Aktualisiert am 14. Februar 2026 von Antje Tomfohrde
Immer auf der Suche nach Büchern über Frauen, die die vierzig schon überschritten haben und sich in den Wechseljahren oder an der Schwelle dorthin befinden, habe ich „Das Gras auf unserer Seite“ von Stefanie de Velasco entdeckt und gelesen. Es gibt nicht ganz so viele Romane, die sich mit dem Leben von Frauen in dieser Phase und danach beschäftigen, ohne Frauen den Stempel „alt“ aufzudrücken. Deshalb freue ich mich immer wieder, wenn ich ein Buch entdecke, dass diese Phase anders behandelt.
Worum geht es in dem Buch?
Grit, Kessie und Charly sind drei Frauen um die Mitte vierzig, die bislang ein eher unkonventionelles Leben geführt haben. Gedanken an Kinder oder wie es im Alter sein wird, waren ihnen bislang fremd.
Grit kann nicht länger in ihrer WG wohnen und muss zu ihrem Freund ziehen, was ihr nicht wirklich schmeckt. Sie hätte gern ein eigenes Zimmer oder – noch besser – eine eigene Wohnung und findet erst einmal einen Unterschlupf in einem Schrebergartenhäuschen.
„Ich verstehe das nicht. Jede Teenagerin will früher oder später ihr eigenes Zimmer, zu Recht. Wieso geben Paare das auf, die eigenen vier Wände? Ich finde das würdelos. Selbst ein Hamster hat seinen eigenen Käfig.“
Aus „Das Gras auf unserer Seite“ von Stefanie de Velasco
Charly, eine erfolglose Schauspielerin, bekommt endlich ein Rollenangebot und stellt fest, dass sie schwanger ist. Von wem, ist unklar.
„Charly spielt ein gerades Spiel: Schlafe immer mit derselben Handvoll Männern. Schlafe mit ihnen über Jahre, Jahrzehnte hinweg, sei ihnen treu, egal was aus ihnen wird, selbst wenn sie heiraten und in die Vaterschaft abrutschen. Und zwischendurch gönnst du dir einen Cheeseburger – Zufallsbekanntschaften, ein kleiner Happen zwischendurch -, und um dem Ganzen ein Umami-Aroma zu geben, wähle die Cheeseburger entweder sehr schön oder sehr hässlich.“
Aus „Das Gras auf unserer Seite“ von Stefanie de Velasco
Kessie ist auf Besuch in ihrer alten Heimat, um ihrer Mutter die Eingewöhnung im Pflegeheim leichter zu machen. Dort trifft sie Nazim, ihre alte Jugendliebe wieder. Die letzten Jahre war nur ihr Hund Pan der Mann an ihrer Seite.
„Kessie lacht laut, und sie fragt sich, warum es gar nicht seltsam ist zwischen ihnen, nach allem, was passiert ist, er benimmt sich, als hätte er immer gewusst, dass sie hier auftauchen würde, als wäre er perfekt vorbereitet – dieser fertig gedrehte Joint, den er auf der Bank hinter der Kantine wieder hervorholt, wie er näher an sie heranrückt, während sie sich hinter Jeansjacke mit dem fast leeren Feuerzeug abmüht.“
Aus „Das Gras auf unserer Seite“ von Stefanie de Velasco
Alle drei haben große Lebensentscheidungen zu treffen und in ihrer Chatgruppe DOGVILLE tauschen sie sich darüber und zu ihrem ganz alltäglichen Leben aus.
Wie hat mir „Das Gras auf unserer Seite“ gefallen?
Kinder oder Karriere? Zusammenziehen oder alleine wohnen? Abschied von der Kindheit und neue alte Liebe?
Das könnten die Kurzüberschriften für den momentanen Lebensstatus der drei Freundinnen sein. Ihr Leben verändert sich rasant und es stehen schwerwiegende Entscheidungen an. Stefanie de Velasco nimmt uns in „Das Gras auf unserer Seite“ mit in die Leben der drei Frauen und lässt uns mit schnellen Szenenwechseln teilhaben an ihrem Alltag. Im Chat bekommen wir zusätzlich noch tagesaktuelle Eindrücke vom Umgang der drei miteinander und davon, wie tief verbunden und direkt sie sind.
Man muss genau lesen, um zu wissen, bei welcher der Frauen man gerade ist, die Szenenwechsel verlangen das. Auch gibt es zwischendurch immer mal wieder einen Einblick in den Familienchat von Grit. Es ist ein Buch wie das echte Leben, vieles läuft parallel und nicht nacheinander. Jede hat ihr eigenes Päckchen zu tragen und muss es mit den anderen teilen, so ist auch der Chat, eine Unterhaltung aus dem normalen Leben.
