Überleben – Roman eines Schicksallosen von Imre Kertész

Auf der Grafik ist das Buch "Roman eines Schicksallosen" von Imre Kertész. Das Bild ist das Header-Bild zur Rezension des Buches.

Aktualisiert am 9. Januar 2026 von Antje Tomfohrde

übersetzt von Christina Viragh

Dass „Roman eines Schicksallosen“ ein ungewöhnliches Buch ist, war mir klar, aber wie ungewöhnlich es ist, nicht. Ungewöhnlich beschreibt es auch nicht wirklich gut. Imre Kertész schreibt über das Unsägliche, das Unaussprechbare – die Zeit eines Jungen in den Ausschwitz und Buchenwald.

Wovon handelt das Buch?

Der Ich-Erzähler György Köves wird mit 14 Jahren nach Ausschwitz und dann nach Buchenwald, genauer ins Arbeitslager Zeitz deportiert.

Das Buch beginnt damit, dass György einen Tag schulfrei hat, weil sein Vater zum Arbeitsdienst einberufen wurde und noch einiges geklärt werden musste. Zwei Monate später wird der Junge selbst zum Arbeitsdienst auf einer Erdölraffinerie herangezogen. Lange ist er nicht dort, denn nach einer Kontrolle werden alle jüdischen Insassen von Bussen eingesammelt und mit einem Zug nach Ausschwitz gebracht.

György hält sich an das was, ihm von den Lagerinsassen, die ihn am Anfang begegneten eingetrichtert wurde und sagt bei der Musterung, dass er sechzehn sei. So gelangt er über Buchenwald ins Arbeitslager Zeitz.

„Aber ich hatte noch die Mahnung der Sträflinge im Ohr, nun ja, und im Übrigen hatte ich natürlich eher Lust zu arbeiten als nach Art von Kindern zu leben.“

Aus „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertész

Im Fortgang des Buches erfahren wir, wie es dem Jungen ergeht und wie er es schafft, das Grauen zu überleben.

Mein Leseeindruck von „Roman eines Schicksallosen“

Wie soll ich dieses Buch beschreiben? Wie soll das gehen? Imre Kertész hat uns Lesenden durch die kindliche oder besser am Anfang naive Erzählweise ein Geschenk damit gemacht, schafft er dadurch doch zunächst noch eine gewisse Distanz.

„Roman eines Schicksallosen“ wird von Imre Kertész von einem Ich-Erzähler erzählt. György ist 14 Jahre alt, als er nach Ausschwitz und danach ins Arbeitslager deportiert wird. Damit ähnelt die Erzählung Kertész eigener Lebensgeschichte, doch ist sie keine Nacherzählung dessen, denn genau das wollte der Autor nicht. Es sollte kein typischer „Lagerroman“ werden. Und das ist „Roman eines Schicksallosen“ auch nicht.

Wir lernen Györgi als ruhigen, gehorsamen, gar artigen Jungen kennen, der gut beobachtet, doch sehr naiv wirkt, kennt er doch viele Zusammenhänge nicht. So denkt er, dass es völlig in Ordnung ist, dass sein Vater zum Arbeitsdienst muss und auch als er verschleppt wird, ist es für ihn erst einmal eine Art Abenteuer, was bei mir schon beim Lesen dazu führte, dass sich innerlich alles zusammengezogen hat. Als Lesende sind wir Beobachtende, die ganz andere Assoziationen haben, wenn sie lesen, dass die Neuankömmlinge zu den Duschen sollen, György war in diesem Fall ja völlig unbedarft, während wir schon wissen, was an Unrecht in Auschwitz geschah.

Györgi erweist sich als aufmerksamer Beobachter, der versucht, alles aus einer positiven Sichtweise heraus zu beschreiben bzw. zu erleben.

„Auf jeden Fall nimmt man etwas Neues überall, selbst in einem Konzentrationslager, zunächst mit gutem Willen in Angriff – ich wenigstens habe es so erlebt: fürs Erste genügte es, ein guter Häftling zu werden, das Weitere mochte die Zukunft bringen – das war im Großen und Ganzen meine Auffassung, darauf gründete ich meine Lebensführung, ganz genauso übrigens, wie ich das im Allgemeinen auch bei den anderen sah.“

Aus „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertész

Überleben durch Anpassung, durch das Annehmen eines nicht gewählten Schicksals.

