Mit beiden Händen den Himmel stützen von Lilli Tollkien

Zwei Hände mit dunkelblau lackierten Nägeln halten das Buch »Mit beiden Händen den Himmel stützen« von Lilli Tollkien gegen einen blauen Himmel mit weißen Wolken; am unteren Bildrand grüne Blätter. Das Cover zeigt in malerischem Stil ein Frauengesicht in warmen Erd-, Rot- und Grüntönen.

Aktualisiert am 11. Oktober 2026 von Antje Tomfohrde

Manche Bücher berühren nicht, sie reißen etwas auf. Um Lilli Tollkiens Roman „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ bin ich herumgeschlichen und hatte immer wieder überlegt, ob ich ihn lese oder nicht. Das Buch ging von der Inhaltsangabe weit über das hinaus, was ich lesen möchte, wenn ein Buch von einem Kind handelt. Dann kam die Longlist des Deutschen Buchpreises 2026 und es war für mich klar, dass ich nicht nur so viele Bücher wie möglich lesen möchte, die auf dieser Liste stehen, sondern ganz explizit dieses Buch. Ja, für mich war es sogar aufgrund der Leseprobe ein Kandidat für die Longlist, trotz oder gerade wegen der Geschichte, die es erzählt.

Triggerwarnung: Es geht im Buch um Vernachlässigung, verbale, psychische und sexualisierte Gewalt, Alkohol- und Drogenmissbrauch.

Worum geht es in dem Buch?

„Das Fruchtwasser, von dem ich täglich einen halben Liter trinke, schmeckt süß, denn meine Mutter ernährt sich von Haribo-Colorado. Sie klammert sich an den Zucker, braucht ihn als Ersatz für das Heroin, auf das sie zu verzichten versucht, jetzt, da sie mit mir schwanger ist.“

Aus „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien

Lales Start ins Leben ist nicht optimal. Ihre Mutter kann leider nicht vom Heroin lassen und sich um ihr Kind kümmern. So landet Lale nach einer Zwischenstation im Kinderheim in einer Männer-WG in Berlin-Kreuzberg, in der Revolutionen geplant werden, das Ideal der freien Liebe hochgehalten wird und jede Menge Alkohol und andere Drogen konsumiert werden. Es gibt keine Regeln, aber 700 Mark für Karlheinz, Lales Pflegevater, der ein Kumpel von ihrem Vater ist, der gerade im Gefängnis eine Strafe verbüßt.

„Es gab keine Verbote, ich durfte wach bleiben, solange ich wollte, durfte auf Matratzen springen, Nutella-Brote essen und Fernsehen und Fanta, so viel ich konnte. „Ihr könnt mir ruhig mal etwas verbieten“, soll ich später gesagt haben, ein running gag bei den Erwachsenen.“

Aus „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien

Nachdem er die Haftstrafe abgesessen hat, zieht auch Lales Vater in die WG ein und zusammen reisen alle für eine Weile nach Nicaragua, um dort eine Schule zu bauen und die Sandinisten zu unterstützen.

Nach der Rückkehr leben sie weiter wie vorher, Lale freundet sich mit Lina aus der ersten Etage an und irgendwann geht es dann endlich in die Schule.

„Die Schule ist mein Anker. Alle Abläufe wiederholen sich, und es gibt eindeutige Regeln. Die Klassenlehrerin ist immer nüchtern, und alles scheint einem beruhigenden Plan zu folgen, die Stuhlkreise, die Schulmilch, die Hofpausen und das Lesen in der bunten Fibel. Das Beste aber ist die Normalität der anderen oder das, was ich mir darunter vorstelle.“

Aus „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien

In dieser Umgebung wird Lale groß und sucht ihren Weg in ein eigenes Leben.

Wie hat mir „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ gefallen?

Es fällt mir schwer, auf die Frage, ob und wie mir das Buch gefallen hat, einfach nur mit „gut“ oder „sehr gut“ zu antworten. Gut, sehr gut, großartig, ein fantastisches Debüt, ja, all das stimmt, aber wird dem Buch nicht gerecht. „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist ein autofiktionaler Roman, d. h. hier erzählt und verarbeitet die Autorin ihre Kindheit, Jugend und den Weg in ihr jetziges Leben.

Sie öffnet eine Tür in ihr Leben und schenkt uns Leser*innen großes Vertrauen damit. Eine solche Lebensgeschichte zu lesen, macht etwas mit einem, vielleicht reißt sie auch eigene Wunden auf, Erinnerungen an unschöne Erlebnisse, die aufgrund von zu viel Alkoholkonsum Erwachsener passierten. Es ist eine Menge Leben, die beim Lesen auf einen einprasselt, eher wie ein Sturm, nicht wie ein sanfter Nieselregen.

