Kurz vorm Abgrund – Am Kipppunkt von Benjamin von Brackel und Toralf Staud

Auf dem Bild liegt das Buch Am Kipppunkt von Benjamin von Brackel und Toralf Staud auf einem Holztisch neben einem grünlichen Glas. Es ist das Header-Bild zur Rezension des Buchs.

Aktualisiert am 21. September 2025 von Antje Tomfohrde

Was passiert eigentlich gerade mit dem Klimasystem der Erde? Welche Kipppunkte haben wir schon erreicht, was können wir noch tun, um diese Endwicklung aufzuhalten? Diesen Fragen nimmt sich das Buch „Am Kipppunkt“ an und – um eine gute Nachricht gleich am Anfang vorwegzunehmen – es gibt auch positive Kipppunkte, die wir erreichen können, um doch noch kurz vorm Abgrund zu stoppen.

Worum geht es in dem Buch?

Die Zeit läuft uns so langsam – nein, sie läuft uns schnell davon, wenn wir die Erderwärmung noch auf ein Ziel von 1,5 bzw. wohl realistischer 2 Grad begrenzen wollen. Dass uns die Zeit davon läuft, liegt mit daran, dass wir dabei sind, bestimmte Kipppunkte zu überschreiten. Dieses Überschreiten würde schwerwiegende Folgen nach sich ziehen, die unser Leben auf sehr unangenehme Art verändern würden, die jetzigen Hitzewellen, Waldbrände und Überschwemmungen sind nur ein Vorgeschmack darauf.

„Die Lektion: Das Erdsystem wartet nicht, bis sich eine Gruppe zerstrittener Primaten zusammenrauft und endlich von ihrer Angewohnheit ablässt, fossile Überreste von Sumpfwäldern und Meeresorganismen aus dem Boden zu ziehen, um diese zu verbrennen und so die Zusammensetzung der Lufthülle um den Planeten herum langfristig zu verändern – mit dem bekannten Ergebnis: Die Erde heizt sich auf.“

Aus „Am Kipppunkt“ von Benjamin von Brackel und Toralf Staud

Ziel des Buchs ist, nicht ein Katastrophenszenario aufzubauen, sondern darüber aufzuklären, wo erste Kipppunkte drohen und was dann passiert und wie sich dieses Risiko noch vermeiden oder senken lässt.

Dazu ist das Buch in drei Teile unterteilt.

  • In Teil I geht es um die Entdeckung der Kipppunkte.
  • Teil II geht auf die negativen Kipppunkte im Klimasystem ein, unterteilt in Kipppunkte im Eis, im Wasser, in der Luft und in der Natur.
  • In Teil III geht es dann um die positiven Kipppunkte, die beim Klimaschutz erreicht werden können. Hier gehen die Autoren auf drei Entwicklungen ein, die Hoffnung machen: die weltweite Solarrevolution, den E-Auto-Boom und die Ernährungswende.
  • Am Ende des Buches gibt es noch einen Ausblick auf mögliche Zukunftsszenarien.

„Denn positive Kipppunkte anzusteuern ist die einzige Chance, um uns die negativen Kipppunkte im Erdsystem doch noch vom Leibe zu halten. Mit einer gemächlichen Umstellung der Wirtschaft ist es nicht mehr getan. Um das zu verstehen, muss man kein Versicherungsmathematiker sein; dafür genügt es, dieses Buch zu lesen.“

Aus „Am Kipppunkt“ von Benjamin von Brackel und Toralf Staud

Mein Leseeindruck von „Am Kipppunkt“

„Am Kipppunkt“ zu lesen, war für mich gesetzt, denn ich bin der Meinung, dass wir umso besser auf etwas reagieren können, je mehr wir wissen und es zumindest im Ansatz verstehen. Kipppunkte sind in aller Munde, doch was ist das eigentlich und wo kommt dieser Begriff her? Schon auf dem Buchcover wird es recht anschaulich mit einem umkippenden grünen Plastikstuhl. Wenn etwas kippt, kann es in zwei Richtungen gehen, entweder ins Positive oder ins Negative. Jede*r von uns kennt diesen Moment, wo die Stimmung kippt und aus einem Lachen ein Weinen werden kann. Das gibt es auch beim Klima.

