Wie ein Alltagsgeschichtsbuch der DDR -Selbstregulierung des Herzens von Peggy Mädler

Das Buch Selbstregulierung des Herzens von Peggy Mädler, erschienen bei Galiani Berlin, liegt aufrecht auf einer verwitterten Steinplatte, an deren oberem Rand Gras und Moos wachsen. Das Cover zeigt in Grün- und Blautönen einen dämmrigen Garten mit Tisch und Stühlen vor einem Zaun; Titel in Weiß, Autorinnenname in Gelb.

Aktualisiert am 26. September 2026 von Antje Tomfohrde

„Selbstregulierung des Herzens“ hätte ich vermutlich ohne den Deutschen Buchpreis 2026 gar nicht so sehr wahrgenommen. Und das wäre schade gewesen, ist es doch für mich als Westdeutsche so etwas wie ein Alltagsgeschichtsbuch und gewährt einen Blick in das Leben in der DDR und der Nachwendezeit.

Worum geht es?

Der alte Fritsch, Georg, Mona, Marlies, Roland, Konrad, Helga, Annelie und noch ein paar weitere Menschen sind eine Wochenenddorfgemeinschaft, die sich wie zufällig in einem Dorf in der Nähe von Berlin zusammenfindet. Alle haben sie dort im Ländlichen ein Refugium fürs Wochenende gefunden. Sie bauen sich eine sogenannte „Datsche“, um auf dem Land Erholung zu finden.

„Ein eigener Ort im Grünen für den Rückzug, für ein bisschen Freiheit inmitten des umzäunten Landes oder einfach für die Erholung an den Wochenenden, die Fritsch nicht länger in Berlin verbringen wollte.“

Aus „Selbstregulierung des Herzens“ von Peggy Mädler

Peggy Mädler beginnt ihre Erzählung damit, wie der alte Fritsch (damals noch nicht alt) das Stück Land entdeckt, und immer mehr Menschen dorthin finden. Es ist Anfang der 60er Jahre. Der Prager Frühling und alles, was danach passiert, sind noch nicht geschehen. Eine Aufbruchstimmung ist zu spüren, die Deutsche Demokratische Republik ist noch jung und muss sich erst noch finden.

Georg ist so schlau, dass er zum Studium „delegiert“ wird und erst einmal Ökonomie studiert, sich aber besonders für Kybernetik und die aufkommenden Rechnersysteme interessiert.

Er lernt Roland kennen, der langsam aber sicher gegen das System aufbegehrt und irgendwann flieht. Marlies, die versucht, es von innen heraus zu verbessern. Mona, die Künstlerin, die mit Konrad und anderen Freigeistern ein Häuschen im Dorf hat, um ein freieres Leben führen zu können.

All diese Menschen stehen für diese Zeit und das Leben in der DDR. Mit der Schilderung der Höhen und Tiefen ihrer Einzelschicksale und Verwebungen untereinander erzählt Peggy Mädler auch die Geschichte der DDR und es wird klar, welche Rolle das wiederkehrende Motiv der Selbstregulierung und der Kybernetik darin spielt.

„Auch das Herz ist ein dynamisches, sich selbstregulierendes System, das kollabiert, wenn es nicht mehr richtig pumpen kann.“

Aus „Selbstregulierung des Herzens“ von Peggy Mädler

Wie hat mir „Selbstregulierung des Herzens“ gefallen?

Zugegebenermaßen fand ich den Titel „Selbstregulierung des Herzens“ und die Kombination mit Kybernetik erst ein wenig gewollt und hatte Probleme, in das Buch zu finden, was aber auch daran lag, dass ich es auf dem eReader begonnen hatte.

Mit dem Papierbuch fiel es mir gleich viel leichter, in die Geschichte zu kommen. Sie wird mit einem Blick zurück erzählt. Die DDR ist längst Geschichte und auch die Protagonist*innen sind mit dem alten Staat in die Jahre gekommen und blicken zurück auf ihr Leben.

