Aktualisiert am 7. Februar 2026 von Antje Tomfohrde
übersetzt von Brigitte Walitzek
Wie verändert sich Freundschaft im Alter und wie gehen wir mit dem Verlust von Freundinnen dann um? Fragen, um die sich „Ein Wochenende“ von Charlotte Wood dreht und die auch mich während des Lesens beschäftigt haben.
Wovon handelt das Buch?
Jude, Adele, Wendy und Sylvie feiern schon seit Jahren gemeinsam Weihnachten im Strandhaus von Sylvie, deren Lebenspartnerin dann nicht dabei ist. Die vier Frauen kennen sich gefühlt seit Ewigkeiten.
In diesem Jahr ist es anders, eine fehlt. Sylvie ist gestorben und die drei übrigen Freundinnen reisen an, um das Haus zu entrümpeln und es fertig zum Verkauf zu machen. Darum hatte sie Gail, Sylvies Partnerin, gebeten.
Die drei Freundinnen haben eine schwere Aufgabe vor sich, macht sich doch bei jeder von ihnen das Alter auf andere Art und Weise bemerkbar und auch die Unterschiede zwischen ihnen sind sehr deutlich. Sylvie funktionierte als verbindendes Element zwischen den vier unterschiedlichen Frauen.
„Das war etwas, worüber niemand redete: Wie kleinlich der Tod einen werden lassen konnte. Und dass man sich mit Freunden neu arrangieren und um die Lücke herumschleichen musste, die der oder die Tote hinterlassen hatte, alle plötzlich ratlos, wie sie miteinander umgehen sollten.“
Aus „Ein Wochenende“ von Charlotte Wood
Schon die Anreise zum Haus ist von dunklen Wolken begleitet, denn Adele kommt zu spät, Wendy bringt ihren dementen Hund mit und Jude ist darüber not amused. Es ist klar, dass da so einiges unter der Oberfläche brodelt und raus will.
„Es war anstrengend, befreundet zu sein. Hatten sie sich je die Wahrheit sagen können?“
Aus „Ein Wochenende“ von Charlotte Wood
Und es kommt so einiges ans Tageslicht, was vielleicht besser nicht ans Licht gekommen wäre.
Wie hat mir „Ein Wochenende“ gefallen?
„Ein Wochenende“ ist mir irgendwann in einer Buchhandlung aufgefallen und ich habe es mitgenommen, weil es sich so interessant anhörte. Drei Freundinnen, die das Haus der vierten im Bunde entrümpeln und in ihrer letzten Lebensphase stehen. Ein ganz anderes „Coming-of-Age“. Für mich stellte sich die Frage, wie die drei damit umgehen werden und wie es diese Freundschaft verändern wird.
Es gibt viele Bücher über Freundschaft, auch und besonders über Frauenfreundschaften, aber ich kenne nicht so viele (gar keine?) über solche Freundschaften im Alter und das hat mich gleich gecatcht. Freundschaften sind das gelbe vom Ei im Leben, die Pfeiler, die einen tragen, wenn es schlecht läuft und wie ist das im Alter, wie verändert sich Freundschaft, wie verändern wir uns in dieser Zeit und wie gehen wir damit um.
All diesen Fragen nimmt und sich Charlotte Wood, die ich bis dato noch nicht kannte, an. Sie hat selbst ein Alter ähnlich dem meinem und das trägt unter Umständen dazu bei, dass ich mich zu diesem Buch hingezogen fühlte. Sie spricht auch das Älterwerden und die unschönen Seiten, direkt an.
„Und Wendy erinnerte sich an etwas Merkwürdiges: Vor vielen Jahren, in ihren Fünfzigern, hatte sie eines Tages auf der Toilette gesessen und beim Pinkeln gedacht: Ich rieche wie meine Großmutter. Es war schockierend, dass da ein Geruch war, den sie erkannte, dass er von ihrem Körper ausging und etwas mit Altwerden zu tun hatte.“
Aus „Ein Wochenende“ von Charlotte Wood
Sie beschreibt die sehr unterschiedlichen Frauen so gut, dass beim Lesen der Eindruck da ist, dass sie neben einem im Raum sind. Jude, elegant, über den Dingen stehend wirkend und mit einer direkten Art ausgestattet, die mich sofort an Olive Kitteridge von Elizabeht Strout denken ließen. Allerdings ist sie dann doch anders. Wendy ist mit Intelligenz gesegnet und hadert mit ihrem Alter bzw. der Beziehung zu ihren Kindern. Sie ist eine liebevolle, leicht verhuscht wirkende Frau, den Kopf immer ein wenig in den Wolken und immer um ihren dementen Hund bemüht, was Jude übel aufstößt. Adele ist eine in die Jahre gekommene Schauspielerin, deren Lebensmittelpunkt sie selbst ist.
