Aktualisiert am 13. Dezember 2025 von Antje Tomfohrde
Mit „Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels“ ist endlich wieder ein Buch von Vea Kaiser erschienen. Vier Jahre sind seit „Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger“ vergangen„ und ich war ganz begeistert, als ich hörte, dass es ein neues Buch der Autorin gibt.
Wovon handelt das Buch?
Eine wahre Begebenheit ist die Grundlage für „Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels“. Während der Pandemie las Vea Kaiser in der Zeitung von einer Buchhalterin, die ihren Arbeitgeber, ein Wiener Grand Hotel, um eine größere Summe erleichterte. Darauf dachte sie sich, dass das ein Stoff für einen Roman sein könnte und machte sich ans Werk.
Sie erzählt die Geschichte von Angelika Moser, die Ende der Achtzigerjahre als Buchhalterin im Wiener Grand Hotel anfängt. Nach Feierabend stürzt sie sich mit ihrer Freundin Ingi ins Nachtleben und tanzt berauscht die Nächte durch. Angelika wuchs bei ihrer Mutter Erna Moser auf, die sich und ihre Tochter alleinerziehend über die Runden brachte. Ingi kann auf einen anderen familiären Hintergrund blicken und doch sind die beiden jungen Frauen befreundet.
„Ingi war zwei Stockwerke über Angelika im Veza-Canetti-Hof aufgewachsen, bis Ingis Mutter ihren Arbeitgeber, einen Notar, geheiratet hatte und sie in ein Einfamilienhaus nach Strebersdorf übersiedelt waren. Wenn zwei Leben gleich beginnen, aber konträre Verläufe nehmen, ist Freundschaft keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Entscheidung. Das hatte Angelika verinnerlicht, die nie einen Vater gehabt hatte und Taschengeld nur aus Ingis Erzählungen kannte.“
Aus „Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels“ von Vea Kaiser
Ingi konnte liegen bleiben und ihren Rausch ausschlafen, wogegen Angelika pünktlich im Hotel Frohner ihren Dienst antreten musste. Und so wild wie sie feiern konnte, so leistungsbereit war sie bei der Arbeit, auch wenn die Arbeitskolleg*innen das noch nicht so merkten, da sie zu sehr damit beschäftigt waren, sich über Angelikas Flirts das Maul zu zerreißen.
„Angelika liebte die Abenteuer der Nacht, aber sie brauchte die Ordnung des Tages, um in den abenteuerlosen Nächten nicht von den Nachtgespenstern und Gedankenkarussellen überwältigt zu werden. Jede Rechnung, die sie zur Überweisung brachte, bedeutete, etwas erledigt zu haben. Jeder abgeheftete Lohnzettel hatte einen Unterschied im Leben eines Menschen gemacht. Sauber zu buchhalten bedeutete, einen weiteren Tag über das Chaos zu triumphieren.“
Aus „Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels“ von Vea Kaiser
Doch irgendwann löst sich das Problem und ihre Arbeit wird besonders von der Geschäftsleitung des Hauses geschätzt, da sie so gut in ihrem Job ist. Das Gerede nimmt zwar nicht ab, aber Angelikas Ehrgeiz zu.
„Sie musste der erste weibliche Abteilungsleiter des Grand Hotel Frohner werden, die erste Führungsfrau in diesem Betrieb, in dem sogar die Hausdame ein Mann namens Johannes war. Und dann würde sie nicht nur alles besser machen, sondern endlich so, wie es sich gehörte.“
Aus „Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels“ von Vea Kaiser
Parallel zu ihrer Karriere passiert noch so einiges in Angelikas Leben. Sie feiert natürlich weiterhin viel, allerdings nicht so wie ihre Freundin Ingi, die immer mehr in die Drogensucht abdriftet. Sie freundet sich etwas mehr als geplant mit Freddy an und ihre Mutter hat erste Demenzerscheinungen. Um nicht aus ihrer Wohnung geworfen zu werden, kauft sie sie und frischt dafür die Buchhaltung im Hotel etwas auf. Der Grundstein ist gelegt.
Als Angelika schwanger wird, ändert sich noch einmal alles in ihrem Leben. Sie muss einen Umzug planen und ihr Leben so sortieren, dass sie klar kommt, denn Freddy ist nicht das, was man gemeinhin als zuverlässig bezeichnen würde. Ihr Chef zumindest hält sich an seine Zusicherung, ihr eine Karriere zu ermöglichen: „Schnattl geht in fünf Jahren in Pension. Sie bringen Ihr Kind zur Welt und kommen zu seinem dritten Geburtstag zurück. Dann sind Sie noch ein Jahr normale Buchhalterin, bevor Sie Abteilungsleiter werden.“
Da ich nicht komplett den Inhalt des Buchs erzählen möchte, nur so viel: Angelika wird Abteilungsleiterin und schafft es ihr Kind dank ihres buchhalterischen Könnens, gut zu versorgen. Es mangelt ihm an nichts. Nur irgendwann kommt der Moment, an dem die Wahrheit ans Licht kommt.
Wie hat mir „Fabula Rasa“ gefallen?
Vea Kaiser hat mir mit „Fabula Rasa oder die Königin des Grand Hotels“ ein großes Lesevergnügen beschert. Eine Geschichte, die einen Hauptstrang und mehreren Nebenstränge hat, birgt oft die Gefahr, dass eine Autorin oder ein Autor sich verheddert und die Knoten nicht mehr gelöst bekommt.