Es ist eine Geschichte, die weh tut und bei der ich zwischendurch so oft wütend war, weil ein Kind in einem solchen Umfeld aufgezogen werden durfte (und weil es so viele Kinder gibt, die in emotionaler Verwahrlosung aufwachsen müssen). Lale durfte nicht Kind sein, wie Kinder es sein sollten. Und es wäre zu einfach, die Erwachsenen, mit denen sie zusammengelebt hat, als große Kinder zu bezeichnen. Das waren sie in meinen Augen nicht, sie waren verantwortungslos und das macht mich im Moment des Schreibens schon wieder unglaublich wütend.

Lale hat schon ganz früh selbst für sich Verantwortung übernehmen müssen. So war sie es, die dafür sorgen musste, pünktlich aufzustehen, um zur Schule zu gehen. Sie hatte keine Vorbilder, von deren Verhalten sie lernen konnte, wie ein halbwegs normaler Umgang mit anderen funktioniert. Sie wurde nicht als Kind behandelt, das einfach mal nicht mitbekommen muss, dass die Typen ständig neue Liebschaften mit in die Wohnung brachten, dass sie im Badezimmer Privatsphäre hat und dass ein Kind beschützt werden muss und auf gar keinen Fall missbraucht werden darf.

Es gibt eine Stelle im Buch, die die fehlende Übernahme von Verantwortung bzw. das Übertragen von Verantwortung auf Lale glasklar macht und das unfassbare Verhalten der Erwachsenen und in diesem Fall von ihrem Vater zeigt:

„Ich musste ins Heim“, sage ich, „weil du nicht mehr da warst.“

Aber mein Vater winkt ab. „Du bist ins Heim, weil du das Pferdebetäubungsmittel deiner Mutter geschluckt hast.“

Aus „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien

Einem Kleinkind wird die Schuld daran gegeben, ins Heim gekommen zu sein. Wie unreflektiert und was für ein Arschloch kann man sein?

„Wo eben ein sicherer Hafen war, ein Erwachsener, dem ich vertraute, konnte plötzlich ein glitschiger Steg sein. Die Wellen im Wohnzimmer waren Karlheinz‘ Launen unterworfen und den Wirkungen unterschiedlicher Drogen, unwägbar die Zeichen an der Wasseroberfläche, die ich ununterbrochen zu deuten versuchte. Ein Spielplatz aus Kissen und Kabbelei, von einem Kiffer errichtet, konnte, wenn Kokain ins Spiel kam, zu einem Minenfeld werden, betrunkene Versprechungen waren schon nach einer Stunde, spätestens am nächsten Tag vergessen.“

Aus „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien

Lale schafft es tatsächlich, aus diesem Chaos herauszukommen und einen eigenen Weg zu finden. Das ist nicht leicht und es liegen viele Steine auf dem Weg, aber sie findet im Schreiben einen Weg sich auszudrücken oder vielleicht auch, das Chaos und die zugefügten Schmerzen aus sich herauszuschreiben.

Lilli Tollkien hat immer wieder Passagen im Buch, in denen sie einen Ausblick gibt auf ihr weiteres Leben und wie der Weg sein wird, den sie geht. Sehr reflektiert, sehr erklärend, erkennend, wie eine Draufsicht von einem Erzähl-Ich, das losgelöst auf das andere Erzähl-Ich blickt. Es ist eine Lale, die aus der Zukunft auf die jüngere Lale blickt:

„Ich werde Orte suchen, an denen das Grundrauschen lauter ist als mein innerer Tumult. Es wird mir zu laut sein in den zu Clubs umgebauten Kellern und leer stehenden Fabriketagen, in die es alle zieht, aber die Betäubung, die sich einstellt, werde ich als Entspannung deuten. In einem Café voller Menschen werde ich die enttäuschte Nuance in einem „vielleicht“ am anderen Ende des Raumes hören und nach einem Hörsturz werde ich von innen klingen, als würde ich mir einen alten Telefonhörer ans Ohr halten. Ich werde Jahrzehnte brauchen, um zu verstehen, dass ich keine Partys mag.“