So geht es im ersten Teil darum, wie die Kipppunkte überhaupt entdeckt wurden. Und das machen die Autoren ganz geschickt, sie erzählen diese Entdeckungsgeschichte tatsächlich wie eine Detektivgeschichte und verpacken Fakten spannend erzählt. So geht es zunächst einmal um die Urkatastrophe und dann um das Geheimnis im Eis, um unschöne Überraschungen im Treibhaus und am Ende um die Kipppunkte-Kontroverse. Einfach und verständlich für Laien wie mich erklärt und so erzählt, dass man dran bleiben will, um herauszufinden, was zu den jeweiligen Zeitpunkten in der Erdgeschichten passiert ist und welche Auswirkungen das hatte.

Im zweiten Teil gehen Benjamin von Brackel und Toralf Staud auf die negativen Kipppunkte ein und sortieren sie so, dass die Frage beantwortet wird, welche Kipppunkte am ehesten für uns Menschen zur Bedrohung werden. Kleine Warnung vorab: dieses Kapitel zieht ganz schön runter, weil man begreift, worüber wir so locker flockig reden, wenn wir vom Überschreiten der Kipppunkte sprechen und dass das kein Katastrophenszenario aus einem Hollywood-Film ist, sondern die Realität.

Immer wieder wird aus Gesprächen mit Wissenschaftler*innen berichtet und auch unterschiedliche Meinungen bzw. Herangehensweisen aufgezeigt, so z. B. in Bezug auf die Niederlande, wo die eine Stimme den Fokus auf hochtechnologische Deichsysteme in Bezug auf das Ansteigen des Meeresspiegels setzt und eine andere Stimme auch die unbequemen Vorschläge macht, nämlich von Umsiedlung in höhergelegene Gebiete spricht und von Verhaltensänderungen, um die Treibhausgasemissionen zu verringern.

Diese wissenschaftlichen Diskurse mit einzubringen, ist eine weitere Stärke des Buchs. Es wird gezeigt, wie Wissenschaft funktioniert, dass geforscht wird und dass die Richtung klar ist, es trotzdem unterschiedliche Ansätze gibt, das heißt, da wird richtig nachgedacht und gearbeitet, so zum Beispiel beim Jetstream. Die Bedeutung und das Veränderungen Folgen haben werden, sind erkannt, jetzt geht es um eine genauere Erforschung. Es heißt aber nicht, dass die Hände bis dahin in den Schoß gelegt werden sollen und nichts getan werden soll.

„Wie weit die Erde sich in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten also noch aufheizt, in welchem Ausmaß sie sich in einen zunehmend ungemütlicheren Ort verwandelt, hängt weiterhin vor allem und direkt davon ab, was die Menschheit tut oder nicht tut. Die Kippelemente im Klimasystem – und dass manche vielleicht sogar schon über ihre kritische Schwelle hinaus sind – entbinden uns nicht von unserer Verantwortung.“

Aus „Am Kipppunkt“ von Benjamin von Brackel und Toralf Staud

Nachdem also Teil I und Teil II sehr viele unliebsame Fakten geliefert haben, zeigen die beiden Autoren im dritten Teil des Buches Lösungen auf und zwar schon angestoßene Lösungen, die sehr erfolgversprechend sind und als positive Kipppunkte bezeichnet werden.

„Garantiert wirksam ist nur eines: die Erderwärmung möglichst rasch zu stoppen, also die CO²-Emissionen schnell und drastisch zu senken. Die Rettung könnte ausgerechnet in Kipppunkten liegen. Positiven Kipppunkten.“

Aus „Am Kipppunkt“ von Benjamin von Brackel und Toralf Staud

Was ich hier gut finde, ist die Tatsache, dass gezielt drei Maßnahmen ausgewählt wurden und auf die Umsetzung dieser Maßnahmen eingegangen wird und nicht wahllos eine Endlosliste vieler guter Ansätze beschrieben wird.

Den Anfang machen die erneuerbaren Energien, explizit das sogenannte Solarwunder, bei dem Deutschland mit dem EEG einer der Treiber dieser Energierevolution war. Hinzu kommt, dass Photovoltaik-Zelle einfache, standardisierte Produkte sind, gemacht für die Massenproduktion und eine Marktsättigung ist noch lange nicht in Sicht. Mittlerweile treibt China den Solarboom und installiert nicht nur, sondern exportiert in alle Welt.

Von Brackel und Staud gehen darauf ein, welche Bremsklötze es noch gibt und was getan werden muss, um ein Optimum aus dieser Energierevolution herauszuholen. So sind die Regierungen gefragt, Investitionen in fossile Energieträger abzubauen und in erneuerbare Energien fließen zu lassen, um die Abhängigkeit von Gas und Öl und die Treibhausgasemissionen zu senken. Dass dies gerade nicht passiert, lässt eine*n kopfschüttelnd zurück.