„Wie viele Menschen dir im Leben nachhängen, auf dich einwirken und abfärben, dir im Kopf herumspuken, selbst wenn sie wie ein Land aus deinem Leben verschwunden sind. Welche Variationen deiner selbst möglich sind, je nachdem, wem du begegnest, auf welche Weise du mit einer Umgebung in Kontakt kommst.“

Aus „Selbstregulierung des Herzens“ von Peggy Mädler

Am Anfang ist gerade bei Georg, Roland und Marlies viel Optimismus zu spüren. Sie wollen dabei sein, den neuen Staat mit aufbauen und versprühen viel Diskussionsfreude, wie zum Beispiel eine sozialistische Planwirtschaft funktionieren und etwas wie die Kybernetik dazu beitragen kann. Bei der Kybernetik geht es um die Regulation von komplexen Systemen, wie zum Beispiel Maschinen, Menschen, aber auch Staatsgebilden und Wirtschaftssystemen.

Dieser Schwung kippt, als sich die politischen Bedingungen ändern. Die Folgen der Niederschlagung des Prager Frühlings lassen nicht auf sich warten und man merkt, dass auch im Leben der Figuren etwas kippt. Sie müssen sich entscheiden, wie sie im System leben wollen, sich anpassen, einrichten und dagegen arbeiten. Widerstand ist teuer, bedeutet Ausschluss von möglichen Bildungswegen, eine Art gesellschaftlicher Ächtung. Roland wählt die Flucht in den Westen, und auch diejenigen, die mit ihm befreundet waren, stehen danach unter besonderer Beobachtung, so wie Marlies und Georg.

Der Staat kontrolliert das Leben seiner Bürger, die Gesinnung bzw. die bestmögliche Anpassung ans System entscheidet über ein Weiterkommen oder zumindest ein ruhiges Leben. Und doch gibt es verschiedene Stufen der Anpassung. So kann zum Beispiel Konrad freischaffend arbeiten und auch für seine Partnerin Mona ergeben sich Möglichkeiten. Auch das ist eine Art von Selbstregulierung: Wie passen sich die einzelnen Individuen an ein System an, auch wenn sie unter Umständen gar nicht hineinpassen.

Konrad und Mona sind die beiden Personen, die auf der einen Seite weit voneinander entfernt wirken, aber trotz der unterschiedlichen Lebensentwürfe ganz nah beieinander sind. Ein roter Faden, der sich durchs Buch zieht. Beide reflektieren ihr Leben und ihre Rollen im Staat und vergessen dabei nicht, nach rechts und links zu schauen und haben einander immer im Blick.

„Unter der Haut war Georg einer, der noch lange die Koexistenz und Konkurrenz zweier Systeme im Herzen trug, an Kapitalismus dachte, wenn er von Sozialismus sprach, und umgekehrt. Dabei war ihm der Sozialismus über die Jahre zunehmend gleichgültig geworden. Erst als unter den Vokabeln Glasnost und Perestroika von einer neuen Offenheit und Umgestaltung die Rede war, verspürte er wieder Hoffnung.“

Aus „Selbstregulierung des Herzens“ von Peggy Mädler

Peggy Mädler gibt mir als Westdeutscher einen Einblick in ein Leben, in einen Staat, den ich nur aus der Außenbetrachtung kenne. Meine Familie hatte keine Verwandten im Osten, Kontakte mit der DDR gab es höchstens mal im Urlaub an der Ostsee oder auf einer Klassenfahrt, wo die Grenze zum anderen Deutschland in greifbarer Nähe war, aber Menschen von dort habe ich erst nach der Wende kennengelernt. Georg, Mona, Konrad, Marlies sind beispielhaft für die Menschen, die in diesem anderen Deutschland gewohnt haben, von deren Lebensrealität ich nicht viel wusste.

Es ist eine Freude, diese Menschen in diesem Buch zu begleiten, ihre pragmatische Art und ihr Organisationstalent, was gleich ganz am Anfang deutlich wird, als alte Türen als Zwischenwände in den Datschen herhalten müssen. Man hilft sich untereinander, einer kennt jemanden, der jemanden kennt, der etwas organisieren kann, das gebraucht wird, das die Planwirtschaft so aber nicht zur Verfügung stellen kann.

Auch das ganz normale Zwischenmenschliche kommt nicht zu kurz, es wird geliebt, gestritten, sich entliebt und es gibt die vielen Feste, besonders bei Mona und Konrad, auch das ist da und macht das Bild gleich viel runder. Es wird nicht nur ein Ausschnitt gezeigt, sondern das Leben als 360-Grad-Ansicht, auch beim Niedergang und der Auflösung der DDR.

