotta
2025
Roman des Jahres 2025: Die Holländerinnen, Dorothee Elmiger, Carl Hanser Verlag
Zum Schluss eine besondere Leseempfehlung

Zum 20-jährigen Jubiläum hat Dr. Carina Heer das Buch „Deutscher Buchpreis Unnützes Wissen“ geschrieben. In dem Buch ist Wissenswertes und Überraschendes zum Buchpreis, den Autor*innen und zum Thema Buch zusammengetragen und wer noch einen drauflegen möchte, es gibt auch ein Quiz. Das Buch erschien im riva Verlag.
Falls du noch keine feste Buchhandlung hast, kann ich dir die Hohenlimburger Buchhandlung bei mir im Ort empfehlen. Dort kannst du auch online bestellen, ganz wie bei den großen Online Shops, mit dem Unterschied, dass es einer unabhängigen Buchhandlung zugute kommt, die auch ein Ladenlokal in einem kleineren Stadtteil unterhält, in der tolle Buchhändler*innen beraten. Diese Werbung ist völlig unbeauftragt, ich habe nur einfach gerne eine Buchhandlung vor Ort und sie trägt sich nur, wenn dort auch eingekauft wird. #SupportYourLocalBookstore