Der zweite positive Kipppunkt ist die E-Auto-Revolution, die nicht nur in Norwegen passiert, sondern zum Beispiel auch in Dänemark, Schweden und China. Aber es geht nicht nur um E-Autos, sondern auch um Motorräder, Rikschas, Busse und Lastwagen, die so die Treibhausgasemissionen senken können. Natürlich passiert das alles nicht von allein, Förderung spielt eine Schlüsselrolle, um so etwas auf die Bahn zu bringen. Sehr cool ist natürlich die Geschichte, die den Einfluss der norwegischen Band Aha erzählt. Und genau so etwas braucht es, um eine gute Technologie zu pushen, wobei Autos ja ursprünglich als E-Autos konzipiert waren.

Erneuerbare Energien und E-Mobilität sind ein Duo, das zusammengehört und in Ländern, die dies konsequent umsetzen, auch ein großer Wirtschaftsfaktor.

Wenn man den dritten Teil des Buchs liest, bekommt man wieder Mut, weil die Beispiele gut gewählt sind. Es sind keine Luftschlösser, sondern Beispiele aus der Praxis, die zeigen, was geht und welche Voraussetzungen es dafür geben muss. Auch zeigt dieser Teil, was jetzt in Deutschland passieren muss, damit wir auch wirtschaftlich nicht an Boden verlieren. Jede*r sieht, was die Regierung tun müsste. Da dies gerade nicht geschieht, wird die Laune wieder schlechter, aber da gibt es zum Glück noch die dritte Maßnahme, die vorgestellt wird. Hier haben es Menschen aus verschiedenen Gruppen geschafft, sich auf ein Ziel zu einigen.

Es geht um die Bedeutung von Änderungen im Verhalten und das Ändern von sozialen Normen und eine davon ist das Essen von Fleisch. Dieses Thema wird sehr emotional diskutiert und sorgt regelmäßig für erhitzte Unterhaltungen. Das Tolle daran ist, dass wir da alle mitmachen können und ja, es ist nicht so einfach, aber auch nicht so schwer, denn es geht ja nicht um ganz oder gar nicht, sondern einfach erst einmal weniger. Im Buch geht es auch darum, ob es Kipppunkte auch bei gesellschaftlichen Entwicklungen gibt und ob man diese steuern kann.

Es gibt natürlich verschiedene Forschungsergebnisse dazu und auch darauf wird eingegangen. Dann werden Beispiele dafür genannt, wie der deutsche Fleischkonsum sinkt und dass das durchaus auch wirtschaftlich lohnenswert ist. Besonders bemerkenswert fand ich übrigens das folgende Zitat in Bezug auf Fleischersatzprodukte, da ich persönlich da immer wieder drüber diskutieren muss und ich es genauso sehe:

„Die Frage ist, ob man überhaupt versuchen sollte, den perfekten Steak-Ersatz zu finden. Vielleicht müssen Alternativprodukte gar nicht genauso schmecken wie klassisches Fleisch. Vielleicht reicht es ja, wenn sie herzhaft und lecker sind. Und überhaupt, können sich Geschmäcker nicht auch ändern?“

Aus „Am Kipppunkt“ von Benjamin von Brackel und Toralf Staud

Es wird aufgezeigt, wie der Staat tierische Produkte bevorzugt behandelt, zum Beispiel durch eine geringere Steuer im Vergleich zu pflanzlichen Produkte, obwohl die Umwelt- und Klimaschäden bei tierischen Produkten höher sind. Auch die EU fördert eher die Vermarktung tierischer als pflanzlicher Produkte. Dann gibt es noch künstliche Wettbewerbsverzerrung durch den Zwang pflanzliche Milchersatzprodukte nicht „Hafermilch“, sondern „Haferdrink“ nennen zu müssen, um Verwechslungen zu verhindern.

Erfreulicherweise wird aber auch hier ein positives Beispiel vorgestellt. Fleischesserland Dänemark ist Vorreiter in Bezug auf Förderung pflanzlicher Produkte. Hier wurde es tatsächlich geschafft, dass sich die verschiedenen Verhandlungspartner*innen einigen konnten, um nicht nur die Förderung pflanzlicher Produkte zu beschließen, sondern auch eine Klimasteuer auf Tiere beschlossen. Es war nicht leicht, das durchzusetzen, aber es war möglich und das macht Mut, denn es lässt sich kopieren.