Nicht so Vea Kaiser. Sie schafft es, locker-flockig von Angelika Moser, ihrer buchhalterischen Meisterschaft und von ihrem Leben drum herum zu erzählen. Es ist wie das Leben so ist. Es geht nicht nur um den Beruf, sondern da gibt es noch Liebschaften, Freundschaften, ein Kind, um das sich gekümmert werden muss, eine alte Mutter und noch ein paar Katastrophen am Rande, die sich mit glücklichen Momenten ablösen.
Es wird klar, dass sich Angelika Moser von der fröhlichen jungen Frau, die gerne feiert, in eine Mutter verwandelt, die wie eine Löwin dafür kämpft, dass ihr Kind es einmal besser hat als sie und das gute Leben nebst der Freiheit, die damit einhergeht, genießen kann.
Aber auch für sich selbst sorgt sie gut. Sie ist nicht mehr die, die von außen zuschaut, wie die Reichen der Stadt auf dem Wiener Opernball tanzen, sondern sie tanzt mit. Man mag denken, dass ist jetzt aber dick aufgetragen, bedenkt man jedoch die Leidenschaft, mit der Angelika und ihre Mutter den Ball all die Jahre vor dem Fernseher verfolgt haben, passt es.
Gut gefällt mir, dass zwischendurch immer mal wieder erzählt wird, wie die Autorin im Roman die Delinquentin im Gefängnis besucht und, um die Geschichte so gut wie möglich zu recherchieren und meiner Meinung nach auch, um das Ende schon mal vorzubereiten.
„Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels“ ist witzig und schnell erzählt, wie von jemandem, der keine Luft holt zwischendurch. Und doch verschluckt sich Vea Kaiser nicht beim Erzählen. Sie streift auch ernste Themen wie die Demenz der Mutter, die Beziehung zu ihrer Mutter, die zwischendurch immer mehr Risse bekommt, die Drogensucht der Freundin und auch vor den Problemen, die ihre Protagonistin in den einzelnen Phasen ihres Lebens als Frau hat, macht sie nicht halt oder nimmt ein Blatt vor den Mund.
„Die Wallungen wurden intensiver, drückten aus dem Bauch herauf. Haltung, dachte Angelika, Haltung war alles.“
Aus „Fabula Rasa oder die Königin des Grand Hotels“ von Vea Kaiser
Wir begleiten Angelika Moser durch ihre fruchtbare Lebensphase, spüren die Hitzewellen der Wechseljahre und wie die Liebe im etwas fortgeschrittenen Alter sein kann.
„Die eigene Kommode im Schlafzimmer des anderen war das romantische Bekenntnis zueinander, wenn man sich im dritten Lebensviertel verliebte. Thomas begleitete Angelika auf alle Bälle, die sie besuchen wollte. Angelika hatte für ihn mit dem Tennis begonnen. Der Sex war schön und entspannend, für aufregend und atemberaubend standen sie wahrscheinlich zu fest im Leben.“
Aus „Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels“ von Vea Kaiser
Es wirkt so, als ob Ruhe eingekehrt sei ins Leben der Angelika Moser. Sie genießt, was sie erreicht hat und vergisst doch nie, dass sie einen Haufen nicht offizieller Schulden angehäuft hat, schließlich ist sie Buchhalterin durch und durch. Angelika Moser bleibt sich das komplette Buch hindurch treu, genauso wie ihr Filofax, dass sie all die Jahre begleitet.
Vea Kaiser geht nicht nur auf die körperlichen Besonderheiten im Leben einer Frau ein, sondern beschreibt auch gut, was es für eine Leistung ist, die ihre Protagonistin vollbringt, in dem sie „Abteilungsleiter“ wird. Allein, dass sie die männliche Form hier nutzt, macht das ziemlich klar. In den Achtzigern, Neunzigern und ehrlich gesagt immer noch, ist das nicht selbstständig gewesen und leider heute immer noch nicht. Da setzt die Autorin noch einmal ein feministisches Ausrufezeichen passend zu ihrer Aussage, dass sie einen weiblichen Schelmenroman schreiben wollte, was ihr mit „Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels“ aus meiner Sicht gelungen ist.
Nebenbei lernt man noch ein paar typische Wiener Ausdrücke, taucht tief in die Welt eines Luxushotels ein und wird gut unterhalten. Für mich hat sich das Warten aufs Buch gelohnt.
Über die Autorin:
Vea Kaiser wurde 1988 in St. Pölten in Österreich geboren. Studiert hat sie Klassische und Deutsche Philologie mit Schwerpunkt Altgriechisch an der Universität Wien. 2012 erschien ihr Debütroman „Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“. Dieses Buch wurde gleich ein großer Erfolg und wurde als bestes deutschsprachiges Debüt am internationalen Festival du Premier Roman ausgezeichnet. Zwei weitere Romane folgten und sie war zwei Jahre Jurorin beim Ingeborg-Bachmann-Preis. Mit ihrer Familie lebt sie in Wien.
Autorin: Vea Kaiser
Erscheinungsdatum: Oktober 2025
Verlag: Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG
ISBN: 978-3-462-05234-3
PS: Das Buch wurde mir als kostenloses Rezensionsexemplar vom Verlag Kiepenheuer & Witsch zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank hierfür!
Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.
Vea Kaiser hat noch drei weitere Romane geschrieben und ich habe sie alle drei begeistert gelesen. Zu „Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger“ habe ich eine Rezension geschrieben, die du hier auf dem Blog nachlesen kannst. „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“ ist das erste Buch, das ich von der Autorin gelesen habe. Damit war klar, dass ich auch jedes weitere Buch lesen wollte. „Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ ist ihr Debüt. Solltest du also auch so begeistert von Vea Kaiser sein wie ich, kann ich dir diese Bücher definitiv empfehlen. Da die Bücher auch nicht so kurz sind, dauert der Lesespaß zum Glück ein wenig länger.
