Aktualisiert am 17. Januar 2026 von Antje Tomfohrde
übersetzt von Miriam Neidhardt
„The Constant Rabbit“ wie „Wie die Karnickel“ von Jasper Fforde auf Englisch heißt, stand schon lange auf meiner Leseliste und so habe ich jetzt erst einmal mit Begeisterung die deutsche Übersetzung verschlungen.
Worum geht’s in dem Buch?
„Wie die Karnickel“ spielt in einer Parallelwelt zu der unsrigen in Großbritannien. Nach einem spontanen anthropomorphenden Ereignis vor einem halben Jahrhundert hatten sich unter anderem Kaninchen verschiedensten Herkunft vermenschlicht und waren plötzlich in der Lage zu sprechen und wie Menschen zu leben.
„Am 12. August 1965 war es in einer Vollmondnacht nach mehreren außergewöhnlich warmen Sommertagen unerwartet zu einem heftigen Schneegestöber gekommen und die untergehende Sonne hatte merkwürdig grün geschimmert. Im Umkreis von sechzehn Kilometern war Aluminiumfolie aus unerklärlichen Gründen angelaufen und hatte geglänzt wie Mineralöl auf dem Wasser. Achtzehn Kaninchen verwandelten sich durch das Ereignis über Nacht, nahmen eine halb menschliche Form an, gähnten – und baten um ein Glas Wasser sowie eine Karotte, und zwar mit den Worten: „Aber wirklich nur, wenn es keine Umstände bereitet.““
Aus „Wie die Karnickel“ von Jasper Fforde
Die Euphorie der Anfangszeit ist zu Beginn des Buches schon lange verflogen und es ist eher so, dass die Menschen versuchen, die Kaninchen zurückzudrängen und auszugrenzen. Als günstige Arbeitskräfte sind sie in den Fabriken gern gesehen, aber nicht im Stadtbild und im täglichen Leben. So wurden die Aufnahmekriterien für die Universitäten geändert und die ehemalige Studienkollegin des Ich-Erzählers Peter Knox, die plötzlich in der Bibliothek in Much Hemlock vor ihm steht, konnte ihr Studium nicht beenden.
„Für diesen Umschwung von Freude zu Ablehnung hatte es weniger als zwanzig Jahre gebraucht.“
Aus „Wie die Karnickel“ von Jasper Fforde
Mittlerweile lebt der Großteil der Kaninchen in Kolonien und nur noch sehr wenige außerhalb davon. Connie, Peters ehemalige Studienkollegin, und ihre Familie gehören zu den Kaninchen, die außerhalb der Kolonien leben dürfen. Und wie der Zufall es will, ziehen sie in das Haus neben Peter, das nach dem Tod des vorherigen Bewohners frei wird. Much Hemlock ist ein verschlafener Ort an der walisischen Grenze, wo alles seine Ordnung haben muss und Kaninchen von jeher argwöhnisch beäugt werden, leben sie doch so ganz anders mit ihrer veganen Ernährung und dem Hang zum Matriarchat.
Peter ist zwar kein Kaninchenhasser, arbeitet jedoch bei RabCoT, der Rabbit Compliance Taskforce, die sich um die Aufklärung von Kaninchenkriminalität kümmert. Erschwerend kommt hinzu, dass er in den Tod von einem von Connies Ehemänner verwickelt war. Es ist alles nicht ganz so einfach und wird auch nicht einfacher, wie sich schnell herausstellt.
Peters Tochter Pippa ist mit dem Sohn eines wahren Kaninchenhassers zusammen und freundet sich schnell mit Connies Tochter an, was die Sache verkompliziert. Peter wird arbeitstechnisch gezwungen, mehr Außendienst zu machen und es wird von Regierungsseite geplant, die Kaninchen im großen Stil in einen eigens durch Zäune und Mauern abgegrenzten Bereich (natürlich nach Wales) umzusiedeln, damit durch territoriale Begrenzung verhindert werden soll, dass die Kaninchen sich weiterhin so schnell vermehren, dass sie Großbritannien als Hauptspezies besiedeln, was ihnen von den Humansuprematisten zumindest unterstellt wird als angebliches Hauptziel.