Auf S. 343 und 344 geht es um einen Veggie-Burger vom Start-up Matr Foods und wieviel CO² dadurch eingespart werden kann im Vergleich zum Rindfleisch-Burger. Da ich im Sommer 2025 in Kopenhagen gewesen bin, habe ich diesen Burger natürlich probiert und er war echt lecker. Ich habe ihn bei der im Buch erwähnten Restaurantkette Gasoline Grill probiert und cool war, dass an dieser zur Burger-Bude umgebauten Tankstelle nur noch eine Ladestelle für E-Autos war. Die Kette ist schwer angesagt und es war ganz schön voll, als wir da waren.

Auf dem Foto ist eine Filiale der Restaurantkette Gasoline Grill in Kopenhagen abgebildet.

Am Ende des Buches gibt es noch einen Ausblick, einmal auf ein „Trump-Szenario“, was das bedeutet, muss jetzt wohl nicht näher beschrieben werden, wir sind ja gerade live dabei. Da ist mir das zweite Szenario lieber:

„Eine Industrienation nach der anderen strebt nach positiven Kipppunkten und setzt gezielt Anreize für klimafreundliche Technologien. Damit leiten sie eine wirtschaftliche Dynamik ein, der sich bald niemand mehr entziehen kann. Es ist einfach zu lukrativ.“

Aus „Am Kipppunkt“ von Benjamin von Brackel und Toralf Staud

Das Gute am Buch ist, dass es nicht in Weltuntergangsstimmung endet, sondern explizit noch einmal darauf hinweist, was jetzt zu tun ist und Nichtstun keine Option ist.

„An den Kipppunkten versteht man klarer sonst irgendwo: Es ist nicht egal, ob der CO²-Ausstoß erst ein paar Jahre später sinkt“

Aus „Am Kipppunkt“ von Benjamin von Brackel und Toralf Staud

Das Buch ist so verständlich geschrieben, dass es gut am Stück gelesen werden kann, auch wenn gerade Teil II heftig ist durch die Beschreibung dessen, was beim Überschreiten der Kipppunkte passieren kann. Nichtsdestotrotz ist es auch eine Aufforderung, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern im Gegenteil zu handeln.

Über die Autoren:

Benjamin von Brackel ist Jahrgang 1982 und Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München. Er studierte Politikwissenschaften in Erlangen und Berlin studiert und einer der bekanntesten Klimajournalisten Deutschlands. Neben den Büchern „Wütendes Wetter“ (Co-Autor von Friederike Otto) und „Die Natur auf der Flucht“ schreibt er u. a. für den Wissensteil der Süddeutschen Zeitung und ist Mitgründer des Online-Magazins klimareporter.de. Auch wurde mit dem Deutschen Umwelt-Medienpreis ausgezeichnet.

Toralf Staud wurde 1972 geboren und studierte Journalistik und Philosophie in Leipzig und Edinburgh. Er war Politikredakteur der ZEIT und ist jetzt als freier Autor unterwegs. Seine Hauptthemen sind die extremen Rechten sowie der Klimawandel. Mit Nick Reimer hat er „Wir Klimaretter“ und „Deutschland 2050“ geschrieben. Außerdem hat er das Wissenschaftsportal klimafakten.de mit aufgebaut und wurde 2012 mit dem Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus ausgezeichnet.

Informationen zum Buch
Buchtitel: Am Kipppunkt
Autoren: Benjamin von Brackel und Toralf Staud
Erscheinungsdatum: 05.06.2025
Verlag: Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG
ISBN: 978-3-462-00790-9

PS: Das Buch wurde mir als kostenloses Rezensionsexemplar vom Verlag Kiepenheuer & Witsch zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank hierfür!

Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.

Wenn du mehr zum Thema Klimakrise und was wir tun können, um sie zu begrenzen, empfehle ich dir das Buch „Deutschland 2050“ von Nick Reimer und Toralf Staud. Es wird anhand dreier Szenarien beschrieben, wie Deutschland im Jahr 2050 sein wird, wenn wir a) nichts tun, b) ein bisschen etwas tun oder c) ganz viel tun, um die menschengemachte Erderwärmung einzudämmen. Die Autoren stützen sich dabei auf schon bekannte Fakten und beschreiben anschaulich, wie das Leben im jeweiligen Szenario in rund 25 Jahren sein wird.

In „Zukunftsbilder 2045“ von Stella Schaller, Lino Zeddies, Ute Scheub und Sebastian Vollmar erfährst du, wie eine Zukunft aussehen kann, wenn wir mit den heute schon bekannten und einsatzfähigen Technologien den Kampf gegen die Klimakrise aufnehmen. Das Buch macht Lust auf Zukunft, geht weg vom Grau-in-Grau des ewigen Verzichtsnarrativs und zeigt, was möglich ist, wenn wir nur wollen und machen.

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