Die drei sind an der Grenze zu einer neuen Lebensphase, jetzt sind Entscheidungen zu treffen, die nur noch in einem kurzen Zeitfenster Platz haben. Charly muss entscheiden, ob sie nicht doch ein Kind will, auch wenn der Wunsch bislang nie da war. Bei Kessie ist es nicht nur die aufkeimende Liebe, sondern vor allem auch die Tatsache, dass ihr Mutter im letzten Stadium ihres Lebens ist und nach und nach verschwinden wird. Auch Grit steht vor einer Entscheidung, die aufgrund ihrer Wohn- und Finanzsituation akut ist, denn ihre Ersparnisse sind so gut wie aufgebraucht und sie würde sich gerne auf das Schreiben eines weiteren Buchs konzentrieren statt darüber nachzudenken, wie weit sie sich auf ein Leben mit Mann einlassen möchte.
Viele Frauen in diesem Alter können das nachvollziehen – Entscheidungen, die nur noch eine kurze Zeit lang getroffen werden können. Danach schließt sich das Fenster und die Entscheidung, ob man Kinder möchte, kann nicht mehr hinausgezögert werden. Genauso wie der Moment, in dem die Eltern nicht mehr für sich selbst sorgen können, eine Kettenreaktion in Gang setzen kann. Man wird vom Kind zur wirklich erwachsenen Person, die Kindheit und die Beziehung zu den Eltern wird reflektiert, man weiß, dass ein Abschied ansteht.
„Dann kam die Diagnose, Kessie nahm sie hin, ohne das Ausmaß der Erkrankung zu verstehen. Inzwischen kann sie es nicht mehr leugnen: Dolores hat in den letzten Jahren abgebaut. Ihre Sprache hat sich verändert, die Gesichtszüge sind sind starrer und gleichzeitig schlaffer geworden, sie haben der sonst so resoluten Mutter einen verträumten Ausdruck gegeben, den Kessie mögen würde, wenn sie nicht wüsste, dass er von der Erkrankung kommt.“
Aus „Das Gras auf unserer Seite“ von Stefanie de Velasco
Das löst vieles aus und kann sehr schmerzhaft sein. Diesen Prozess begleitet Stefanie de Velasco und es gelingt ihr so, dass es aus dem Leben gegriffen erscheint. Solche Themen werden mit Freundinnen geteilt und besprochen, wenn man das Glück hat, solche Menschen an seiner Seite zu wissen.
Und das macht das Buch für mich so lesenswert. Auf der einen Seite leben wir die leichte Seite, feiern miteinander, aber so wie in der Jugend ist man auch in dieser Lebensphase füreinander da. Da wird auch mal Tacheles geredet und es kommen Gefühle auf den Tisch, die sonst eher nicht geteilt würden. Auch in diesem Alter noch bzw. gerade in diesem Alter, denn es ist eine besondere Phase, genauso wie die Pubertät.
Die drei sind verständnisvoll, kennen sich und die Autorin hat ein Händchen dafür, sie so zu beschreiben, dass sie beim Lesen vor dem geistigen Auge erscheinen. Es geht um Veränderung, ums Älterwerden und die Veränderungen, die damit einhergehen. Es sind die großen Fragen, um die es in dieser Lebensphase geht. Man hat schon ein paar Wunden davongetragen, es gab große Karrierepläne, die sich noch nicht erfüllt haben, Enttäuschungen und man wurde schon verletzt, betrogen und weiß nicht, ob man noch einmal bereit ist, das Risiko einer neuen Liebesbeziehung einzugehen oder sie gar mit einem offiziellen Zusammenleben auf eine andere Stufe bringt.
Es ist gut, dass Stefanie Velasco ein solches Buch geschrieben hat. Ich wünsche mir, dass mehr Autor*innen uns Frauen über 40, 50 und 60 Raum in ihren Bücher geben und Geschichten über uns schreiben, die wir wirklich nachvollziehen können.
Über die Autorin:
Stefanie de Velasco wurde 1978 in Oberhausen geboren und studierte Europäische Ethnologie und Politikwissenschaft in Bonn, Berlin und Warschau. studierte Europäische Ethnologie und Politikwissenschaft. Ihr Debütroman „Tigermilch“ erschien 2013 und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und für das Kino verfilmt. 2019 folgte der Roman „Kein Teil der Welt“, in dem sie von einer Kindheit und Jugend bei den Zeugen Jehovas schreibt. Sie schreibt für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften und arbeitet als Drehbuchautorin. Mit ihrem Hund lebt sie in Berlin.
Autorin: Stefanie de Velasco
Erscheinungsdatum: 7. März 2024
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-00573-8
PS: Das Buch wurde mir als kostenloses Rezensionsexemplar von Kiepenheuer & Witsch zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank dafür!
Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.
Auch Kristine Bilkau nimmt sich dieses Lebensabschnitts in „Halbinsel“ an. Annett überlegt, was sie beruflich noch angehen möchte, wo die Tochter jetzt auf eigenen Beinen stehen kann. Es kommt einiges anders und es spielen noch weitere Themen eine Rolle, aber es geht auch um den Umgang mit dem Alter und dem Leben ab der der Menopause. Ich habe da einige Parallelen erkannt und es ist zudem sprachlich noch ein ganz besonderer Genuss.