„Im Land lebten schätzungsweise kaum eine Million vermenschlichte Kaninchen und nur rund 100.000 hatten das gesetzliche Recht, außerhalb des Zauns zu wohnen. Die restlichen Kaninchen durften sich laut gängiger Gesetzgebung nur innerhalb der Kolonien aufhalten und ihre Bewegungsfreiheit wurde durch eine Reihe von Genehmigungspflichten streng kontrolliert.“
Aus „Wie die Karnickel“ von Jasper Fforde
Peter muss sich entscheiden, ob er einfach zusehen will oder ob er sich auf eine der beiden Seiten schlägt.
Wie hat mir „Wie die Karnickel“ gefallen?
Der Guardian beschrieb „Wie die Karnickel“ als Ffordes relistischstes und ernüchternstes Buch und da stimme ich zu. Es ist sehr nach an unserer heutigen Realität und zwar leider nicht nur im Vereinigten Königreich, sondern in vielen europäischen Ländern und ganz weit voran den Vereinigten Staaten, wir bekommen es gerade live und in Farbe mit.
Fremdenhass, Rassismus und Intoleranz anderer Lebensweisen bestimmen das Handeln vieler Menschen und anderer vermenschlichter Tierarten, denn auch Wiesel und Füchse wurden zum Beispiel noch vermenschlicht bei diesem sonderbaren Ereignis vor einem halben Jahrhundert.
Jasper Fforde hat mit „Wie die Karnickel“ nicht nur eine Parallelwelt zu der unsrigen geschaffen, die mit wunderbaren Details gespickt ist. Er hält uns auch wenig subtil einen riesigen Spiegel vor, der zeigt, wie wir in den ach so aufgeklärten und vermeintlich toleranten westlichen Gesellschaften mit denen umgehen, die anders sind. Als Arbeitskräfte sind sie willkommen, aber bitte nur so, dass sie nicht das Stadtbild stören durch ihr anderes Aussehen und ihre andere Lebensweise.
Auf gar keinen Fall sollen soll etwas überschwappen davon oder sie sich breit machen im Land. Da hört dann die Freundschaft auf, falls sie je da war. Die Kaninchen übernehmen Arbeiten, die sonst niemand machen will und bekommen auch keinen guten Lohn dafür. Natürlich sind sie überqualifiziert für diese Jobs, aber das interessiert nicht wirklich, man ist eher genervt, dass sie zum Beispiel französische Literatur der britischen vorziehen. Parallelen zu taxifahrenden Ärzten oder Ingenieur*innen sind nicht nur zufällig. Mit jedem Satz ist die Nähe dieser Alternativwelt zu unserer Wirklichkeit spürbar.
Es ist eine politische Satire, eine fette Gesellschaftskritik, verpackt in einen mal wieder großartig erzählten Roman. Die Kleinigkeiten, die Details machen auch „Wie die Karnickel“ wieder zu einem besonders bemerkenswerten Buch.
Die Lage für die Kaninchen spitzt sich immer weiter zu und die ach so friedliebenden Dorfbewohner setzen ihnen immer mehr zu. Auch Peter wird immer mehr unter Druck gesetzt, wie wird er sich entscheiden? Es wird von Seite zu Seite spannender und am Ende anders als nach all den Andeutungen Peters vermutet.
Beim Lesen habe ich mich von Anfang an in den Kleinigkeiten verloren, beginnt es doch gleich mit dem sogenannten Speed Librarying, bei dem die Büchereibesucher*innen nur sechs Minuten Zeit haben für Rückgabe, Auswahl neuer Bücher und Ausleihen. Das ist minutiös durchgetaktet von Peter Knox, der diese Aufgabe ehrenamtlich übernommen hat und ganz in der Organisation aufgeht.
Den einzelnen Kapiteln sind kurze Einführungen zum jeweiligen Fokus des Kapitels vorangestellt und auch hier zeigt Fforde wieder seinen unerschöpflichen Ideenreichtum bzw. dick aufgetragene Ironie:
„Kaninchen waren noch nie gut darin, Menschen voneinander zu unterscheiden. Haarfarbe, Hautfarbe, Kleidung, Gang, Schmuck und Stimme waren hilfreich, doch oftmals mussten sie schlicht raten. In Tests konnten 82 Prozent der Kaninchen keinen Unterschied zwischen Brian Blessed und einem Gorilla ausmachen, wenn diese ähnlich gekleidet waren.“
Aus „Wie die Karnickel“ von Jasper Fforde
So geht er auf die Auswirkungen von zu viel Karotten ein, der Wirkung von Löwenzahnschnaps, der Reaktion nach dem Verzehr von Salatherzen und einer Vorliebe der Kaninchen für Duelle im Morgengrauen – freu dich auf viele, viele Details dieser Parallelwelt!