Aus „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien

Insgesamt fällt mir zu dieser Kindheit in den 80ern ein, dass oft gesagt wird, dass es besser war und Kinder nicht so behütet aufgewachsen sind wie heute. Es gab aber auch viel, das diesen Kindern einfach zugemutet wurde und einem Kind wie Lale ganz besonders. Dieses Rauchen in der Gegenwart von Kindern, der überall präsente Alkohol und auch Bodyshaming. So kann ich mich an eine Stelle im Buch erinnern, wo einer der Herren sich über Lales Oberweite lustig macht und auch dass ihr als Kind gesagt wurde, dass sie zu fett sei. Das ist Bodyshaming und gleichzeitig null Reflexion, dass sie sich als Mitbewohner verdammt nochmal darum hätten kümmern müssen, dass Lale gesundes und regelmäßiges Essen bekommt und vor allem hätten sie auf dieses Kind achten müssen und darauf, dass sich niemand an ihr vergreift.

So sorglos oder wehmütig wir manchmal auf die 80er zurückblicken, es gab auch einiges an Schatten, an sozialem Schatten. Mir ist beim Lesen einiges wieder eingefallen, auf das ich heute als erwachsene Frau ganz anders blicke.

Neben seelischer Verwahrlosung ist da immer wieder der sexuelle Missbrauch, der angedeutet wird, und allein dabei hat sich mir beim Lesen schon alles zusammengezogen. Wieso kommen Erwachsene auf den Gedanken, dass sie einem Kind so etwas antun dürfen?

„Ich sage nicht, dass ich seit dem Einbruch in meinen Körper keine Türen mehr habe. Dass ich mich nicht sicher fühle. Ich erzähle ihr nichts von der Scham, die im Bauch entsteht, den Nacken hinaufkriecht und als Röte im Gesicht floriert.“

Aus „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien

Insgesamt der Umgang der Männer mit den Frauen, die sie mitbringen. Da ist viel Frauenverachtung dabei und Lale hat wenige weibliche Vorbilder, denn die Freundinnen der Männer wechseln ständig. Die Beziehung zu den Eltern schwierig (nett formuliert) und es ist ein Wunder, dass sie sich in ein eigenes Leben kämpfen konnte. Chapeau!

„Das Schreiben wird ein Zuhause sein. Es ist nicht, als ob ich schreibe, sondern ich schreibe.“

Aus „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien

Was für ein Buch!

Über die Autorin:

Lilli Tollkien wurde 1980 in Berlin geboren. Sie hat in Berlin und Heidelberg studiert, verschiedene Ausbildungen begonnen und in unterschiedlichen Berufen gearbeitet, u. a. als Suchtberaterin in der JVA. Nachdem Geschichten von ihr in Anthologien veröffentlicht wurden, erschien mit „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ihr Debütroman. Sie lebt mit ihren Kindern in Leipzig und fotografiert neben dem Schreiben.

Der Roman wurde für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2026 nominiert und ist Finalistin beim „ZDF-aspekte“ Literaturpreis 2026.

Informationen zum Buch
Buchtitel: Mit beiden Händen den Himmel stützen
Autorin: Lilli Tollkien
Erscheinungsdatum: 14. März 2026
Verlag: Aufbau
ISBN: 978-3-351-04284-4

PS: Dieses Buch habe ich geschenkt bekommen und ich weiß, dass die Person, die es mir geschenkt hat, es in der Buchhandlung hier im Ort gekauft hat. Das finde ich sehr schön, denn mir liegen besonders die kleinen, inhabergeführten Buchhandlungen am Herzen. Im Fall der Hohenlimburger Buchhandlung ist es so, dass sie eine gemeinnützige GmbH ist und wir nur aus diesem Grund noch eine kleine, aber gut sortierte Buchhandlung vor Ort haben. Da zählt jedes Buch. Suchst du also eine Buchhandlung, bei der du vor Ort gut beraten wirst und auch online bestellen kannst (ebooks zum sofortigen Download), kann ich dir auf jeden Fall die Hohenlimburger Buchhandlung empfehlen. #SupportYourLocalBookshop

Mir fällt ausnahmsweise mal kein Buch ein, das diesem Buch ähnlich ist bzw. in eine ähnliche Richtung geht. Natürlich gibt es viele Bücher, die ich dir empfehlen könnte, mein Blog ist voll mit Büchern. Zu diesem Thema fällt mir gerade tatsächlich nichts ein, auch wenn es bestimmt Erzählungen gibt.

Falls du aber ein weiteres Buch von der Longlist des Deutschen Buchpreises 2026 lesen möchtest, kann ich dir „Schleifen“ von Elias Hirschl empfehlen. Ich fand es großartig!

Mehr zum Deutschen Buchpreis 2026 findest du hier.

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