Die verstorbene Sylvie hatte die Aufgabe, diese ungleichen Frauen zusammenzuhalten, obwohl nie so ganz viel über sie berichtet wird, in den Unterhaltungen der Frauen bzw. in ihren Köpfen geht es viel um das eigene Leben und was jede von ihnen noch erwartet und erreichen möchte.
Adele hätte gerne noch einmal eine Rolle, die ihr außer Ruhm auch Geld einbringt, Wendy möchte eine gute Beziehung zu ihren Kindern und Jude hat auch so ihre Probleme bzw. Gründe, die sie am wirklichen Glück hindern. Sie alle haben noch ihre Ziele und offenen Rechnungen, da wird nicht darauf gewartet, dass das Ende irgendwann kommt.
Charlotte Wood beschreibt die drei Charaktere so witzig und bissig, wie es vom Verlag angekündigt wurde und wirft einen ehrlichen Blick auf die Freundschaft der sehr unterschiedlichen Frauen. Sie sind so verschieden und doch ist da ein Band, das sie zusammenhält und füreinander da sein lässt bei allen Gemeinheiten, die sie mit der Ehrlichkeit des Alters nicht nur denken, sondern auch aussprechen.
Und das macht das Buch so glaubwürdig und tatsächlich unterhaltsam, auch wenn vieles nicht lustig ist. Sie setzen sich mit sich selbst und ihrem beginnenden Verfall auseinander und sind doch mitten im Leben und zeigen, wie Freundschaft trotz aller Verschiedenheiten trägt.
Der Hund Finn ist wie ein Sinnbild für das, was kommen kann. Die Bedrohungen des Alters, das langsame Vergessen, die Veränderungen, die bevorstehen, das Ungewisse. Auch die Frage, ob man das allein durchstehen muss oder ob jemand da ist. So habe ich Finn gesehen, obwohl er auch noch eine andere Rolle hat im Buch. Wie wird es am Ende sein, etwas, das vermutlich die meisten beiseite schieben, alt sind ja immer nur die anderen.
Es hat mir gut gefallen und gut getan, darüber mit Mirjam zu reflektieren, mit der ich „Ein Wochenende“ gemeinsam gelesen habe.
Die Autorin hat ein paar interessante Nebencharaktere in die Geschichte eingewoben und auch Prüfungen für die Freundinnen eingebaut. Es ist im Ganzen gelungen, ich habe viel gelacht und ich empfehle es gerne.
Über die Autorin:
Charlotte Wood wurde 1965 in Cooma in New South Wales in Australien geboren und promovierte an der University of New South Wales. Sie ist Journalistin und Autorin von mehreren Romanen und Sachbüchern und wurde unter anderem mit dem Stella Prize und dem Prime Minister’s Literary Award ausgezeichnet. Sie lebt in Sidney und gilt laut Wikipedia-Eintrag als eine der originellsten und provokantesten Autorinnen Australiens.
Über die Übersetzerin:
Brigitte Walitzek wurde 1952 geboren und arbeitet seit 1986 als Übersetzerin, z. B. von Margaret Atwood und Virginia Woolf. Sie lebt in Berlin.
Autorin: Charlotte Wood
Übersetzerin: Brigitte Walitzek
Erscheinungsdatum: 13. Juli 2021
Verlag: Kein & Aber
ISBN: 978-3-0369-6125-5
PS: Dieses Buch ist selbst gekauft und ich kaufe Bücher am liebsten in kleinen, inhabergeführten Buchhandlungen. Bei den meisten Buchhandlungen ist es auch möglich, online zu bestellen, sie sind also auf jeden Fall eine Alternative zu den großen Online-Shops. Online bestellen und in der Buchhandlung abholen oder direkt nach Hause liefern lassen, auch eBooks können direkt bei der Buchhandlung deiner Wahl online gekauft werden. Bei mir im Ort gibt es die Hohenlimburger Buchhandlung, dort kaufe ich viele meiner Bücher und sie hat einen Online-Shop. #SupportYourLocalBookshop
Freundschaft im Alter ist auch Thema in „Wohnverwandtschaften“ von Isabel Bogdan. Wie verändert sich Freundschaft, wenn Demenz zum Thema wird? Das Buch nimmt sich diesem Thema an.
