Aktualisiert am 25. November 2025 von Antje Tomfohrde
übersetzt von Lisa Mensing
Was tust du, wenn plötzlich 20.000 Elefanten in der Landeshauptstadt auftauchen und dein Job ist Bundeskanzler? Um dieses Gedankenspiel dreht sich „Das Geschenk“ von Gaea Schoeters.
Wovon handelt der Roman?
„Mitten in der Spree badet ein Elefantenbulle. Gemächlich lässt er seinen behäbigen Körper ins Wasser sacken, geht in die Knie und verschwindet unter der Wasseroberfläche. Kurz denkt der Mann, er hätte sich das gerade eingebildet, der Alkohol muss sein Gehirn vernebelt haben, doch da taucht das Tier schon wieder auf; die großen Ohren hängen ihm wie zwei dünne, feuchte Putzleder am Kopf.“
Aus „Das Geschenk“ von Gaea Schoeters
So beschaulich beginnt der erste Tag der neu hinzugezogenen 20.000 Elefanten in Berlin, zumindest für die Elefanten. Für den Bundeskanzler, Hans Christian Winkler, wird die Nachricht, dass es tierische Neuankömmlinge gibt, zum Kickstart in den Tag.
Zunächst einmal ist nicht bekannt, woher die Tiere kommen und es wird in alle Richtungen ermittelt bis klar wird, dass der botswanische Präsident die Elefanten als Geschenk gesendet hat. Damit möchte er dafür sorgen, dass die Bundesrepublik kein Gesetz verabschiedet, dass die Einfuhr afrikanischer Jagdtrophäen beschränkt bzw. ganz verbietet – eine Art Learning by doing.
„Ihr Europäer wollt uns vorschreiben, wie wir zu leben haben. Vielleicht solltet ihr einfach mal selbst versuchen, mit Megafauna zurechtzukommen. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, Deutschland zwanzigtausend Elefanten zu schenken.“
Aus „Das Geschenk“ von Gaea Schoeters
Und damit geht das Theater los: die Elefanten müssen als Maskottchen geframt werden, es muss Nahrung beschafft werden und dann muss dafür gesorgt werden, dass die Endprodukte der Verdauung entsorgt werden usw. usw. usw. Ein eigens geschaffenes Elefantenministerium wird besetzt.
Die Elefanten sorgen für ordentlich Chaos im Regierungsbetrieb und helfen nicht dabei, die Nicht-Regierungsparteien in Schach zu halten. Denn natürlich wird von der Gegenseite versucht, jedes kleine Malheur für sich auszuschlachten und den politischen Gegner bloßzustellen.
Wie hat mir „Das Geschenk“ gefallen?
Das Buch ist ein großer Spaß! Eine Satire erzählt auf Grundlage einer wahren Begebenheit, denn der botswanische Präsident hatte tatsächlich davon gesprochen, Deutschland 20.000 Elefanten zu schicken, wenn die Gesetzgebung verschärft würde.
Für Gaea Schoeters Grund genug, aus diesem auf dem Silbertablett präsentierten Stoff, diese politische Satire zu schreiben. Allein die Vorstellung, im Morgengrauen leicht angeschickert auf dem Heimweg im Fluss badende Elefanten zu treffen, ist schon skurril!
Kein Wunder, dass Bundeskanzler Hans Christian Winkler sich Rat bei seiner Amtsvorgängerin und Mentorin Erika Lange holt, um wieder Herr der Lage zu werden. Zum Glück erkennt Erika Lange den Ernst der Lage: „Was hattest du denn gedacht? Wir schaffen das. Elefanten sind keine Flüchtlinge. Das hier ist kein Problem der Wahrnehmung, sondern ein echtes Problem. Das kann man nicht mit ein bisschen Propaganda aus der Welt schaffen.“
Und somit ist klar, wer Erika Lange ist und allein das ist ja schon großartig, wie unsere ehemalige Bundeskanzlerin in den Roman eingebaut wird und schön den Spiegel vorhält wie es sich für eine anständige Parabel gehört. Besonders die Elefantenministerin und das Angela-Merkel-Pendant spielen da ihre Rolle gut.