„Der Schnaps schmeckte nach Hustensaft, vermischt mit Sommerernte, Heidelbeeren und gesüßtem Farbverdünner. Anscheinend ohne negative Wirkung glitt er sanft meine Kehle hinab. Doch dann, wie ein Vulkan, der seit Jahrtausenden vor sich hin gebrodelt hat und plötzlich den unpassendsten Moment für den Ausbruch wählt, haute die Wirkung des Schnapses rein.“
Aus „Wie die Karnickel“ von Jasper Fforde
„Wie die Karnickel“ ist eine gelungene, mit viel Sprachwitz erzählte Satire, die sehr gut unterhält – ein Muss für Fforde-Fans.
Auch die Übersetzerin hat hier ganze Arbeit geleistet. Wer schon einmal ein Buch des Autors im Original gelesen hat, weiß um die auch im Englischen nicht weniger fantasievollen Wortschöpfungen. Der Titel ist gut gewählt, dick aufgetragen und dem Thema einen weiteren Spiegel vorhaltend.
Über den Autor:
Jasper Fforde wurde 1961 in London geboren und lebt in Wales. Er ist Kameramann und wurde mit der „Thursday-Next-Reihe“ als Autor bekannt. Danach schrieb er u. a. die Nursery-Crimes-Reihe, „Eiswelt“, Die Dragonslayer-Reihe (diese Jugendbuchserie wurde für Sky verfilmt) und die Farben-Trilogie, wovon der erste Teil „Shades of Grey“ und der zweite Teil „Red Side Story“ als „Grau“ und „Rot“ bei Eichborn erschienen (der dritte Teil wird sehnsüchtig erwartet).
Über die Übersetzerin:
Miriam Neidhardt hat 1998 ihr Diplom als Fachübersetzerin für Wirtschaft in der Erstfachsprache Englisch und der Zweitfachsprache Russisch an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz abgelegt. Sie arbeitet seitdem freiberuflich und übersetzt besonders gern Romane aus dem Englischen ins Deutsche und verfasste selbst zwei Ratgeber für Übersetzenden. Sie lebt mit ihrer Familie in Oldenburg.
Autor: Jasper Fforde
Übersetzerin: Miriam Neidhardt
Erscheinungsdatum: 1. September 2025
Verlag: Satyr Verlag
ISBN: 978-3-910775-35-0
PS: Dieses Buch ist selbst gekauft und ich kaufe Bücher am liebsten in kleinen, inhabergeführten Buchhandlungen. Bei den meisten Buchhandlungen ist es auch möglich, online zu bestellen, sie sind also auf jeden Fall eine Alternative zu den großen Online-Shops. Online bestellen und in der Buchhandlung abholen oder direkt nach Hause liefern lassen, auch eBooks können direkt bei der Buchhandlung deiner Wahl online gekauft werden. Dieses Buch habe ich in der Hohenlimburger Buchhandlung in meinem Heimatort gekauft. #SupportYourLocalBookshop
Wenn dir „Wie die Karnickel“ gefallen hat und du mehr von Jasper Fforde lesen möchtest, empfehle ich dir die Thursday Next Reihe. Schauplatz ist wiederum eine Parallelwelt zu der unsrigen und es dreht sich um die Literaturagentin Thursday Next. Sie verfügt über die Fähigkeit, in Romane springen zu können und ist so in der Lage, Literaturverbrechen zu verhindern und aufzuklären. Es geht los mit der Entführung Jane Eyre’s durch den Erzschurken Acheron Hades, den nur Thursday schon einmal gesehen hat und identifizieren kann. Schau dir meine Rezension des erstes Bandes „Der Fall Jane Eyre“ an und entscheide selbst, ob du es sofort lesen möchtest.
Wenn dir die Serie gefällt, gibt es noch fünf weitere Bände, die ins Deutsche übersetzt wurden. Nummer 7 gibt es bislang nur auf Englisch und im September 2026 soll Nummer 8 erscheinen.
Zum Buch gibt es auf der Website des Satyr Verlags ein Interview mit dem Autor, in dem er u. a. auf die politische Seite des Romans eingeht, du findest es hier.