Es gibt einen Mitgefangenen, der ihm eine Art Mentor ist, der sich um ihn kümmert, damit er mit dem Lagerleben klar kommt, Bandi Citrom. Dessen oberste Regel ist, sich nicht gehen zu lassen, sich zu waschen und sich die Essensration gut einzuteilen.

„Ich hätte es nämlich nie geglaubt, und doch ist es eine Tatsache: Nirgends ist eine gewisse Ordnung in der Lebensführung, eine gewisse Mustergültigkeit, ja Tugend offensichtlich so wichtig wie in der Gefangenschaft.“

Aus „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertész

Es geht kurze Zeit gut und dann fängt es an, schlechter zu werden, das Essen wird weniger, die Kraft schwindet, die Gedanken werden auch bei dem Jungen dunkler. Er schreibt von der willkürlichen Gewalt und dem andauernden Hunger und von seiner Erschöpfung, die auch Vernachlässigung der vorher von Bandi Citrom aufgestellten Regel beinhaltet. Dieser ist es, der ihn zur Krankenstation bringt, als es nicht mehr anders geht.

Hier ist schon erkennbar, wie weit György von sich entfernt ist und doch schafft er es, immer noch positiv zu berichten, was nicht Zeichen von Naivität ist, sondern für ihn vermutlich die einzige Möglichkeit, dieses Grauen durchzustehen.

„Die Zeit verging im Krankenhaus leicht: Wenn ich nicht gerade schlief, beschäftigten mich Hunger, Durst, der Schmerz in der Wunde, da und dort eine Unterhaltung oder das Ereignis der Behandlung – aber auch ohne Beschäftigung, ja, ich darf sagen: gerade dank des angenehm kribbelnden Bewusstseins davon, dank dieses unversiegbare Freude bietenden Privilegs befand ich mich sehr wohl.“

Aus „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertész

Er hat Glück, in Buchenwald kommt er auf eine Krankenstation und bleibt dort bis zur Befreiung und überlebt.

Dieses Buch hat so viele Gedanken in mir hervorgebracht und so ganz sortieren kann ich sie immer noch nicht. Es hat mich mitgenommen und ich konnte diese Naivität teilweise nicht verstehen, aber letztendlich hat dieser Charakterzug ihn vermutlich überleben lassen. Er hat dieses nicht gewählte Schicksal gelebt und musste es akzeptieren, damit zu leben, einfach um überhaupt weiterleben zu können. Denn das beschreibt er gut, er kann das, was geschehen ist, nicht einfach vergessen.

„Aber wir wollen es nicht übertreiben, denn gerade da ist ja der Haken: Ich bin da, und ich weiß wohl, dass ich jeden Gesichtspunkt gelten lasse, um den Preis, dass ich leben darf. Ja, und wie ich so über den sanft in der Abenddämmerung daliegenden Platz blicke, die vom Sturm geprüfte und doch von tausend Verheißungen erfüllte Straße, da spüre ich schon, wie in mir die Bereitschaft wächst und schwillt: Ich werde mein nicht fortsetzbares Dasein fortsetzen.“

Aus „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertész

Hinzu kommt, es ist ein Junge von 14 Jahren und ich sitze mit den Gedanken und Erfahrungen einer fast 60-Jährigen hier, das kann gar nicht als Vergleich gelten. Er hat das in der Situation beste für sich getan und überlebt und das war es, worum es ging. Am Ende ist er ein gereifter Mensch, in dem Augenblick dann zu alt für sein Alter und er weiß, dass er mit dem Erlebten sein ganzes Leben verbringen muss.

„Roman eines Schicksallosen“ ist in der Tat ein ungewöhnliches Buch, kein wirklicher Roman, auch wenn es eine fiktive Erzählung ist, mit der Imre Kertész den „Lagerromanen“ etwas entgegengesetzt hat.