Es läuft natürlich nicht alles nach Plan, aber auf einen grandiosen Showdown hinaus.
„Obwohl es in seinem Arbeitszimmer warm ist, kann er das Fenster nicht öffnen: Die Müllabfuhr kommt nicht mit der Arbeit hinterher, und die ganze Stadt stinkt nach Elefantenscheiße. Die widerwärtigen Schwaden der halbverdauten Pflanzenreste vermischen sich mit dem süßlichen Duft von Blumen, modernden Blättern, verrottendem Holz und feuchter Erde; Berlin riecht wie ein Treibhaus, auf das die Sonne knallt. Die tropischen Samen im Elefantendung haben sich in der ganzen Stadt verteilt, und invasive Arten haben Brücken, Gebäude und Wege überwuchert.“
Aus „Das Geschenk“ von Gaea Schoeters
Kurzum, ich habe mich gut unterhalten gefühlt. Gaea Schoeters schafft es, den schmalen Grat zwischen Klamauk und intelligenter Satire ohne aus der Balance zu geraten zu gehen. Einziges Manko ist, dass das Buch nur 144 Seiten hat und ich ein Nicht-KI-Cover schöner gefunden hätte, aber das ist Meckern auf hohem Niveau.
Leseempfehlung!
Über die Autorin:
Gaea Schoeters wurde 1976 in Sint-Niklaas geboren. Sie ist eine flämische Autorin, Journalistin, Librettistin und Drehbuchautorin und schrieb u. a. Kinderbücher und Reiseberichte. 2012 hat sie den Großen Preis Jan Wauters für ihren kreativen Umgang mit Sprache gewonnen. Für ihr literarisches Debüt „Trophäe“ wurde sie mit dem Literaturpreis Sabam for Culture ausgezeichnet.
Über die Übersetzerin:
Lisa Mensing lebt und arbeitet in Münster als Literaturübersetzerin und Literaturwissenschaftlerin. In Utrecht und Münster hat sie Interdisziplinäre Niederlandistik und Literarisches Übersetzen studiert. Sie übersetzt Prosa, Theaterstücke, Kinder- und Jugendliteratur und Poesie aus dem Niederländischen.
Außerdem schreibt sie Gutachten für verschiedene Verlage und hat 2024 den Förderpreis des Literaturpreises der Kunststiftung NRW – Straelener Übersetzerpreis für ihre Übersetzung von Caro Van Thuynes „Birkenschwester“ gewonnen.
Übersetzerin: Lisa Mensing
Autorin: Gaea Schoeters
Erscheinungsdatum: 22.07.2025
Verlag: Zsolnay Verlag
ISBN: 978-3-552-07574-0
PS: Dieses Buch ist selbst gekauft und ich kaufe Bücher am liebsten in kleinen, inhabergeführten Buchhandlungen. Bei den meisten Buchhandlungen ist es auch möglich, online zu bestellen, sie sind also auf jeden Fall eine Alternative zu den großen Online-Shops. Online bestellen und in der Buchhandlung abholen oder direkt nach Hause liefern lassen, auch eBooks können direkt bei der Buchhandlung deiner Wahl online gekauft werden. Dieses Buch habe ich in der Hohenlimburger Buchhandlung in meinem Heimatort gekauft. #SupportYourLocalBookshop
Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.
„Trophäe“, das Debüt von Gaea Schoeters, habe ich noch nicht gelesen, aber du findest bei Valerie Wagner eine Rezension dazu.
Die Übersetzerin von „Das Geschenk“ und „Trophäe“, Lisa Mensing, war bei Valerie Wagner und mir im Die Bücherstaplerinnen Podcast zu Gast, um über ihre Arbeit als Übersetzerin zu sprechen. Hör dir die Folge gerne einmal an.