„Wie arbeitete man ein Unrechtssystem auf? Unrecht und Gewalt in persönlichen Beziehungen? Wie war es möglich, ein Sprechen darüber zu lernen? Letztlich wurden nicht nur Betriebe privatisiert, dachte Mona an diesem Abend, letztlich wurde auch die Aufarbeitung privatisiert, mit all ihren Fragen und Erfahrungen blieben sie allein, nicht mal am Familientisch oder unter Freunden ließen sich immer Worte finden.“

Aus „Selbstregulierung des Herzens“ von Peggy Mädler

Das war ein harter Einschnitt. Wieder wurde alles auf den Kopf gestellt und in einer rasanten Geschwindigkeit umgestellt. Daran kann ich mich gut erinnern und ich habe viel Aufbruchsstimmung damals gespürt, hatte aber manchmal das Gefühl, dass es alles sehr schnell ging, vielleicht zu schnell. Auch war es bestimmt nicht leicht und ist es immer noch nicht, damit zu leben, dass der nette Nachbar von nebenan oder die Verkäuferin beim Bäcker Informationen an die Stasi weitergegeben hat. Wie kann so ein staatlich initiierter Vertrauensbruch heilen? Geht das überhaupt in einer Generation oder wie lange dauert es, bis das Vertrauen in staatliche Institutionen und in die Gemeinschaft wieder da ist?

Da hat mich Peggy Mädler voll erwischt, denn besonders die Nachwendezeit stellt mich heute oft vor die Frage, was wir anders hätten machen müssen, damit die Entwicklung anders verlaufen wäre. Wobei der Rechtsruck ein gesamtdeutsches Problem ist und ich immer noch eine Gänsehaut verspüre, wenn ich die Bilder vom Mauerfall damals sehe. Wer hätte damals diese Entwicklung sehen können?

„Es gibt Ereignis- und Knotenpunkte in der Zeit, die sich schon im Moment des Erlebens nach Geschichte anfühlen. Nach einem Wendepunkt. Auch wenn sie später vielleicht von anderen Wendepunkten überlagert werden, einmal mehr die Richtung wechseln.“

Aus „Selbstregulierung des Herzens“ von Peggy Mädler

Ein Teil unserer Geschichte war nicht gemeinsam und es ist wichtig, daran immer wieder zu erinnern, denn das prägt uns als Volk in Gänze.

„Selbstregulierung des Herzens“ hat mich ganz langsam erobert, es ist wie ein Alltagsgeschichtsbuch, das das Leben der Menschen in der DDR greifbar macht für uns Zaungäste aus dem Westen. Auch sprachlich hat es mich durch eine ruhige, unaufgeregte Sprache angesprochen. Für mich steht es zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2026.

Über die Autorin:

Peggy Mädler wurde 1976 in Dresden geboren. Sie studierte Theater-, Kultur- und Erziehungswissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin und promovierte in Kulturwissenschaften. Als freie Autorin und Dramaturgin arbeitet sie bundesweit mit verschiedenen Theatern, Regisseur*innen und Performancegruppen zusammen. Mit „Legende vom Glück des Menschen“ erschien 2011 ihr erster Roman. „Wohin wir gehen“ wurde 2019 mit dem Fontane-Literaturpreis der Fontanestadt Neuruppin und des Landes Brandenburg ausgezeichnet. „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ hat sie gemeinsam mit Annett Gröschner und Wenke Seemann 2024 geschrieben und allein wegen des Titels muss ich es irgendwann noch lesen. „Selbstregulierung des Herzens“ steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2026. Die Autorin lebt in Berlin.

Informationen zum Buch
Buchtitel: Selbstregulierung des Herzens
Autorin: Peggy Mädler
Erscheinungsdatum: 12. Februar 2026
Verlag: Galiani Verlag
ISBN: 978-3-86971-335-9

PS: Vielen Dank an den Verlag Kiepenheuer & Witsch, der mir über NetGalley ein kostenloses Rezensionsexemplar des Buches zur Verfügung gestellt hat!

Ob mir ein Buch kostenlos als Leseexemplar zur Verfügung gestellt wurde, ich es geliehen, geschenkt bekommen oder selbst gekauft habe – all dies hat keinen Einfluss auf meine Rezension. Meine Rezensionen geben allein meine Meinung wieder, die ich mir während des Lesens gebildet habe.

Ein weiteres Buch, in dem es um die Wendezeit geht, ist „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ von Daniela Krien. Es ist anders als „Selbstregulierung des Herzens“, hat mir aber auch richtig gut gefallen. Es erzählt vordergründig von einer unmöglichen Beziehung und hintergründig viel Wendegeschichte.

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