Ich habe das Buch nicht allein gelesen, sondern mit Michaela Frankenberger und ich kann es nur empfehlen, dieses Buch mit jemandem zu lesen. Der Austausch war wichtig, um zum einen darüber zu sprechen und gleichzeitig auch den Schmerz beim Lesen gemeinsam zu durchleben. Es war gut, dieses Buch zu lesen, hat es doch eine andere Sicht eröffnet und den Fokus auf den Aspekt der Schicksallosigkeit gesetzt. Es wurde ihm und all den anderen aufgezwungen, es war keine freie Wahl und deshalb ist es auch wichtig, dass es nicht verdrängt oder vergessen wird, was damals geschah.

Eine Leseempfehlung, definitiv!

Über den Autor:

Imre Kertész wurde 1929 in Budapest geboren. Als 14-Jähriger wurde 1944 er nach Ausschwitz und Buchenwald deportiert und konnte nach seiner Befreiung 1945 nach Budapest zurückkehren. Bevor er als freier Schriftsteller arbeitete, war er Journalist, Arbeiter in einer Fabrik und in der Pressestelle eines Ministeriums tätig. Geld verdiente er als Schriftsteller zunächst mit dem Schreiben von Musical- und Theatertexten. „Schicksallosigkeit“ war sein erster Roman, der erst richtig bekannt wurde in der Neuübersetzung „Roman eines Schicksallosen“. 2002 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er war zweimal verheiratet. 2016 starb er in seiner Heimatstadt Budapest, in die er 2012 zurückgekehrt war.

Über die Übersetzerin:

Christina Viragh wurde 1953 in Budapest geboren und wuchs in der Schweiz auf. An der Universität Lausanne studierte sie Philosophie, Französisch und Deutsche Literatur. Sie ist korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und Übersetzerin von u. a. Péter Nádas, Sándor Márai, Imre Kértesz, Henri Alain-Fournier. 2012 gewann sie den Preis der Leipziger Buchmesse in der Rubrik „Übersetzungen“, den Europäischen Übersetzerpreis und, zusammen, mit Péter Nádas, den Brücke-Berlin-Preis. Heute lebt und arbeitet sie als Autorin und Übersetzerin in Rom.

Informationen zum Buch
Buchtitel: Roman eines Schicksallosen
Autorin: Imre Kertész
Übersetzerin: Christina Viragh
Erscheinungsdatum: 01. Oktober 1999
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag
ISBN: 978-3-499-22576-5

PS: Dieses Buch ist selbst gekauft und ich kaufe Bücher am liebsten in kleinen, inhabergeführten Buchhandlungen. Bei den meisten Buchhandlungen ist es auch möglich, online zu bestellen, sie sind also auf jeden Fall eine Alternative zu den großen Online-Shops. Online bestellen und in der Buchhandlung abholen oder direkt nach Hause liefern lassen, auch eBooks können direkt bei der Buchhandlung deiner Wahl online gekauft werden. Dieses Buch habe ich in der Hohenlimburger Buchhandlung in meinem Heimatort gekauft. #SupportYourLocalBookshop

Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.

Die Autorin Lily Brett nimmt in ihren Bücher immer wieder das Thema Holocaust auf und erzählt aus der Perspektive eines Kindes, das mit Eltern aufgewachsen ist, die das Grauen überlebt haben und welche Auswirkungen das auf die Generation der Kinder hat. Traumata werden vererbt und es ist nicht leicht, damit zu leben. Lily Brett hat einen sehr ungewöhnlichen Erzählstil. Empfehlen kann ich dir zum Beispiel „Lola Bensky“ oder „Chuzpe“.

In „Das Haus auf dem Wasser“ erzählt Emuna Elon von einem Mann, der sich als Erwachsener auf die Suche nach seiner Familie macht. Es wird nicht nur über seine Suche geschrieben, sondern geschildert, wie es war zur Zeit der deutschen Besetzung der Niederlande und jüdische Kinder bei wildfremden Menschen versteckt wurden.

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